Kapazität als Nadelöhr : Deutschlands Rechenzentrumsmarkt stößt an seine Grenzen
Künstliche Intelligenz treibt den deutschen Rechenzentrumsmarkt an, die Bundesregierung hat große Ausbauziele gesetzt. Doch an etablierten Standorten wird der Strom knapp, und wer keinen Netzanschluss bekommt, investiert an anderen Standorten, warnt Volker Ludwig vom Rechenzentrenbetreiber Digital Realty.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Ob Streaming, Online-Banking oder KI-Anwendungen: Der digitale Alltag von Millionen Menschen in Deutschland läuft über Rechenzentren. Sie sind das unsichtbare Rückgrat der Digitalisierung und der deutschen Wirtschaft. Damit es funktioniert, muss der deutsche Rechenzentrumsmarkt wachsen und das geschieht auch: Laut der Bitkom-Studie „Rechenzentren in Deutschland – Update 2025“ ist die installierte Anschlussleistung 2025 um neun Prozent auf knapp 2980 Megawatt gestiegen. Zentraler Treiber ist die steigende Nachfrage durch Künstliche Intelligenz: Leistungsstarke IT-Systeme für KI machen aktuell rund 15 Prozent der deutschen Rechenzentrumskapazitäten aus. Bis 2030 könnte ihr Anteil auf 40 Prozent steigen.
Die Bundesregierung hat die Bedeutung dieser Entwicklung erkannt. Mit der am 18. März 2026 beschlossenen Nationalen Rechenzentrumsstrategie hat sie ein klares Ziel formuliert: Die Rechenzentrumskapazitäten sollen sich bis 2030 mindestens verdoppeln, die Kapazitäten für Hochleistungsrechnen und KI sogar vervierfachen. Das ist ein starkes und richtiges Signal.
Wenn Kapazität zum Engpass wird
Doch zwischen diesem Anspruch und der Realität besteht eine Lücke. Schon heute wird es eng, vor allem an etablierten Standorten wie Frankfurt am Main: Laut Bitkom verfügt der Großraum Frankfurt mit gut 1100 Megawatt über mehr als ein Drittel aller Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland, deutlich mehr als das zweitplatzierte Bayern mit 420 Megawatt. Neue Netzanschlüsse sind in Frankfurt knapp und häufig nur mit langen Vorlaufzeiten verfügbar. Hinzu kommen hohe Stromkosten und, trotz aller politischen Ankündigungen, vielerorts fehlende Planungssicherheit. Aktuelle Neubauprojekte entstehen dort, wo Flächen und Netzanbindung verfügbar sind sowie der politische Wille besteht, digitale Infrastruktur anzusiedeln.
Grundsätzlich kann eine breitere regionale Verteilung Engpässe entschärfen und strukturschwächere Regionen stärken. Aber sie darf nicht das Ergebnis fehlender Anschlussmöglichkeiten an etablierten Standorten sein. Es müssen sowohl bestehende Zentren wie Frankfurt gestärkt als auch neue Standorte erschlossen werden, um nicht nur die angestrebten Wachstumsziele zu erreichen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Digitalstandorts Deutschland zu sichern. Frankfurt bietet mit seiner hohen Konnektivität durch den Internetknoten DE-CIX und seinem etablierten digitalen Ökosystem weiterhin starke Standortvorteile. Wer dort investieren will, braucht jedoch rechtzeitig einen gesicherten Netzanschluss, und genau dieser fehlt oftmals.
Ein neues Verfahren mit Licht und Schatten
Immerhin hat sich in der Vergabepraxis etwas Grundlegendes getan. Seit dem 1. April 2026 vergeben die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber neue Anschlüsse an das Höchstspannungsnetz nicht mehr nach dem Windhundprinzip, sondern nach einem Reifegradverfahren: Projekte werden danach bewertet, wie realistisch und weit fortgeschritten sie tatsächlich sind, statt ausschließlich nach dem Eingangsdatum des Antrags. Der Grund: Bis zum dritten Quartal 2025 lagen den Übertragungsnetzbetreibern 717 Anschlussanträge mit rund 270 Gigawatt Gesamtleistung vor. Davon entfielen allein 545 Anträge mit 211 Gigawatt auf Großbatteriespeicher. Die Zahlen zeigen, wie stark die Nachfrage nach Netzanschlüssen das verfügbare Angebot übersteigt.
