Autoindustrie : Für eine Deutschland-Allianz der Autohersteller
Audi gegen BMW, Mercedes gegen Volkswagen – ein Spiel, das Deutschland in einer von Hardware geprägten Welt zu Wohlstand und Ansehen gebracht hat. Aber in einer durch Software definierten Autowelt gibt es keinen Platz mehr für 300 bis 400 Hersteller. Andere Skaleneffekte werden dazu führen, dass nur wenige Betriebssysteme überleben. Deshalb braucht Deutschland einen Masterplan für die Automobilindustrie.
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Fast alle sind sich darüber einig: Der Wohlstand Deutschlands hat entscheidend mit der marktwirtschaftlichen Ordnung zu tun. Der Staat legt die Spielregeln fest, und die Unternehmer:innen agieren innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens. Staatliche Eingriffe sind grundsätzlich abzulehnen, da vor Ort in den Betrieben und eben nicht zentral bessere Entscheidungen getroffen werden können. Viele Staaten haben sich in der Nachkriegszeit mehr oder weniger diesem marktwirtschaftlichen Ansatz verpflichtet. Hieraus entstanden eine Welthandelsordnung und in diesem Rahmen zahlreiche Freihandelsabkommen und Wirtschaftszonen, wie etwa die Euro-Region.
Seit einigen Jahren brechen Staaten jedoch mit dieser über viele Jahrzehnte gültigen Wirtschaftsordnung, allen voran China. Wirtschaftspolitik, so scheint es, gerät zunehmend in Abhängigkeit von übergeordneten staatspolitischen Interessen. Eine Renaissance der Industriepolitik, so möchte man meinen, jedoch nicht allein nur mit dem Anliegen, Unternehmen, Arbeitsplätze und Steueraufkommen im eigenen Land zu sichern. Vielmehr spielen immer häufiger geopolitische Überlegungen bei der Gestaltung wirtschaftspolitischer Maßnahmen eine entscheidende Rolle. Die Welt zerfällt offenbar in Blöcke mit verschiedenen Auffassungen über Wirtschaftspolitik.
Schon 2010 wollte China die führende Automobilnation werden
Werfen wir dazu einen Blick auf die Automobilindustrie: Bereits im Fünfjahresplan von 2010 rief die damalige chinesische Regierung das Ziel aus, China müsse die führende Automobilnation werden. Da beim Verbrennungsmotor insbesondere die deutschen Hersteller kaum zu schlagen waren, bediente man sich einer simplen Regel: Alle Automobilunternehmen zurück auf null, ab jetzt gilt die Elektromobilität.
Die deutschen Autohersteller treten also nicht nur gegen chinesische Hersteller an, sondern auch gegen einen Staat mit einer industriepolitischen Idee. Hierzu wurde der Elektroantrieb forciert und die Batteriefertigung ausgebaut, alles mit massiven staatlichen Subventionen. Darüber hinaus sichert die chinesische Regierung allerlei Rohstoffe für die Herstellung von Batterien und lässt Terminals und Schiffe für den weltweiten Vertrieb von Elektrofahrzeugen bauen.
Was kann die deutsche Wirtschaftspolitik tun, damit die eigenen Unternehmen eine faire Chance gegen diese vermeintliche chinesische Übermacht besitzen? Den marktwirtschaftlichen Reflex darauf kann man derzeit in der EU beobachten. Zölle sollen den durch Subventionen erzielten Wettbewerbsvorsprung chinesischer Anbieter ausgleichen. Allerdings birgt diese Maßnahme die Gefahr, dass chinesische Behörden mit Zöllen auf europäische Fahrzeuge zurückschlagen. Am Ende könnten sich aufschaukelnde Zölle vor allem die deutschen Autofirmen treffen, da ihr Erfolg immer noch sehr stark vom chinesischen Markt abhängt.
Wenn also Zölle der falsche Weg sind und die Überzeugung gilt, dass der Staat nicht der bessere Unternehmer ist, was dann? Ich bin überzeugt: Es braucht einen neuen Ansatz in der deutschen Wirtschaftspolitik insbesondere mit Blick auf die Automobilindustrie unseres Landes. Ein neues Denken, das die radikalen Veränderungen des Automobils in Sachen Technologie, Digitalisierung und Vernetzung in ein neues, zukunftsorientiertes Geschäftsmodell für die deutschen Hersteller überführt.
