Trumps Handelspolitik : Wenn der Preis zur Waffe wird
Trumps 25-Prozent-Zölle auf EU-Autos sind kein temporärer Schock. Sie zeigen, dass der deutschen Automobilindustrie robuste Mechanismen fehlen, um mit dauerhafter geopolitischer Unberechenbarkeit umzugehen. Das muss sich ändern.
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Der 1. Mai 2026 war kein gewöhnlicher Tag für die deutsche Automobilindustrie. Donald Trump kündigte auf Truth Social an, ab der kommenden Woche Einfuhrzölle auf Autos und Lastwagen aus der EU auf 25 Prozent anzuheben. Der Schritt kam abrupt, ohne erkennbaren diplomatischen Vorlauf und mit unmittelbarer Wirkung auf die Märkte. Innerhalb von Stunden verloren die Aktien von BMW, Mercedes-Benz, VW und Porsche deutlich an Wert.
Das eigentliche Problem ist nicht der Zollanstieg von 15 auf 25 Prozent. Das eigentliche Problem ist, dass die deutsche Automobilindustrie keine robusten Mechanismen hat, um mit dieser Art dauerhafter Unberechenbarkeit umzugehen. Wer das jetzt nicht ändert, wird beim nächsten Schock genauso unvorbereitet sein wie bei diesem.
Wer am härtesten getroffen wird
Nicht alle Hersteller stehen gleich stark unter Druck. Entscheidend ist, wie viel eigene Produktion bereits auf US-Boden steht. Porsche und Audi haben keine eigene US-Produktion und sind deshalb im US-Geschäft besonders stark auf Importe angewiesen. BMW hingegen produziert in Spartanburg, South Carolina, und kann den US-Bedarf für SUV-Modelle teilweise zollfrei decken.
VW ist der komplexeste Fall. Der Konzern steht bereits unter hohem Ergebnisdruck, die US-Eigenproduktion reicht nicht aus, um europäische Exporte vollständig zu ersetzen, und das Markenportfolio bietet weniger Preissetzungsspielraum als bei den Premiumherstellern.
Noch exponierter, und das wird in der öffentlichen Debatte regelmäßig übersehen, sind viele Zulieferer. Bosch meldete für 2025 einen deutlichen Rückgang des operativen Gewinns, ZF will bis Ende 2028 bis zu 14.000 Stellen in Deutschland abbauen.
Sinkt nun die Produktionsmenge der großen Hersteller, brauchen diese weniger Komponenten. Und ein OEM, der selbst unter Druck steht, wird diesen Druck in den Einkaufsverhandlungen konsequent weiterreichen. Die Zulieferer stehen am Ende einer Druckkette, ohne die Möglichkeit, diesen Druck einfach weiterzugeben.
Was Handelskonflikte mit Preissetzung machen
Handelskonflikte treffen Unternehmen nicht nur über höhere Einstandskosten. Sie destabilisieren vor allem das, worauf jede Preislogik angewiesen ist: Planbarkeit.
Ein funktionierender Preissetzungsmechanismus basiert auf Kostenstruktur, Wettbewerbssituation und Zahlungsbereitschaft der Kunden. Handelskonflikte erschüttern alle drei simultan. Die Kosten steigen abrupt. Die Wettbewerbssituation verändert sich, weil nicht alle Anbieter gleich stark betroffen sind. Und je nach Segment entscheidet die Markenstärke darüber, ob man diesen Druck an Kunden weitergeben kann oder nicht.
Das Ergebnis ist eine klassische Pricing-Zwickmühle: Preiserhöhung auf Kosten des Absatzes oder Preisstabilität auf Kosten der Marge? Beide Optionen sind schmerzhaft. Und selbst Unternehmen mit gut ausgebauten Pricing-Abteilungen tun sich schwer, in diesem Umfeld schnell und konsistent zu entscheiden.
Werden die Kosten weitergegeben?
