Debatte um Wasserverbrauch : Der Mythos vom durstigen Rechenzentrum
Rechenzentren gelten als gewaltige Wasserschlucker. Doch diese Vorstellung geht an der Realität der deutschen Rechenzentrumsbranche vorbei. Ein Großteil der Anlagen nutzt Kühltechnik, die ohne laufenden Wasserverbrauch auskommt. Die politische Debatte braucht dringend einen Realitätscheck, meint Michael Nicolai.
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Rechenzentren stehen zunehmend unter dem Verdacht, wertvolle Wasserressourcen zu verschlingen. Mit dem Wachstum von Cloud-Diensten und Künstlicher Intelligenz wird auch die Sorge lauter, dass die digitale Infrastruktur künftig mit der Trinkwasserversorgung konkurriert. Anfang Oktober brachte Bundesumweltminister Carsten Schneider sogar höhere Wasserpreise für Rechenzentren ins Spiel.
Doch die politische Debatte geht an einem entscheidenden Punkt vorbei: Rechenzentren müssen zwar rund um die Uhr gekühlt werden. Daraus folgt aber keineswegs, dass sie dafür große Mengen Wasser benötigen. Dennoch hält sich der Mythos vom durstigen Rechenzentrum hartnäckig. Dabei zeigt ein Blick auf die tatsächlich eingesetzten Kühltechnologien, dass ein wasserintensiver Betrieb in Deutschland keineswegs die Regel ist.
Kühlung ohne Wasserverbrauch ist in Deutschland weit verbreitet
Ein großer Teil der deutschen Rechenzentren nutzt die sogenannte freie Kühlung. Dabei wird die kühle Außenluft eingesetzt, um die Wärme aus den Serverräumen abzuführen. Wasser muss dafür nicht verdunsten. Daneben kommen Kältemaschinen zum Einsatz, die ähnlich wie ein Kühlschrank funktionieren und ihre Wärme über trockene Kühler an die Umgebungsluft abgeben.
Wichtig ist dabei auch die Unterscheidung zwischen Wassernutzung und Wasserverbrauch. Ein Rechenzentrum kann beispielsweise Flusswasser zur Kühlung nutzen und es anschließend wieder einleiten. Das Wasser wird dabei zwar genutzt, aber nicht dauerhaft verbraucht, soweit es vollständig zurückgeführt wird. Entscheidend ist daher, wie viel Wasser tatsächlich verloren geht, etwa durch Verdunstung.
Wie verbreitet die genannten Technologien sind, verdeutlichen Schätzungen aus der Branchenpraxis: Rund 60 bis 70 Prozent der deutschen Rechenzentrumsstandorte setzen auf Kompressionskühlung mit trockener Rückkühlung. Freie Kühlung kommt in Anlagen zum Einsatz, die etwa 75 bis 85 Prozent der installierten Rechenzentrumsleistung abdecken. Beide Verfahren können auch miteinander kombiniert werden. Klassische Nasskühltürme, bei denen dauerhaft Wasser verdunstet, werden besonders aufgrund des hohen Wasserverbrauches nicht mehr gebaut.
Das ist das Gegenteil dessen, was die öffentliche Debatte häufig vermuten lässt: Kühlverfahren ohne laufenden Wasserverbrauch sind weit verbreitet, während besonders wasserintensive Kühlsysteme die Ausnahme – und vor allem ein Auslaufmodell vergangener Zeiten – darstellen. Auch eine Untersuchung der Gesellschaft für Informatik aus dem Jahr 2025 stützt diese Einordnung. Demnach nutzt etwa ein Drittel der großen Rechenzentren in Deutschland Verdunstungskühlung. Allerdings bedeutet selbst der Einsatz dieser Technologie nicht, dass rund um die Uhr Wasser benötigt wird. Viele Anlagen schalten die Verdunstungskühlung lediglich bei höheren Außentemperaturen hinzu. Den übrigen Teil des Jahres können sie trocken kühlen.
Warum Zahlen aus den USA für Deutschland wenig aussagen
In der Diskussion über den Wasserverbrauch von Rechenzentren wird häufig auf Berichte und Untersuchungen aus den USA verwiesen. Doch diese lassen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Wie viel Wasser ein Rechenzentrum benötigt, hängt maßgeblich vom lokalen Klima, der eingesetzten Kühltechnologie, den Bedingungen der Wasserversorgung, sowie erheblichen Unterschieden in den baurechtlichen Voraussetzungen ab. Schon innerhalb der USA unterscheiden sich diese Voraussetzungen erheblich.
Für die Bewertung deutscher Rechenzentren sind solche internationalen Beispiele deshalb kein geeigneter Maßstab. Deutschland verfügt über klimatische Bedingungen, die an vielen Standorten über weite Teile des Jahres eine Kühlung ohne Wasserverbrauch ermöglichen. Welche Verfahren hierzulande tatsächlich eingesetzt werden, ist für unsere Debatte wesentlich aussagekräftiger als Verbrauchsdaten einzelner Anlagen aus anderen Weltregionen.
