Reform der DB InfraGO : Helden des Chaos
Welche Eisenbahn will Deutschland? Eine, die Störungen „aushält“, oder eine, die sie aktiv überwindet und Züge in Bewegung hält? Die DB InfraGO braucht den klaren Auftrag, messbare Zusagen zu machen und sie mit moderner Steuerung einzulösen. Dann können die Mitarbeitenden mit Recht sagen: Wir sind die Helden des Chaos – nicht, weil wir Stillstand verwalten, sondern weil wir das System in Bewegung halten.
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Für den größten Teil der Schienenstrecken in Deutschland ist die DB InfraGO AG verantwortlich. Sie gehört zur Deutsche Bahn AG, die wiederum zu 100 Prozent der Bundesrepublik gehört. Die Schiene ist ein robustes System, das unter Einfluss von Wetter, Technik und Menschen permanent im Ausnahmezustand läuft. Genau deshalb muss der Maßstab für die DB InfraGO lauten: Züge in Bewegung halten – auch und gerade bei Störungen. Statt Pünktlichkeit als Hauptkennzahl braucht die Infrastruktur verbindliche Leistungsversprechen, messbare Ziele und konsequentes Störungsmanagement.
Heute dominiert Pünktlichkeit die Debatte. Sie ist leicht kommunizierbar, sagt aber wenig über die isolierte Leistung der Infrastruktur aus. Sinnvoller sind Kennzahlen, die die Fähigkeit der DB InfraGO messen, den Verkehr unter widrigen Bedingungen stabil zu steuern: Verfügbarkeit, Reaktionszeit, Störungsdauer, Durchsatz im Störfall. Nur wer die Infrastruktur daran misst, bekommt eine verlässliche Aussage über deren Qualität.
Dass Störungen der Normalfall sind, lässt sich gut dokumentieren: Die sogenannte Kodier-Richtlinie, die beispielsweise genutzt wird, damit die Fahrgäste wissen, woher die Verspätung ihres Zuges kommt, listet mehr als vier Dutzend Verspätungsursachen auf – der vermeintliche Ausnahmezustand ist strukturiert erfassbar. In der Pandemie stieg die Pünktlichkeit, auch weil weniger Menschen fuhren – nicht etwa, weil die Infrastruktur plötzlich fehlerfrei war. Das bestätigt: Externe Einflüsse bestimmen das Ergebnis maßgeblich. Die Kernfrage ist, wie professionell die Infrastruktur darauf reagiert.
So viele Züge wie möglich in Bewegung halten
Genau hier liegt der blinde Fleck. Wenn bei größeren Störungen zunächst „alles angehalten“ wird, verfestigt sich Stillstand als Standardreaktion. Und wenn Umleitungen, Fahrpläne und Informationsketten bis heute überwiegend manuell abgewickelt werden, wird wertvolle Zeit verschenkt. Das Leitmotiv muss sich verändern: Weg vom Stop-Knopf, hin zur Maxime „so viele Züge wie möglich in Bewegung halten“ – unterstützt durch digitale Werkzeuge, automatisierte Prozesse und klare Zuständigkeiten.
Was braucht es dafür? Verbindliche, finanzierte Ziele und einen politischen Auftrag, der die DB InfraGO zu hoher Resilienz und Echtzeitsteuerung verpflichtet. Die Branche braucht klare, öffentlich überprüfbare Kriterien, praktisch ein Service Level Agreement:
Verfügbarkeit: Anteil nutzbarer Infrastruktur
Gute Infrastruktur bemisst sich an ihrer Verfügbarkeit. Welche Strecken stehen zuverlässig zur Verfügung? Wie gut ist die uneingeschränkte Verfügbarkeit? Welche Reise- und Transportzeiten dürfen Fahrgäste und befördernde Unternehmen auf welchen Strecken erwarten?
Höchstdauer einer Störung: Zielzeiten bis Wiederherstellung
Standardisierte Soll-Entstörungszeiten helfen den betroffenen Verkehrsunternehmen dabei, ihre Planungen anzupassen. So wird eine schnelle und qualitativ hochwertige Fahrgast- und Kundeninformation für Reisende und Wirtschaftsunternehmen ermöglicht. Die Prognosegüte steht im Mittelpunkt, weil es okay ist, wenn etwas nicht funktioniert, solange man mehrheitlich zuverlässig mit einem Zeitpunkt planen kann, ab dem der Regelbetrieb wieder aufgenommen werden kann.
Reaktionszeit: Zeit bis zum Wiederanlauf des Verkehrs
Im operativen Geschäft bilden Arme und Beine zu oft eine rotierende Scheibe, vor allem dann, wenn etwas schiefgeht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Leitstellen und Stellwerken müssen sich auf ein schnelles Eingreifen durch die Betriebszentralen verlassen können, die die übergeordnete Verkehrssteuerung verantworten. Je standardisierter und automatisierter diese Prozesse sind, desto schneller kann im Ereignisfall reagiert werden.
Wie lange dauert es, bis ein voll besetzter ICE einen Umleitungsfahrplan bekommt? Wie schnell wird entschieden, ob beim Nahverkehrszug ein Halt ausfallen darf, damit er wenigstens weiterfahren kann? Welchen Umleitungsweg kann ein Güterzug noch fahren, um in der zulässigen Arbeitszeit des Lokpersonals sein Ziel zu erreichen?
Mit diesen und weiteren Leitplanken wird Leistung messbar, intern steuerbar und extern überprüfbar. Digitalisierung ist dabei kein „nice to have“, sondern eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit: Jede vermiedene Minute Stillstand spart Kosten, schützt Lieferketten und entlastet Reisende. Auch angesichts neuer sicherheitspolitischer Anforderungen gehört die Verfügbarkeit der Schiene auf die Prioritätenliste – mit Technik, Personal und Prozessen, die den Ausnahmezustand beherrschen.
Die Frage an Politik und Unternehmensführung lautet: Welche Eisenbahn will Deutschland? Eine, die Störungen „aushält“, oder eine, die sie aktiv überwindet und Züge mit Reisenden und Waren in Bewegung hält? DB InfraGO braucht den klaren Auftrag, messbare Zusagen zu machen und sie mit moderner Steuerung einzulösen. Dann können die Mitarbeitenden mit Recht sagen: Wir sind die Helden des Chaos – nicht, weil wir Stillstand verwalten, sondern weil wir das System in Bewegung halten.
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