Differenziert statt technikfeindlich : Deutsche fordern Mitbestimmung bei KI und Digitalisierung
Die Deutschen sind weder Digitalskeptiker noch KI-Verweigerer. Der Technikradar von Acatech zeigt, dass sie Nutzen und Risiken neuer Technologien sorgfältig abwägen. Sie wünschen sich jedoch, dass Innovationen dem Gemeinwohl dienen und nicht nur Einzelinteressen – und sie wollen beim Einsatz umstrittener Technologien mitentscheiden.
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Beim diesjährigen Thema Digitalisierung und KI unseres Technikradars griffen vielen Journalistinnen und Journalisten diese Zahl auf: 14 Prozent. Das ist der Anteil der Deutschen, die regelmäßig im Job KI-Tools einsetzen. Interpretiert wurde die Zahl aus dem Blickwinkel des internationalen Wettbewerbs. Die Botschaft: Deutschland fällt im KI-Boom hinter andere Volkswirtschaften zurück. Steht Technikakzeptanz also in erster Linie für einen ökonomischen Imperativ zur möglichst reibungslosen Adaption?
Stabile Technikakzeptanz trotz Krisen
Aus der Grundhaltung der Deutschen zur Technik spricht jedenfalls keine Hast, eher stabiles Vertrauen trotz multipler Krisen und technischer Umbrüche. Ganz oben auf einer Zustimmungsskala von null bis zehn behauptet sich die Überzeugung, technischer Fortschritt lasse sich nicht aufhalten. In acht Jahren sank dieser Wert gerade einmal von neun auf acht.
Umgekehrt gibt es aber keinen blinden Technikoptimismus: Dass sich alle Probleme durch Technik lösen ließen, erhält die geringsten Zustimmungswerte. Kaum mehr als drei von zehn Punkten seit 2017. Dazwischen liegt im oberen Mittelfeld die Auffassung, dass Technik einen Beitrag dazu leisten kann, um zentrale gesellschaftliche Probleme zu lösen.
Das ist von Bedeutung, weil die Deutschen bei Zukunftsaufgaben, die sie für ihr Land sehen, neue Prioritäten setzen: Erstmals gelten innere Sicherheit und die Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur für 91 Prozent als wichtige oder sehr wichtige Aufgabe. Die bisherige Spitzenreiterin – die Sicherung von Arbeitsplätzen - landet nur noch auf Platz drei.
Differenziert, nicht technikfeindlich
Das steigende Sicherheitsbedürfnis spiegelt sich auch in der Einstellung zum Verhältnis von Wissenschaft und Militär wider: 50 Prozent befürworten Forschungsprojekte zur Landesverteidigung an deutschen Hochschulen. Bei der Verknüpfung von ziviler und militärischer Forschung sehen die Menschen sowohl Nutzen (45 Prozent) als auch Risiken (35 Prozent) – eine Differenziertheit, die die Umfrage prägt und das Klischee der technikfeindlichen Deutschen widerlegt: Sie bewerten Technik weder pauschal kritisch noch einseitig positiv, sondern abgewogen nach ihrem Einsatzzweck.
Trotz Differenzierung zeigen sich die Deutschen in ihrer Haltung zur Digitalisierung auch widersprüchlich: Fast zwei Drittel (62 Prozent) erleben durch digitale Technologien mehr Komfort. Gleichzeitig meinen 69 Prozent, die Marktmacht weniger digitaler Großkonzerne schade der Gesellschaft. Dennoch wären nur 37 Prozent bereit, für besseren Datenschutz auf Komfort zu verzichten, und nur 32 Prozent würden für Komfort zahlen. 39 Prozent ziehen weiterhin kostenlose Dienste vor, selbst wenn diese persönliche Daten sammeln, die den Plattform-Monopole ihre Marktmacht sichern.
Sorgen um die Psyche
Viele Deutsche blicken kritisch auf die Folgen der Digitalisierung für soziale Beziehungen und die Psyche: Nur 9 Prozent glauben, dass digitale Technik unser Sozialleben tatsächlich verbessert. Dabei zeigen sich klare Unterschiede zwischen den Generationen: Vor allem Jüngere sind besorgt. 47 Prozent der 16- bis 34-Jährigen meinen, die Digitalisierung mache psychisch krank. Bei den über 65-Jährigen sind es nur 28 Prozent.