Wer über den Wasserverbrauch deutscher Rechenzentren diskutiert, muss sich an der Realität deutscher Standorte orientieren. Statt internationale Einzelbeispiele zum Ausgangspunkt politischer Forderungen zu machen, sollten wir betrachten, welche Kühltechnologien in Deutschland verbreitet sind und wie viel Wasser sie tatsächlich benötigen. Gerade dann zeigt sich, dass das Bild der wasserintensiven Rechenzentrumsbranche an der hiesigen Praxis vorbeigeht.
Wasser sparen ist in deutschen Rechenzentren gelebte Praxis
Die Betreiber deutscher Rechenzentren haben ein eigenes Interesse daran, möglichst effizient mit Ressourcen umzugehen. Wasser kostet Geld, muss bereitgestellt und gegebenenfalls aufbereitet werden. Wo Verdunstungskühlung eingesetzt wird, entstehen zudem aus dem Baurecht zusätzliche Anforderungen an Hygiene, Wartung und Überwachung. Wassersparende Technik ist deshalb nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Entscheidung.
Hinzu kommt, dass moderne Rechenzentren längst auf die intelligente Kombination unterschiedlicher Kühlverfahren setzen. Sie nutzen möglichst lange die Außenluft und greifen nur dann auf zusätzliche Kühlverfahren zurück, wenn die Temperaturen es erfordern. Gerade bei den neuesten, besonders leistungsstarken KI-Systemen gewinnt die direkte Flüssigkeitskühlung von Prozessoren (CPUs) und Grafikchips (GPUs) an Bedeutung. Dabei wird die Wärme unmittelbar an den Chips aufgenommen. Sofern die Hardware entsprechend hohe Kühlwassertemperaturen zulässt, kann die Kühlung mit höheren Vorlauftemperaturen betrieben werden. Dadurch lässt sich die Abwärme unter den klimatischen Bedingungen in Deutschland über weite Teile des Jahres über trockene Rückkühler abführen – ohne energieintensive Kompressionskühlung. Das kann den Strombedarf für die Kühlung deutlich reduzieren. In geschlossenen Kreisläufen wird das Kühlmedium immer wieder verwendet, ohne dass kontinuierlich Frischwasser zugeführt werden muss.
Dabei stehen Betreiber vor der Aufgabe, sowohl ihren Wasser- als auch ihren Strombedarf zu optimieren. Verdunstungskühlung kann an heißen Tagen elektrische Energie sparen, benötigt dafür aber Wasser. Trockene Kühlung verzichtet auf diesen Verbrauch, kann unter bestimmten Bedingungen jedoch einen höheren Strombedarf verursachen. Entscheidend ist deshalb, Kühlverfahren so einzusetzen, dass sowohl Wasser als auch Energie möglichst effizient genutzt werden.
Tatsächlichen Verbrauch betrachten
Deutschland braucht einen verantwortungsvollen Umgang mit seinen Wasserressourcen. Während Strom erzeugt werden kann, lässt sich knappes Wasser vor Ort nicht einfach ersetzen. Das gilt selbstverständlich auch für Rechenzentren. Deshalb investieren Betreiber längst in wassersparende und wasserfreie Kühlverfahren. Diese Anstrengungen sollten in der politischen Debatte stärker berücksichtigt werden, statt die gesamte Branche pauschal als großen Wasserverbraucher darzustellen.
Deshalb halte ich auch pauschale Forderungen nach höheren Wasserpreisen für Rechenzentren für den falschen Ansatz. Weshalb sollte ein Betreiber, dessen Kühlung kein Wasser verbraucht, aufgrund vermeintlich hoher Branchenverbräuche unter zusätzlichen politischen und finanziellen Druck geraten? Grade weil es das erklärte Ziel der Bundesregierung ist die Kapazitäten von Rechenzentren massiv auszubauen. Entscheidend muss sein, wie viel Wasser ein Standort tatsächlich benötigt, nicht welcher Branche er angehört.
Deutschland braucht leistungsfähige Rechenzentren. Sie ermöglichen digitale Geschäftsmodelle, moderne Verwaltungsleistungen, industrielle Anwendungen und Künstliche Intelligenz. Ihr Ausbau ist eine wesentliche Voraussetzung für die digitale Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Es ist an der Zeit, den Mythos vom durstigen Rechenzentrum hinter uns zu lassen. Deutschland muss sich nicht zwischen einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur und einem verantwortungsvollen Umgang mit Wasser entscheiden. Unsere Rechenzentren zeigen längst, dass beides zusammen funktioniert.
Michael Nicolai ist CEO der Telehouse Deutschland GmbH und Mitglied im Lenkungskreis der unter dem Dach von Eco gegründeten Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen.
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