Industriepolitik : Wir brauchen „Buy European“ in der Automobilindustrie
Europa hat einen gigantischen Markt. Nötig ist eine Local-Content-Strategie, auch für die Automobilindustrie. Wer hier Geld verdienen will, muss sich an Regeln halten. Wer Flexibilisierung und beste Voraussetzungen will, muss im Gegenzug Standorte bewahren. Wer in Europa Autos baut und diese hier verkaufen will, muss Materialien, Teile und Komponenten aus deutscher und europäischer Fertigung nutzen.
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Viele Beschäftigte der Automobilindustrie in Deutschland haben Angst. Die Branche verliert Arbeitsplätze im Rekordtempo. Jüngst waren es innerhalb eines Jahres mehr als 50.000, von 2019 bis 2025 allein in der Zulieferbranche rund 80.000.
So kann es nicht weitergehen. Wir verlieren unsere industrielle Basis. Und ohne Industrie ist Deutschland ein armes Land. Wir müssen anders handeln.
Mitten im Wandel zu einer zukunftsfähigen Industrie bauen die Unternehmen auslaufende Produktion in Deutschland ab und bringen die Zukunftsprodukte in die sogenannten „Best Cost Countries“, mein Kandidat für das Unwort des Jahrzehnts. Da werden Subventionen abgegriffen, niedrige Standards und Steuergeschenke gesucht und fragwürdige politische Haltungen – etwa in Ungarn – achselzuckend in Kauf genommen. Hersteller üben sogar Druck auf Zulieferer aus, einen hohen Anteil der zugelieferten Produkte an Billiglohn-Standorte auszulagern.
Akzeptanz für den Umbau in Deutschland zerstört
Nach einer Umfrage der IG Metall Bayern planen 57 Prozent der dortigen Zulieferer die Verlagerung von Produkten, 69 Prozent von ihnen verlagern auch Zukunftsprodukte. Das ist nicht nur zynisch gegenüber der Heimatregion, es zerstört auch jede Akzeptanz für den dringend nötigen technologischen und klimapolitischen Umbau am Standort Deutschland.
Denn es gibt keinen fairen Wandel im nackten Standortkampf.
Wir brauchen eine Bereitschaft der Arbeitgeber, sich nicht bei jeder kurzfristigen Margenverbesserung an ausländische Standorte zu verabschieden und rücksichtlos deutsche Industriesubstanz abzubauen. Das Bewusstsein, auf welchem gesellschaftlichen Fundament, mit welchen gut ausgebildeten Beschäftigten die Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten Rekordgewinne erwirtschaftet haben, vermissen wir immer öfter.
Billige Arbeit, weniger Steuern, Sozialstaat rasieren? „Race to the bottom“ darf nicht der deutsche Weg werden! Wir dürfen nicht vergessen, was uns als Gesellschaft mit einer starken Mittelschicht und balancierter Verteilung der Erträge unserer Arbeit und unserer Industrie stark gemacht hat.
Handelskrieg der großen Wirtschaftsmächte
Neben dem Unterbietungswettbewerb, den wir seit Jahrzehnten kennen, erleben wir heute noch ein anderes Gesicht der Globalisierung. Die großen Wirtschaftsmächte eröffnen den Handelskrieg. Sie kämpfen heute nicht nur mit Qualität und Preis, sondern auch mit Zöllen, Subventionen, Marktbarrieren, Wissenstransfer und Joint-Venture-Zwang. Sie kämpfen um Marktanteile, um das Kapital, um den Technologievorsprung, um Rohstoffe und die Produktionsstandorte. China tut es seit Jahrzehnten systematisch und strategisch. Die USA nun seit Kurzem, sprunghaft und tagestaktisch.
Und Europa? Hinkt hinterher.
Europa muss mehr für seine Industrien tun. Um Fähigkeiten, Arbeitsplätze, Wohlstand und Demokratie zu halten, um unabhängiger zu werden in einer immer unberechenbareren Welt. Der Werkzeugkasten der Industriepolitik ist groß: Beherzte Politik für mehr Investitionen, Grenzausgleich gegen Klimadumping und Carbon Leakage, neue Handelsabkommen, kluge und schlankere Regulierung, bessere Strompreise, Finanzierung von Zukunftstechnologien. Wir müssen diese Instrumente endlich nutzen! Durch den Druck von außen entstehen auch Chancen, dass sich Europa auf seine Stärken und Werte besinnt.