Gerade das Automobil entwickelt sich mehr und mehr zu einem Öko-System, bestehend aus Hard- und Software sowie der Vernetzung mit der Außenwelt. Ohne Zweifel verfügen die deutschen Autohersteller über eine beeindruckende Hardwarekompetenz. Aber wie steht es um die Fähigkeit, beste und modernste Software für das autonome Fahren oder für das Info- und Entertainment an Bord zu erstellen?
Blick richtet sich nach Kalifornien, Israel oder Shanghai
Ja, es gibt große Anstrengungen, aber letztlich richtet sich bei diesen Themen der Blick nicht nach Wolfsburg, Stuttgart oder München, sondern zumeist nach Kalifornien, Israel oder auch nach Shanghai. Dies besorgt, denn die Wertschöpfung und somit auch Arbeitsplätze und Steueraufkommen wandern mehr und mehr in andere Regionen der Welt.
Was kann die deutsche Wirtschaftspolitik tun? Es ist höchste Zeit für einen Masterplan. Und zwar nicht im Sinne strenger industriepolitischer Vorgaben. Sondern als neue, an den genannten Veränderungen ausgerichtete Rahmensetzung für die nachhaltige Entwicklung der neuen Kernkompetenzen der Branche.
Dazu müssen dringend und schnell für die Automobilindustrie (und idealerweise auch für andere Schlüsselindustrien unseres Landes) gemeinsam mit den Industrievertretern jene Fähigkeiten benannt werden, die zukünftig unerlässlich sind. Dort, wo man im eigenen Land Wettbewerbschancen sieht (und nur dort), sind Cluster zu initiieren, um genau diese Fähigkeiten zu entwickeln. Abhängig von den zu entwickelnden Fähigkeiten können dies Public-Private-Partnerships, universitäre Initiativen oder auch Kooperationen zwischen einzelnen Unternehmen sein.
Damit leistet der Staat seinen Beitrag, damit eine Plattform entsteht und sich alle relevanten Akteure um ein Thema versammeln. Wie diese Fähigkeiten kombiniert, zusammengesetzt und in Produkte und Dienstleistungen übertragen werden, ist allein Sache der Unternehmen. Hier hat sich der Staat herauszuhalten.
Wirtschaftspolitik dient dazu, die „runden Tische“ bereitzustellen, um die von der Industrie als bedeutsam erachteten zukünftigen Fähigkeiten zu entwickeln und alle Akteure zu vereinen. Im Unterschied zur Industriepolitik, wo der Staat vorgibt, welche Industrie und welche Produkte gefördert werden, entsteht ein Masterplan, um die für die Autobranche (und andere wichtigen Industrien) als zentral erachteten Fähigkeiten im eigenen Land zu entwickeln.
Kein Platz mehr für 300 bis 400 Hersteller weltweit
Genau dieser Masterplan fehlt in Deutschland für die Automobilindustrie. Audi gegen BMW, Mercedes gegen Volkswagen – ein Spiel, das Deutschland in einer von Hardware dominierten Welt zu Wohlstand und Ansehen gebracht hat. Aber in einer durch Software definierten Autowelt gibt es keinen Platz mehr für 300 bis 400 Hersteller weltweit. Andere Skaleneffekte werden dazu führen, dass voraussichtlich nur noch wenige Steuerungs- und Betriebssysteme überleben.
Waymo, Tesla, Mobileye sind womöglich schon gesetzt. Wie viel Platz bleibt da noch für die etablierten Autofirmen? Es wird immer enger für die deutschen Hersteller in dieser Transformation. Die Wirtschaftspolitik sollte hier nicht weiter zuschauen. Warum schafft sie nicht den Rahmen für eine Deutschland-Allianz der Autoindustrie?
Das Ziel dieser neuen Wirtschaftspolitik liegt auf der Hand: Es gilt sicherzustellen, dass die wertschöpfenden Tätigkeiten der Zukunft nicht immer weiter ins Ausland wandern. Wie so etwas funktioniert, kann man am Beispiel des Mobility Valley in Israel beobachten. Dort ist unter Mithilfe der Regierung ein Cluster für Software vor allem rund um Cyber-Sicherheit sowie das vernetzte und autonome Fahren entstanden. Mittendrin Firmen wie Mobileye oder Argus, aber auch alle deutschen Autofirmen betreiben dort Forschungszentren.
Wenn man fragt, warum? Top-Universitäten, Tech-Firmen, Behörden, Autohersteller, Software-Schmieden, Venture-Firmen, Banken, alle auf engstem Raum und dem gemeinsamen Ziel verpflichtet, das weltweit führende Zentrum für die neue Mobilität zu werden. So geht erfolgreiche Wirtschaftspolitik.
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