Auch beim Thema Künstliche Intelligenz deckt das Technikradar Bedenken auf. Viele Menschen fürchten Desinformation: 46 Prozent glauben, dass soziale Medien bereits heute durch KI-Bots manipuliert werden.
Prägend für die Einstellung zu KI sind insbesondere eigene Erfahrungen: Rund vier von zehn Deutschen haben bereits generative KI benutzt, wenn auch nicht regelmäßig. Und wer sie nutzt, sieht darin mehrheitlich eine Arbeitserleichterung (50 Prozent). Zwei Drittel (65 Prozent) zeigen sich fasziniert von den Möglichkeiten der Technik. Gleichzeitig hinterfragen viele die Ergebnisse von KI: 45 Prozent halten KI-generierte Inhalte nur für teilweise korrekt. Doch nur 15 Prozent der Nutzenden geben an, dass die Ergebnisse ihre Skepsis gegenüber KI verstärkt haben.
Die wachsende Aufgeschlossenheit der Deutschen für KI steht im Kontrast zum Misstrauen gegenüber zentralen Akteuren im digitalen Raum: Nur 16 Prozent der Deutschen halten die Aussagen der Politik zur KI für glaubwürdig. Zu Technikfolgen insgesamt fühlen sich gerade einmal 9 Prozent von der Regierung ausreichend informiert. 48 Prozent vertrauen auf die Expertise von Wissenschaft und Fachleuten bei Entscheidungen über umstrittene Technologien, insbesondere Wählerinnen und Wähler von Bündnis90/Die Grünen (61 Prozent) und der Linken (59 Prozent).
Akzeptanz braucht politisches Vertrauen und Mitbestimmung
Die Deutschen beanspruchen Selbstbestimmung und Kontrollmöglichkeiten als zentrale Faktoren der Technikakzeptanz. So wünschen neun von zehn Befragten eine Kennzeichnung KI-generierter Inhalte. 45 Prozent fordern zudem mehr Mitbestimmung bei umstrittenen Technologien, während nur 18 Prozent dies ablehnen. Unter den Wählerinnen und Wählern von AfD und BSW wollen sogar 65 Prozent mehr Teilhabe. Über alle Gruppen hinweg sind sich 62 Prozent der Deutschen einig, dass sich verantwortungsvolle Technologieentwicklung am Gemeinwohl orientieren muss.
Rasche Technikadaption mag kurzfristig wirtschaftliche Vorteile versprechen – doch Technikakzeptanz ist mehr als ein ökonomischer Wettbewerbsfaktor. Menschen bewerten den technischen Wandel nach seinen konkreten Folgen für ihr Leben wie für die Gesellschaft. Sie stellen Bedingungen für den Umgang mit neuen Technologien.
Sozialwissenschaftliche Forschung zeigt: Vertrauen in Technologie und die beteiligten Akteure hängt davon ab, wie sehr sich Menschen einbezogen und wirksam fühlen. Wer sich am politischen Rand weniger repräsentiert sieht, fordert besonders häufig eine stärkere Mitbestimmung bei umstrittenen Technologien.
Technische Innovation vollzieht sich immer in einem gesellschaftlichen und politischen Umfeld. Es genügt nicht, nur über tatsächliche oder vermeintliche Eigenschaften von Technologien zu sprechen – Nutzen und Risiken werden erst in der Praxis sichtbar, beeinflusst durch persönliche Interessen und die Logiken unserer sozialen Systeme. Politik und Wirtschaft müssen die Erwartungen an eine sozialverträgliche Technikentwicklung beherzigen – und das Bedürfnis nach Teilhabe ernst nehmen.
Ortwin Renn ist Risikoforscher, Mitglied des Acatech-Präsidiums und ehemaliger wissenschaftlicher Direktor des IASS Potsdam. Als Experte für Technikakzeptanz, Bürgerbeteiligung und Risikokommunikation bringt er jahrzehntelange Erfahrung in der Analyse gesellschaftlicher Technikeinstellungen mit.
Mike S. Schäfer ist Wissenschaftskommunikationsforscher, ordentliches Mitglied der Acatech und Direktor des Center for Higher Education and Science Studies der Universität Zürich. Er forscht seit langem zu medialer und digitaler Kommunikation über Wissenschaft und Technik, inklusive KI.
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