Umgang mit KI : AI Bots oder das endgültige Ende des Internets
Heutzutage übernehmen KI-Agenten zahlreiche repetitive Aufgaben, sie können sogar die Urlaubsplanung gestalten. Doch diese neue Bequemlichkeit birgt auch Gefahren, denn öffentliche Diskussionen verlagern sich zunehmend vom allgemein zugänglichen Internet in private, einzelne KI-Antworten. Der Datenwissenschaftler Matthias Böck ruft zu mehr Eigenverantwortung auf.
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Lange Zeit waren Bots stille Mitbewohner des Internets. Unsichtbare, automatisierte Programme, die sich unermüdlich durch Webseiten und Foren bewegten, Daten sammelten, Inhalte indexierten oder einfache Anfragen beantworteten. Nützlich, manchmal bösartig, aber selten im Zentrum unserer Aufmerksamkeit.
Mit dem Durchbruch von Künstlicher Intelligenz (KI) hat sich diese Rollenverteilung grundlegend verschoben. Aus einfachen Programmen wurden AI Bots, aus reaktiven Systemen zunehmend autonome Agenten. Systeme, die nicht mehr nur Anfragen beantworten, sondern Aufgaben selbstständig planen, ausführen und aus ihren Ergebnissen neue Schritte ableiten.
Für uns bedeutet das zunächst Komfort: Wir klicken uns nicht mehr durch zig Webseiten, füllen seltener Formulare aus, vergleichen weniger Angebote. Eine einzige Eingabe genügt, und Antworten erscheinen. Verwaist aber hierdurch das Internet, wenn sich nur noch Bots über die Seiten und Foren bewegen und wir nur noch mit dem einen schmalen Ausschnitt der Internetsuche interagieren, der uns alle Antworten liefert?
Das Ende des Internets – ein alter Hut
Die Diagnose vom „Ende des Internets“ ist deutlich älter als die aktuelle Diskussion um KI. Schon lange bevor Chatbots unsere Fragen unermüdlich beantworteten, wurde das freie Netz durch eine Handvoll Plattformen kanalisiert. Google entscheidet, was wir finden, Meta bestimmt, was wir sehen, Amazon, was wir kaufen. Rund 89 Prozent aller Suchanfragen laufen über einen einzigen Anbieter – das ist keine offene Infrastruktur, sondern ein Flaschenhals.
Wir haben diese Entwicklung akzeptiert, oft aus Bequemlichkeit. Anstatt selbst zu suchen, zu vergleichen und zu diskutieren, ließen wir sortieren, filtern und priorisieren. Bezahlt haben wir nicht mit Geld, sondern mit Aufmerksamkeit, Daten und der Anpassung unserer Inhalte an algorithmische Erwartungen. Statt Qualität zählt heute nur mehr Sichtbarkeit.
Mangel an Authentizität
Künstliche Intelligenz ist in diesem Kontext weniger Revolution als Beschleuniger. Sie verschiebt die Machtverhältnisse nicht neu, sie verdichtet sie. Wo früher Suchmaschinen und Feeds standen, treten an diese Stelle nun Chat-Interfaces. Wenige US-amerikanische Unternehmen mit ihren mächtigen CEOs kontrollieren damit nicht mehr nur den Zugang zu Informationen, sondern zunehmend auch deren Auslegung und Formulierung.
Was sich durch AI jedoch fundamental ändert, ist die Geschwindigkeit und Tiefe dieser Entwicklung. Inhalte werden heute in einem Maß produziert, das menschliche Vorstellungskraft sprengt. Texte, Bilder und zunehmend auch Videos entstehen automatisiert, optimiert auf Reichweite und Reaktion. Unsere Suchverläufe füllen sich mit Material, dessen Ursprung kaum noch zu erkennen ist und dessen Authentizität immer schwieriger zu beurteilen wird.
Gleichzeitig betreten wir viele Seiten gar nicht mehr. AI Bots lesen Quellen für uns, fassen Inhalte zusammen und liefern Antworten, ohne dass wir die ursprünglichen Orte des Wissens noch aufsuchen. Suchmaschinen werden zu Antwortmaschinen, Foren zu Trainingsdaten, Wikipedia zu einem stillen Fundament, dessen Pflege zunehmend unsichtbar wird.
Damit verschwindet nicht nur Traffic, sondern Öffentlichkeit. Diskussionen verlagern sich aus offenen Räumen in private Chat-Benutzeroberflächen. Fragen werden gestellt, Antworten gegeben, aber nicht mehr gemeinsam ausgehandelt. Wissen wird konsumiert und weniger erarbeitet.
In einer Welt, in der Inhalte mit wenigen Prompts unbegrenzt erzeugt werden können, verliert Einzelnes an Bedeutung. Wenn alles generiert sein könnte, wird Vertrauen zur knappen Ressource. Wir orientieren uns nicht mehr an Quellen, sondern an Systemen. Und am Ende vertrauen wir vielleicht nicht dem, was wahr ist, sondern dem, was sich am plausibelsten anhört.
Schöne oder hässliche neue Welt?
Die neue KI-Welt ist bequem. Reisen werden geplant, Verträge ausgewählt, Jobs vorgeschlagen, Entscheidungen vorbereitet, noch bevor wir sie selbst formulieren. Der Preis dafür ist nicht sofort sichtbar. Er liegt in der Frage, wem wir diese Entscheidungen überlassen und wie viel Macht sich dabei an wenigen Knotenpunkten unserer digitalen Infrastruktur konzentriert.
Vertrauen wird zur entscheidenden Währung. Vertrauen in Systeme, in Modelle, in Unternehmen, die außerhalb unseres demokratischen Einflussraums agieren. Gerade in Europa, wo geopolitische Abhängigkeiten in den vergangenen Jahren wieder schmerzlich sichtbar wurden, ist das keine abstrakte Debatte. Wer die Interfaces kontrolliert, kontrolliert auch den Zugang zu Information, Sichtbarkeit und ist damit letztlich einzig relevant.
Die Antwort auf diese Herausforderung kann nicht Technikfeindlichkeit sein. Wir müssen keine Ludditen werden. Aber wir sollten uns wieder in die Lage versetzen, Nein sagen zu können. Eigene Kompetenzen aufzubauen, eigene Lösungen zu Tage bringen, eigene Maßstäbe anzulegen – nicht aus Nostalgie, sondern aus Selbstachtung.
Zwischen AI-Hype und Untergangsszenarien liegt kein Kompromiss, sondern ein Umbruch. Einer, in dem wir neu entscheiden müssen, welche Rolle wir Menschen im digitalen Raum spielen sollen.
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