Im Premiumsegment ist eine selektive Weitergabe möglich. Ein Käufer, der 120.000 Dollar für einen Porsche 911 ausgibt, reagiert auf einen Aufschlag von 10.000 Dollar anders als ein Käufer eines Volumenmodells. Aber auch dort gibt es eine Grenze: Irgendwann ist selbst für einen Porsche-Käufer der Aufpreis hoch genug, um das Modell eines Wettbewerbers ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Im Volumensegment konkurriert ein Golf oder Tiguan in den USA mit Fahrzeugen, die entweder lokal produziert werden oder aus Ländern stammen, die teils geringere oder andere Zollsätze tragen. Dort kann der Hersteller die Zolllast kaum vollständig weitergeben, egal wie gut sie sich begründen lässt. Die Folge: Kosten steigen, Preise aber nicht in gleichem Maße, die Marge schmilzt.
Entscheidend ist deshalb nicht nur die durchschnittliche Weitergabequote, sondern vor allem ihre Zusammensetzung: Modell, Ausstattung, Finanzierungsform und Kundensegment bestimmen, wo ein Hersteller Zölle einpreisen kann und wo er Marge opfern muss.
Für den europäischen Markt sind direkte Preiserhöhungen zunächst weniger zu erwarten. Aber die indirekten Effekte sind real: Sinkt die Marge im US-Geschäft, schrumpft der Spielraum für Rabatte, Modellvielfalt und Entwicklungsbudgets. Wer glaubt, Trumps Zölle seien ausschließlich ein amerikanisches Problem, irrt.
Drei Hebel für resilientes Pricing
Das strukturelle Problem vieler Unternehmen ist, dass Preisrisiken aus dem geopolitischen Umfeld erst dann bearbeitet werden, wenn sie bereits schlagend sind. Dabei lässt sich das handelspolitische Klima durchaus beobachten: politische Rhetorik, Verhandlungsabbrüche, öffentliche Drohungen.
Der genaue Zeitpunkt eines Zollschritts mag unvorhersehbar sein, die grundsätzliche Richtung ist es selten. Wer dieses Umfeld systematisch beobachtet, kann Vorbereitungen treffen: Lagerbestände aufbauen, Lieferverträge mit Zollklauseln absichern, den Produktionsmix anpassen. Konkret brauchen Unternehmen drei Dinge.
Erstens: szenariobasierte Preisplanung. Statt eines einzigen Basispreises braucht es eine differenzierte Aufschlagslogik für verschiedene Kostenszenarien, hinterlegt mit klaren Entscheidungsregeln. Im Ernstfall ermöglicht das Reaktionen in Stunden statt Wochen.
Zweitens: wertbasiertes Pricing. Wer Preise an der tatsächlichen Zahlungsbereitschaft orientiert statt rein kostenbasiert zu kalkulieren, entkoppelt die Preissetzung von der Kostenentwicklung. Das schafft Transparenz darüber, wo echte Preissetzungsspielräume bestehen und wo nicht. Natürlich muss der Preis auch beim Value-Pricing letztlich tragfähig kalkuliert sein.
Drittens: konsequente geografische Preisdifferenzierung. Dass Preise regional variieren, ist zumindest bei Großunternehmen mittlerweile Standard. Ob diese Differenzierung systematisch und aktiv gesteuert wird, allerdings nicht. Wer Marktbedingungen, Wettbewerbsdruck und Zahlungsbereitschaft je Region konsequent einpreist, kann zollbedingte Mehrkosten gezielt abfedern, ohne das Gesamtportfolio zu beschädigen.
Die eigentliche Lektion
Die potenziellen Schäden für die deutsche Automobilindustrie gehen in die Milliarden. Das ist die Konsequenz eines Prinzips, das Trump konsequent verfolgt: Handelspolitik als Machtinstrument, schnell, unvorhersehbar, ohne Rücksicht auf bestehende Abkommen. Das nächste Instrument kann genauso schnell kommen. Geopolitische Handelspolitik ist kein Ausnahmefall mehr. Sie ist das neue Normalformat wirtschaftlicher Interessenpolitik.
Unternehmen, die das verinnerlicht haben, bauen jetzt robuste Pricing-Prozesse, szenariofeste Planung und diversifizierte Märkte auf. Wer auf Entspannung wartet, wird beim nächsten Schock erneut unvorbereitet sein. Die Frage ist nicht, ob er kommt. Die Frage ist nur, ob man dann ein System hat, das damit umgehen kann.
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