EU-Fluggastrechte : Reform gerät im Endspurt auf Abwege
Die EU-Gesetzgeber befinden sich in diesen Tagen auf der Zielgeraden bei den Verhandlungen zur Reform der Fluggastrechte. Doch ein übereilter, fehlerhafter Kompromiss treibt nur die Kosten in die Höhe, ohne die eigentlichen Ursachen von Flugverspätungen anzugehen.
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In Brüssel spitzen sich in diesen Tagen die Verhandlungen über die EU-Fluggastrechte zu. Mitgliedstaaten und Europäisches Parlament stecken in der entscheidenden Phase fest. Seit Dienstag laufen die Verhandlungen, bis Donnerstagfrüh ohne Ergebnis.
Seit über zwei Jahrzehnten soll die sogenannte EU-Verordnung 261 – eines der weltweit ambitioniertesten Regelwerke dieser Art – Reisenden Planungssicherheit bei Verspätungen oder Annullierungen garantieren. Das Prinzip ist richtig und wird parteiübergreifend unterstützt. Die Realität sieht jedoch anders aus: Weil der Gesetzestext unpräzise formuliert war, folgten unzählige Gerichtsverfahren. Eine Reform ist daher längst überfällig.
Die Entscheidungen werden alle Reisende in Europa betreffen. Wenn die Politik jetzt nicht aufpasst, droht eine Reform, die auf dem Papier zwar entschlossen wirkt, in der Praxis den Passagieren aber einen Bärendienst erweist.
Warum die Drei-Stunden-Regel nach hinten losgeht
Im Zentrum der aktuellen Reformdebatte steht die Frist für Entschädigungen bei Verspätungen von mehr als drei Stunden. Diese Grenze wurde seinerzeit gar nicht vom Gesetzgeber festgelegt, sondern nachträglich von Gerichten reininterpretiert. Mit der Realität des eng getakteten Flugbetriebs war sie noch nie vereinbar. Sie hat auch nicht dazu beigetragen, Verspätungen zu reduzieren – im Gegenteil: Die Verspätungen im Flugverkehr sind in den vergangenen zehn Jahren um 114 Prozent gestiegen (Iata 2025).
Dass Passagiere eine faire Absicherung verdienen, steht völlig außer Frage. Schließlich wollen auch die Fluggesellschaften ihre Kunden pünktlich ans Ziel bringen. Entschädigungen bei Verspätungen oder Ausfällen, die auf mangelhafte Planung der Airline oder Personalengpässe zurückzuführen sind, sind fair und absolut notwendig. Die bittere Wahrheit ist jedoch: Die meisten Verzögerungen liegen außerhalb des direkten Einflussbereichs der Fluggesellschaften – und für die Ursachen gibt es oft keine schnelle Lösung.
Technische Probleme lassen sich nicht im Minutentakt beheben. Selbst routinemäßige Reparaturen nehmen oft fast einen ganzen Arbeitstag in Anspruch, bevor eine Maschine wieder sicher abheben kann. Bei Sicherheitschecks darf nicht geschlampt werden – das wäre auch nicht im Sinne der Reisenden. Muss ein Flugzeug am Boden bleiben, müssen die Airlines eine Ersatzmaschine und eine neue Crew organisieren, die oft erst aus einer anderen Stadt oder einem anderen Land eingeflogen werden müssen. Das bedeutet: Piloten, Kabinenpersonal, Betankung, Gepäckabwicklung und Boarding müssen komplett neu koordiniert werden. In der Praxis dauert das meist eher fünf als drei Stunden.
Das Ergebnis ist paradox: Regeln, die Passagiere schützen sollen, verlängern die Verspätungen im Zweifel nur. Eine realistischere Zeitgrenze würde die Rechte der Verbraucher nicht schwächen. Sie würde vielmehr dabei helfen, die extremsten und nervenaufreibendsten Verspätungen – also genau die, die Fluggäste am meisten belasten – um bis zu 40 Prozent zu reduzieren.
Lassen Sie uns eines klarstellen: Fluggesellschaften wollen genau wie ihre Passagiere pünktlich sein. Wir haben kein Interesse an Verspätungen, sondern jeden Grund, sie zu minimieren. Jede Minute Verspätung kostet die Airlines rund 127 Euro (Eurocontrol 2025) – während der durchschnittliche Gewinn pro Passagier bei gerade einmal acht Euro liegt (Iata 2024).
Wer zahlt am Ende? Die 15-Milliarden-Euro-Frage
Zur Wahrheit gehört auch eine unangenehme Erkenntnis: Die Zeche für die Entschädigungen zahlen letztlich die Passagiere selbst. Schon heute belaufen sich die Kosten für Ausgleichszahlungen nach EU-Recht auf jährlich acht Milliarden Euro. Diese Kosten sind in die Ticketpreise einkalkuliert. Das bedeutet: Auch Passagiere, die völlig reibungslos fliegen, zahlen am Ende mehr. Nach den aktuellen Plänen könnten sich diese Gesamtkosten fast verdoppeln – auf bis zu 15 Milliarden Euro. Dies würde unweigerlich zu höheren Ticketpreisen führen, und das in einer Zeit, in der viele Haushalte die gestiegenen Reisekosten ohnehin schon im Portemonnaie spüren.
Das „kostenlose“ zusätzliche Handgepäck ist ein gutes Beispiel für eine Maßnahme, die auf dem Papier verlockend klingt, dem Passagier unterm Strich aber schadet. Sie nimmt dem Verbraucher die Wahlfreiheit. Plötzlich müssen alle für ein zusätzliches Gepäckstück bezahlen – auch diejenigen, die es gar nicht brauchen. Zudem bedeutet jedes zusätzliche Stück Gepäck an Bord mehr Gewicht, was den Kerosinverbrauch hochtreibt und ganz nebenbei den CO2-Fußabdruck der gesamten Reise vergrößert.
Wenn sich die Kosten nahezu verdoppeln, müssen die finanziellen Lasten für Entschädigungen fair auf alle Akteure verteilt werden, die an der Beförderung beteiligt sind – und nicht allein bei den Fluggesellschaften hängenbleiben. Personalmangel bei der Flugsicherung, endlose Schlangen an den Grenzkontrollen oder Flughafenschließungen wegen Drohnenflügen: All das sind Probleme, die Airlines weder verursacht haben noch im Alleingang lösen können.
Passagiere verdienen Schutz. Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Was wir brauchen, ist ein flexibles, pragmatisches Regelwerk, das die Realität des europäischen und globalen Luftverkehrs in einer immer unberechenbareren Welt widerspiegelt.
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