Zukunft der Autoindustrie : Jetzt nicht das Gas rausnehmen
Die erneute Diskussion für oder gegen das Verbrennerverbot 2035 lenkt den Blick ab von der zentralen politischen Aufgabe, die europäische Autoindustrie wieder global wettbewerbsfähig zu machen.
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In China sind durch kluge Wirtschaftspolitik in den vergangenen zehn Jahren die neuen Herausforderer der globalen Autoindustrie entstanden: Konzentration auf die Zukunftstechnologie des Autos, die Elektrifizierung. Schaffen exzellenter Rahmenbedingungen dafür, dass sich die Zukunftstechnologie auch beim Kunden durchsetzt. Das Entfachen von unglaublich intensivem Wettbewerb, schneller Hochlauf, günstiger Ladestrom, ausreichende Ladenetze, Bevorzugung der neuen Technologie, wo immer möglich. So sieht eine kluge Wirtschaftspolitik im Wandel aus.
Letztlich wurde dadurch schneller mehr erreicht als eigentlich vorgesehen: Erst 2030 sollten etwa 50 Prozent sogenannte New Energy Vehicle – also Plug-in-Hybride und E-Fahrzeuge – abgesetzt werden. Erreicht wurde das Ziel 2024, also sechs Jahre früher als geplant. Auch dort setzt der Wandel den etablierten Autounternehmen und den Zulieferern ordentlich zu. Es sind insbesondere die Staatsbetriebe, die deutlich Marktanteilsverluste hinnehmen müssen. Selbst das nimmt man in Kauf, um eine zukunftssichere, global wettbewerbsfähige Autoindustrie zu schaffen.
Unsinnige Diskussion um Technologieoffenheit
Verständlich ist die erneute Diskussion in Deutschland, denn die Wertschöpfung am Verbrenner trägt noch viel zum Wohlstand bei – wenn auch abnehmend und mit den nun deutlich erkennbaren Schmerzen der Strukturanpassung: Continental, ZF Friedrichshafen, Bosch, Mahle – das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Dennoch, ein weiteres Verzögern des anstehenden Wandels wird vor allem den chinesischen Herausforderern nutzen. Die deutsche Politik der letzten Jahre war eine Politik der Verzögerung und Verlangsamung: Erst die unsinnige Diskussion um Technologieoffenheit – weder Brennstoffzelle noch synthetische Kraftstoffe können eine Alternative zur Elektrifizierung werden – das weiß und wusste jeder, der etwas naturwissenschaftliche Ausbildung genossen hat.
Dann das An- und Abschalten der Förderungen, nicht zuletzt die ungebrochene Fortführung der Dieselsubventionen, der mangelnde Fokus der Politik auf Ladeinfrastruktur und günstigen Strom, aber vor allem die unklaren Signale, haben die Kunden lange Zeit verunsichert. Letztlich hat das dazu geführt, dass viele Hersteller, die an sich gut vorbereitet waren, mit vielen neuen Produkten dann doch die Flottenemissionsziele des Gesetzgebers kaum einhalten können.
Schlechter und unkoordinierter kann man einen Strukturwandel, der ja sektorübergreifend funktionieren muss, kaum organisieren. Dem politischen Überlebenskampf der Regierungsparteien mit der AfD wurde eine vernünftige, konsistente Industriepolitik geopfert.
Nur so konnte es dazu kommen, dass heute chinesischen Hersteller und Zulieferer auf der Basis immenser Skalenvorteile im Heimatmarkt und einer extremen Wettbewerbsdynamik im eigenen Land das leistungsfähigste Automobilcluster der Welt bilden. Bitte nicht vergessen: Bei Premiumfahrzeugen war dieses Hochleistungscluster mit BMW, Porsche, Mercedes, Audi und teilweise VW bislang eine deutsche Domäne, die außerordentlich viel zum deutschen Exporterfolg und damit Wohlstand beigetragen hat.
Politik muss den Wandel beschleunigen
Gerade jetzt, wo die deutsche Autoindustrie – wie auf der IAA Mobility und auch bei den Markanteilen sichtbar – zeigt, dass sie bei den neuen Technologien durchaus mithalten kann. Wo sie Momentum und Innovationskraft in den neuen Technologien zeigt und Marktanteile gewinnt. Gerade jetzt darf man nicht nachlassen und das Gas rausnehmen bei den Zukunftstechnologien. VW hält in Europa derzeit 27 Prozent Marktanteil, so viel wie nie zuvor, und das bei Verbrennern und E-Fahrzeugen. Bei E-Fahrzeugen ist der Anteil damit doppelt so hoch wie Tesla.
Nein: Die richtige Politik ist es, den Wandel zu beschleunigen, und die eigenen, vorhandenen Stärken zu nutzen: das Verständnis der Bedürfnisse des Premiumkunden, die Kraft und Konsistenz der Marke, die loyalen Handels- und Servicenetzwerke.
All das können die Herausforderer noch nicht ausreichend gut. Es gilt auch, neue, derzeit nur in Europa funktionsfähige, systemische Ansätze kraftvoll zu fördern, wie die nahtlose Integration des E-Fahrzeuges als Energiespeicher in das Energienetz, oder zumindest in das Haus. Elektro-Energiesysteme wie jetzt von BMW, Mercedes, VW und Renault und The Mobility House gehören propagiert. Auch die weltweit schnellsten Ladenetzwerke für Premiumfahrzeuge zu schaffen, muss ein Vorhaben sein.
Zukunft gestalten statt aufhalten
Eine erneute Diskussion und Revision eines Ausstiegsdatums gibt wieder alle Orientierung auf, zum falschen Zeitpunkt. Letztlich lässt sie wiederum die Industrie alleine mit der Aufgabe, ja befreit die Politik und Regulierer davon, den Wandel kräftig zu unterstützen und nutzt vor allem den neuen Wettbewerbern, die sich nicht mehr mit den alten Technologien beschäftigen müssen.
Je mehr sich die deutsche Industrie weiterhin mit auslaufenden Nischentechnologien wie zum Beispiel Diesel für Pkw beschäftigt, desto leichter fällt es den chinesischen Unternehmen, ihren Vorsprung bei Batterien und den neuen Elektronik-Architekturen für Fahrzeuge weiter auszubauen. Dabei haben Diesel-Pkw nur noch 13 Prozent Marktanteil in Deutschland und sind in den großen Märkten der Welt, USA, China und Japan, praktisch unverkäuflich.
Jetzt gilt es, Zukunft zu gestalten, wieder nach vorne kommen in den neuen Technologien, nicht den Wandel aufhalten, nicht zurückrudern. Peter Drucker sagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Die Zukunft aufhalten wird Deutschland nicht. Verzögerung bringt vielleicht eine kurzfristige Linderung der Schmerzen, aber auch eine Verlängerung des Leidens. Die führende Position in der Welt erreicht man dadurch nicht.
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