Meereswirtschaft im Fokus : Ohne maritime Wende keine Klimawende
Europa kann seine Klima- und Energieziele nur erreichen, wenn Schifffahrt, Häfen und Meerestechnologien konsequent dekarbonisiert werden. Die maritime Transformation wird zur Schlüsselaufgabe für Wirtschaftssicherheit, Versorgung und Ökosysteme.
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Die maritime Dekarbonisierung ist kein Nischenthema, sondern Fundament einer resilienten europäischen Klima- und Wirtschaftsstrategie. Der Klimawandel und die menschlichen Einwirkungen auf die Ozeane und die Meeresumwelt bergen erhebliche Risiken.
Die mögliche Verschiebung der Meeresströmungen, der Anstieg von Meeresspiegel und Meerestemperaturen, die Versäuerung und die Belastung durch Plastik und andere Stoffströme haben nicht nur katastrophale Auswirkungen auf die Biodiversität und Gesundheit mariner Ökosysteme, sondern bedrohen auch weltweite Energie-, Nahrungs- und Logistiksysteme, von denen wir in Deutschland abhängig sind. 40 Prozent der Weltbevölkerung leben in bis zu 100 Kilometer Entfernung der Meeresküsten, und große Teile der globalen industriellen Infrastrukturen sind von der maritimen Logistik abhängig oder befinden sich küstennah.
Die deutsche Meeresforschung hat internationalen Rang und hat viele dieser Zusammenhänge in den letzten Jahrzehnten wissenschaftlich erarbeitet. Deutschland ist ebenso ein wichtiger Akteur in der Meereswirtschaft und in der Schifffahrt und deren Zulieferindustrien aber auch in der Hafen- und Hinterlandlogistik, bei Windenergie, der Wasserwirtschaft, der Netztechnik, der Meeresrobotik und Sensortechnik, der industriellen Automatisierung sowie beim Schutz kritischer Infrastrukturen.
Jetzt gilt es, dieses Handlungswissen gemeinsam in die Gestaltung einer nachhaltigen Meereswirtschaft – einer ‚Blue-Green Economy‘ – und von innovativen Meerestechnologien konsequent einzubringen.
Beherrschbare Zielkonflikte
Deswegen ist es wichtig, dass wir die Dekarbonisierung der Schifffahrt und der maritimen Logistik nicht isoliert betrachten, sondern als ganzheitliche Herausforderung, wie wir lebenswichtige maritime Infrastrukturen nachhaltig und zukunftsfähig umbauen. Diese Herausforderung sollten wir sektorübergreifend angehen – im Hinblick zum Beispiel auch auf nachhaltige Meeresenergien und Meerwasserentsalzung, innovative Anwendungen für CO2-Absorption, alternative Nahrungs- und Biofuelproduktion aus Algen oder Meeres- und Küstenschutz.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa bedarf der signifikanten Erweiterung von Meeresenergie und der dazugehörigen Offshore-Netzinfrastruktur. Ohne diese werden die benötigten alternativen E-Fuels – für die Schifffahrt aber auch die Luftfahrt und andere Industrien – nicht ausreichend hergestellt und verteilt werden können. Dafür brauchen wir auch neue spezialisierte Flotten, Bunkering-Anlagen sowie neugestaltete Häfen- und Terminalflächen.
Die durchaus bestehenden Zielkonflikte – zwischen dem Ausbau maritimer Infrastrukturen und Nutzungen und dem Meeresschutz – sind potenziell beherrschbar, zum Beispiel durch multifunktionale Meeresplattformen, die Windenergie, Algenzucht und den Biodiversitätsschutz integrieren und die zur Zeit auch in Nord- und Ostsee erprobt werden.
Lehren aus der Verkehrswende auf der Straße
Bei der Dekarbonisierung der Schifffahrt und der maritimen Logistik können wir Lehren ziehen aus der Verkehrswende auf der Straße. Statt auf Nutzungs- und Fahrzeugsinnovation wurde lange nur auf Brennstoffwechsel gesetzt – der Fokus sollte aber eben nicht nur auf dem Austausch von Antrieben liegen, sondern von Beginn an auf der vollumfänglichen energetischen und betrieblichen Optimierung von Schiffen und Häfen.
So können Effizienzen in der Kombination verschiedener energiesparender Bordtechnologien, von nachhaltigen Treibstoffen mit unterstützender Windschiffanwendungen oder bei der Integration von Just-in-time-Shipping mit intelligenter Flotten-, Fracht- und Hafendisposition synergetisch umgesetzt werden.
Häfen entwickeln sich zu Energiehubs der Zukunft
Häfen werden zunehmend elektrifiziert und sind potenzielle Energiedrehscheiben die mit nachhaltigen Stromnetzen auch an Land verzahnt werden können. Da bis 2030 alle Schiffe in der EU emissionsfreien Landstrom in Häfen nutzen müssen, gilt es diese maritimen Infrastrukturen in den allgemeinen Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze zu integrieren, und mögliche Synergien, gerade bei der Energiespeicherung, der Netzstabilisierung und dem Ausbau von Elektroladeinfrastruktur, auch für die Hinterlandlogistik voll auszuschöpfen. Maritime Logistikketten sind in ganze Lieferketten eingebettet und können nur durch eine nahtlose Verzahnung mit dem Hinterland und der verteilenden Logistik nachhaltig betrieben werden
Die maritime Industrie hinkt anderen Branchen im Bereich der Innovation noch hinterher, hier gibt es große Potenziale auch für kleinere und mittlere Betriebe sowie Start-ups. Zur Zeit entsteht ein neuer aktiver Sektor von Start-ups mit innovativen Lösungen im Bereich Ocean and Maritime Tech in dem Deutschland und Europa sich dringend weiter positionieren und engagieren sollten. Der weltweite Markt für Meerestechnologien wird bis 2030 exponenziell wachsen. Es gibt spannende Möglichkeiten für Start-ups und Investoren in der Skalierung von Ocean Tech.
Die FuelEU-Maritime-Verordnung setzt dafür bereits einen strategischen Rahmen und entsprechende Anreize. Gerade im Hinblick auf die Versorgungsunabhängigkeit Europas sollten wir jetzt auf eine integrierte maritime Energie- und Logistikverkehrswende setzen, die industrielle Innovation, Wertschöpfung und Technologieführerschaft befördert.
Gleichzeitig sollten wir auch intensiv auf Kooperation mit anderen internationalen Handelspartnern setzen – wie bei der Hamburg Declaration on Decarbonisation of Global Shipping und der Beteiligung Deutschlands an der kanadischen Green Corridor Initiative zur Entwicklung notwendiger Infrastruktur für nachhaltige maritime Logistik. Es ist schade, dass das ambitionierte Programm der IMO auf Grund des Widerstandes einiger weniger Länder verzögert wurde. Aber die Dynamik in Richtung Emissionsminderung und Innovation in der Schifffahrt und der maritimen Industrie bleibt bestehen.
Als Exportnation und wichtiger Akteur in der globalen maritimen Handels- und Industrielogistik sollten wir in Deutschland diese Chance gemeinsam mit anderen Vorreiternationen und mit unseren europäischen Partnern als Wettbewerbsvorteil nutzen, weiter ausbauen und gleichzeitig unsere Anstrengungen zum Meeresschutz und dem Erhalt der marinen Ökosysteme intensivieren.
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