China : Peking eröffnet den nächsten Systemwettbewerb
Das Software Definded Vehicle verändert die Automobilindustrie. In China wird bereits weiter gedacht – zum „AI-defined Vehicle“. Hier entsteht eine neue Machtbalance zwischen klassischen Autoherstellern und Technologieanbietern. Der Druck auf Europa wächst.
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Beim Neujahrsempfang des Verbands der Automobilindustrie (VDA) und des Verbands der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) dominierten der europäische Verbrenner-Kompromiss, Ladeinfrastruktur und Technologieoffenheit die Diskussion.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt das längst überfällige „Software-Defined Vehicle“ (SDV). Integrierte Rechnerarchitekturen ersetzen fragmentierte Steuergeräte, Funktionen werden updatefähig, Geschäftsmodelle digital. Wer hier nicht schneller wird, verliert an Wettbewerbsfähigkeit.
Doch Geschwindigkeit entsteht nicht allein durch Aufholen, sondern durch Vorausdenken. Während Deutschland über Antriebe spricht, verschiebt China die Debatte auf eine andere Ebene. Die chinesische Autoindustrie wird 2026 ein schwieriges Jahr durchlaufen, geprägt von massivem Preisdruck, Überkapazitäten und beschleunigter Konsolidierung. Diese Marktbereinigung ist jedoch kein Rückzug, sondern der Übergang in eine neue Entwicklungsstufe.
Die Elektromobilität in China ist kein industriepolitisches Aufbauprojekt mehr, sondern industrielle Realität. Der strategische Fokus verschiebt sich zunehmend auf künstliche Intelligenz, industrielle Modernisierung und Produktionsarchitekturen.
Diese Verschiebung wurde zuletzt auch auf den im März 2026 abgeschlossenen Two Sessions (Volkskongress und Landeskomitee der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes) bestätigt, bei denen die Prioritäten in Richtung KI, High-End-Manufacturing und industrieller Modernisierung weiter geschärft wurden.
Vom Software-Defined zum AI-Defined Vehicle
Das SDV ist ein notwendiger Schritt: Funktionen werden zentral gesteuert und per Update freigeschaltet. Doch in China wird bereits weiter gedacht – zum „AI-defined Vehicle“.
Der Unterschied zeigt sich an einer einfachen Funktion wie der Klimasteuerung. Im SDV reagiert das System auf Fahrereingaben nach programmierten Regeln. Das KI-definierte Fahrzeug hingegen analysiert fortlaufend Kontextdaten – von Außentemperatur bis zu Hinweisen auf Müdigkeit oder Stress – und passt Einstellungen situativ an.
Im Zentrum steht ein lernendes System. Beim SDV liegt die Intelligenz in der Funktion, beim AI-defined Vehicle liegt sie im Modell. Wert entsteht nicht mehr primär durch Feature-Integration, sondern durch Daten- und Modellkompetenz.
Wie stark sich diese Logik verschieben kann, zeigt die Harmony Intelligent Mobility Alliance (HIMA) von Huawei. Der Technologiekonzern liefert eine umfassende KI-Architektur als digitale Plattform für verschiedene Hersteller und plant für 2026 eine erhebliche Ausweitung seines Modellangebots. Hier entsteht eine neue Machtbalance zwischen klassischen OEMs und Technologieanbietern.
Konsolidierung als Phasenwechsel
Der aggressive Wettbewerb der vergangenen Jahre hat die chinesische Branche an ihre Grenzen geführt. Die durchschnittlichen Gewinnmargen sind deutlich gesunken, einige Hersteller operieren nur noch mit minimaler Profitabilität. Politik und Industrie diskutieren offen über Maßnahmen gegen „irrationalen Wettbewerb“ und eine stärkere Disziplinierung des Marktes. Entsprechende Signale wurden auch im Umfeld der Two Sessions gesetzt, die stärker auf Qualität, Effizienz und industrielle Konsolidierung abzielen.
Damit wandelt sich die Logik von expansiver Mengenstrategie zu qualitativer Entwicklung. Die Ära breit gestreuter Förderung weicht einer selektiveren Steuerung. Schwächere Anbieter verschwinden, während die Überlebenden an Größe, vertikaler Integration und technologischer Tiefe gewinnen. Kurzfristig erhöht das den Druck – auch auf Europa. Langfristig markiert es sehr wahrscheinlich den Übergang in eine Systemphase der Industrieentwicklung.
Die eigentliche Disruption: Die KI-Fabrik
China beschleunigt derzeit die industrielle Automatisierung mit hoher Dynamik. Das Land bleibt auch 2025 der weltweit größte Markt für Industrieroboter, mit jährlich weit über 250.000 neu installierten Systemen. Große Hersteller investieren Milliardenbeträge in neue Fertigungsarchitekturen, während humanoide Robotik als flexible Ergänzung klassischer Automatisierung erprobt wird.
Die Skalierung ist politisch gewollt und industriepolitisch flankiert. Doch die eigentliche Disruption liegt nicht im Roboter selbst. Ein struktureller Produktionssprung war Teslas Einführung großformatiger Druckgussverfahren, mit denen Bauteilanzahl und Fertigungskomplexität deutlich reduziert wurden. Was dort mechanisch integriert wurde, wird nun digital orchestriert.
In einer KI-Fabrik werden Produktionsentscheidungen datenbasiert und in Echtzeit getroffen. Lieferengpässe, Qualitätsabweichungen oder Nachfrageschwankungen werden algorithmisch simuliert und angepasst. Stillstand sinkt, Ausschuss wird früher erkannt, Varianten lassen sich schneller integrieren. Bereits Effizienzgewinne im einstelligen Prozentbereich wirken in einer margenschwachen Industrie erheblich.
Systemdenken entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit
Robotik ist die operative Ebene. Die strategische Differenz entsteht durch die KI, die Prozesse, Materialflüsse und Qualitätsentscheidungen systemisch orchestriert. Was Henry Ford mit dem Fließband für Arbeitsabläufe erreichte und Tesla mit der Bauteilintegration vorantrieb, könnte eine KI-Fabrik für Produktionsentscheidungen leisten: Sie automatisiert nicht nur Handgriffe, sondern auch Entscheidungen.
Für Europa lautet die zentrale Frage daher nicht, ob der Verbrenner 2035 noch eine Rolle spielt. Wenn sich Produktintelligenz in trainierten Modellen bündelt und Produktionsprozesse algorithmisch orchestriert werden, verläuft der Wettbewerb künftig zwischen integrierten Systemen – nicht mehr nur zwischen Marken oder einzelnen Fahrzeugen. Der Wettbewerb verschiebt sich von Auto gegen Auto zu System gegen System. Während Deutschland über Antriebe spricht, entscheidet China über Architekturen.
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