Und wir brauchen eine Local-Content-Strategie, auch für die Automobilindustrie.
Die EU muss in der neuen globalen Realität nachziehen, mit kluger Förderung unserer Wertschöpfung und unserer Beschäftigung. Appelle an Verantwortung fruchten eben immer seltener. Europa hat einen gigantischen Markt. Wer hier Geld verdienen will, muss sich eben auch an Regeln halten. Wer Flexibilisierung und beste Voraussetzungen will, muss im Gegenzug Standorte bewahren. Wer in Europa Autos baut und diese hier verkaufen will, muss Materialien, Teile und Komponenten aus deutscher und europäischer Fertigung nutzen, zu einem bestimmten Anteil: in Europe for Europe!
Gleiche Regeln für alle
Es ist wichtig zu verstehen: Das muss für alle Hersteller gelten, egal auf welchem Kontinent ihr Haupt- und Ursprungssitz liegt. Wir ziehen keine Mauern hoch und schließen keine Wettbewerber aus. Doch sie müssen sich an europäische Standards halten, auch im Arbeits- und Umweltschutz, und sie müssen in Europa Wertschöpfung und Beschäftigung schaffen, zu einem bestimmten Anteil.
Wir sollten mindestens jede Form öffentlicher Förderung, ob Steuervorteile, Kaufprämien oder Subventionen klar an europäische Wertschöpfungsanteile knüpfen. Wenn wir Kaufanreize und Prämien bieten, dann muss klar sein: buy european! Wenn wir Importzölle erheben, dann können sie reduziert oder erlassen werden, falls Wertschöpfung in der EU geschaffen wird.
Und wenn wir Zukunftsbereiche erst aufbauen müssen, wie bei den Halbleitern oder den Batterien, dann müssen solche Quoten perspektivisch und synchron zum Aufbau angelegt werden. Damit dienen wir auch der Resilienz der europäischen Industrie und vermeiden Erpressbarkeit. Denn der Ruf nach dieser Resilienz ist bisher Lippenbekenntnis geblieben.
Wir brauchen also eine Kombination aus einer Durchschnittsquote für die gesamte Wertschöpfung eines Unternehmens plus einer perspektivisch aufwachsenden Local-Content-Quote für strategische Komponenten. Denn: Wir verlieren derzeit existierende Arbeitsplätze und Wertschöpfung auch in etablierten Teilen der Wertschöpfungskette. Und: Wir müssen die Schlüsselkomponenten der Zukunft, um Energie zu speichern, klimaneutral zu produzieren, elektrisch zu fahren oder zu digitalisieren, auch in Europa beherrschen.
Die Messung des europäischen Wertschöpfungsanteils (LC) im Verkehrssektor sollte nicht auf der Ebene des einzelnen Produktes oder Modells ansetzen, sondern bei den Flotten eines Herstellers. So können sinnvolle Mischkalkulationen in der stark international verflochtenen Wertschöpfung der deutschen Hersteller erhalten bleiben. Gleichzeitig aber muss schon ein spürbarer Anreiz entstehen, Produktion in Europa zu halten oder aufzubauen.
Bosch, VW und Stellantis unterstützen „Made In EU“
Seit Jahren fordert die IG Metall eine Local-Content-Strategie für Europa. Nun hat der EU-Kommissar Stephane Séjourné einen solchen Ansatz unter dem Schlagwort „Made In EU“ vorgelegt. Immer mehr Unternehmen der Automobil- und Zulieferindustrie schließen sich dieser Idee an, zuletzt etwa Bosch, VW und Stellantis. Auch die Bundesregierung sollte dem folgen. Über Details kann man noch streiten, über Namen auch: Made in Europe, European preference, Local Content – entscheidend ist, dass es die richtige Idee ist.
Deutsche und europäische Automobilhersteller und ihre Beschäftigten können entscheidend vom Prinzip „Made in Europe“ profitieren. Das könnte Bürgern und Bürgerinnen und den Beschäftigten Zuversicht zurückgeben, weil Politik an die Menschen glaubt und an das, was sie leisten. Wer das nicht verstehen will, hängt einer Welt nach, die es nicht mehr gibt. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Nostalgie ist keine Strategie.
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