Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit : Die E-Rechnung ist eine große Chance für den Wandel
Seit Januar 2025 führt Deutschland schrittweise die digitale Rechnungsstellung ein, um Steuerbetrug zu vermeiden. Kleine und mittlere Unternehmen fürchten den Mehraufwand, doch Robert Mayr von Datev sieht im Digitalisierungsschritt eine große Chance.
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Die schrittweise Einführung der E-Rechnung wird in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten und eines hohen Regulierungsdrucks von vielen Unternehmen, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), als zusätzliche Belastung wahrgenommen. Befürchtet werden neue Pflichten, höhere Kosten und mehr Bürokratie. Dieser Blick greift jedoch zu kurz. Die Digitalisierung betrieblicher Prozesse und eine effizientere Steuererhebung durch den Staat sind keine Gegensätze, sondern können sich gegenseitig stärken.
Die KMU stehen zunehmend unter Druck, ihre Abläufe zu modernisieren. Der Fachkräftemangel, steigende Kosten, intensiver Wettbewerb und bürokratische Anforderungen erfordern effizientere Prozesse. Gerade im Rechnungswesen zeigen sich die Grenzen analoger Verfahren: Papierrechnungen, manuelle Dateneingaben und unterschiedliche Formate verursachen Fehler, Zeitaufwand und unnötige Kosten. E-Rechnungen ermöglichen dagegen eine automatisierte Verarbeitung, reduzieren Medienbrüche und beschleunigen Zahlungs- sowie Buchhaltungsprozesse. Sie können direkt geprüft, verarbeitet und verbucht werden.
Was zunächst wie eine technische Anpassung wirkt, entfaltet weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Organisation. Prozesse werden transparenter, Fehlerquellen reduziert und Ressourcen frei, die produktiver eingesetzt werden können. Für kleinere Unternehmen mit begrenzten administrativen Kapazitäten bedeutet dies häufig einen spürbaren Effizienzgewinn. Die E-Rechnung ist daher nicht nur ein Instrument zur Erfüllung gesetzlicher Vorgaben, sondern ein Hebel für mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Weniger Aufwand für Unternehmen und Staat
Auch aus staatlicher Sicht bietet die E-Rechnung erhebliche Vorteile. Digitale Rechnungsformate erleichtern die Erfassung und Prüfung steuerrelevanter Daten. Transaktionen werden nachvollziehbarer, Unstimmigkeiten schneller erkannt. Steuerbetrug und Steuervermeidung lassen sich wirksamer bekämpfen, während gleichzeitig der Aufwand für Betriebsprüfungen sinken kann. Ein moderner Steuervollzug bedeutet dabei nicht mehr Kontrolle um ihrer selbst willen, sondern intelligentere und datenbasierte Prozesse.
Die Interessen von Staat und Unternehmen stehen sich dabei nicht gegenüber, sondern ergänzen einander. Der Staat profitiert von einer besseren Datenbasis und stabileren Einnahmen, Unternehmen gewinnen durch standardisierte Prozesse an Effizienz und Sicherheit. Die oft gezeichnete Gegenüberstellung von Regulierung und unternehmerischer Freiheit greift deshalb zu kurz. Richtig umgesetzt können digitale Vorgaben sogar Bürokratie abbauen, indem sie komplexe und redundante Abläufe vereinfachen.
Europäische Länder gehen erfolgreich voran
Wie erfolgreich dieses Zusammenspiel funktionieren kann, zeigen zahlreiche Länder. Italien hat mit der verpflichtenden elektronischen Rechnungsstellung bereits früh Erfahrungen gesammelt und sowohl Steuerlücken reduziert als auch Verwaltungsprozesse beschleunigt. Estland gilt als Vorreiter digitaler Verwaltung und demonstriert, wie eine konsequente Digitalisierung die Interaktion zwischen Staat und Wirtschaft vereinfacht. Auch in skandinavischen Ländern sind E-Rechnungen vielerorts Standard und haben den Geschäftsalltag spürbar entlastet.
In Deutschland hingegen ist die Diskussion noch häufig von Unsicherheit geprägt. Unternehmen fragen nach Standards, Systemkompatibilität und Umstellungsaufwand. Diese Fragen sind berechtigt, dürfen jedoch den Blick auf die Chancen der E-Rechnung nicht verstellen. Häufig fehlt es an einer klaren Kommunikation, die nicht nur Pflichten beschreibt, sondern vor allem den konkreten Nutzen verdeutlicht.
Die Einführung eines späteren Systems für das Umsatzsteuerreporting soll maßgeblich auf den bereits etablierten Prozessen der E-Rechnung aufsetzen. Um unnötige Investitionen bei den Unternehmen zu vermeiden, ist es notwendig, dass die Finanzverwaltung zeitnah Informationen zu dieser nächsten Stufe bereitstellt und hierbei auch die Entwicklungen in den anderen europäischen Mitgliedsstaaten berücksichtigt, um Interoperabilität zu gewährleisten.
Digitalisierung als Kulturwandel
Die Einführung der E-Rechnung ist weit mehr als ein technisches oder regulatorisches Projekt. Sie ist Teil eines kulturellen Wandels, bei dem Digitalisierung als Werkzeug zur Verbesserung von Prozessen verstanden werden muss. Politik, Verbände, Kammern, Softwareanbieter und Unternehmen tragen gemeinsam Verantwortung dafür, diesen Wandel erfolgreich zu gestalten.
Entscheidend sind dabei praxisnahe Unterstützung, Best Practices und transparente Erfahrungsberichte. Sie helfen, Vorbehalte abzubauen und Orientierung zu geben. Wer sieht, dass vergleichbare Unternehmen die Transformation erfolgreich bewältigt haben, wird eher bereit sein, den eigenen Weg zu gehen.
Letztlich ist die E-Rechnung ein Baustein auf dem Weg zu einer digitalen Wirtschaft und Verwaltung. Wer sie nur als Pflicht betrachtet, übersieht ihr Potenzial. Wer sie als Chance begreift, kann Prozesse verbessern, Kosten senken und die Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens stärken. Mit klarer Kommunikation und einer an den Nutzern orientierten Umsetzung kann aus einer vermeintlichen Belastung ein echter Fortschritt werden – für Unternehmen, Staat und Gesellschaft gleichermaßen.
Robert Mayr ist als als Chief Executive Officer (CEO) für die Gesamtsteuerung von Datev zuständig, einschließlich der Themen Märkte und Rahmenbedingungen. Zusätzlich ist er als Chief Financial Officer (CFO) verantwortlich für die Finanzen, Nachhaltigkeit und Einkauf.
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