Das Reifegradverfahren gilt allerdings nur für Anschlüsse an das Übertragungsnetz. Die meisten Rechenzentrumsprojekte werden an Verteilnetze angeschlossen, etwa in Frankfurt an das Netz der Mainova. Für diese Anschlüsse gilt das Verfahren bislang nicht.
Dass gut vorbereitete Vorhaben künftig gegenüber Projekten ohne belastbare Realisierungsperspektive priorisiert werden, ist richtig. Entscheidend wird aber sein, wie das Verfahren in der Praxis gehandhabt wird. Rechenzentren entstehen fast nie in einem Schritt, sondern werden über mehrere Bauabschnitte hinweg ausgebaut. Ein Projekt darf nicht allein deshalb als unreif gelten, weil es sich über mehrere Jahre erstreckt, solange der Ausbauplan belastbar ist.
Fünf Punkte, die jetzt zählen
Digitale Infrastruktur entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch verlässliche und effiziente Verfahren. Aus Betreibersicht kommt es jetzt auf Folgendes an:
- Deutschland braucht eine Stromversorgung, auf die sich Unternehmen langfristig verlassen können: schnelleren Netzausbau, verbindliche Anschlusszusagen und wettbewerbsfähige Strompreise. Langfristige Stromlieferverträge, Erzeugung vor Ort und perspektivisch Batteriespeicher können die Versorgung ergänzen.
- Netzbetreiber, Kommunen und Rechenzentrumsbranche müssen viel früher gemeinsam planen, statt erst zu reagieren, wenn der Engpass schon existiert. Neue Rechenzentren entstehen dort, wo Strom, Flächen und politischer Wille zusammenkommen. Die geplante Gewerbesteuerreform kann dazu beitragen, Standortkommunen stärker an der Wertschöpfung zu beteiligen, ohne Betreiber zusätzlich zu belasten.
- Die zugesagte Anschlussleistung sollte schrittweise bereitstehen, entlang eines realistischen, nachweisbaren Ausbauplans, statt nach dem Prinzip alles oder nichts. Sogenannte flexible Netzanschlussvereinbarungen, die einen Anschluss vor vollständigem Netzausbau ermöglichen, sind hierfür ein richtiger Ansatz und werden auch in der Nationalen Rechenzentrumsstrategie aufgegriffen. Sie müssen allerdings projektspezifisch, wirtschaftlich tragfähig und mit dem zuverlässigen Betrieb eines Rechenzentrums vereinbar sein.
- Der Bedarf eines Rechenzentrums darf nicht allein an seiner durchschnittlichen Auslastung gemessen werden. Lastspitzen, Kundenwachstum, Ausfallsicherheit und stärker schwankende Lasten durch KI-Anwendungen gehören dazu. Wer nachweislich mehr Anschlussleistung braucht, darf sie nicht wegen starrer Fristen oder alter Durchschnittswerte verlieren.
- Das Reifegradverfahren sollte verlässlich und einheitlich angewendet und auf die Verteilnetze ausgeweitet werden. Es muss ernsthafte Projekte klar von spekulativen Reservierungen unterscheiden, ohne dass solide geplante, mehrjährige Vorhaben ins Hintertreffen geraten.
Worauf es jetzt ankommt
Mit der Nationalen Rechenzentrumsstrategie und dem Reifegradverfahren hat Deutschland zwei wichtige Weichen gestellt. Doch eine Verdopplung der Kapazitäten bis 2030 bleibt eine Zahl auf dem Papier, wenn die notwendigen Voraussetzungen nicht dort erfüllt werden, wo Unternehmen sie benötigen. Die kommenden zwei bis drei Jahre werden entscheiden, ob Deutschland als Digitalstandort mit der Nachfrage nach Rechenleistung mithält oder ob Investitionen dorthin abwandern, wo Strom, Netzanschluss und Fläche schneller verfügbar sind. Digitale Infrastruktur ist kein Randthema mehr, sie ist Standortpolitik. Und die entscheidet sich an einer konkreten Frage: Wie schnell bekommt ein Rechenzentrum seinen Stromanschluss und wie verlässlich reicht er auch morgen noch?
Volker Ludwig ist Senior Vice President und Managing Director Central Europe bei Digital Realty, Sprecher der eco Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen und Vizepräsident der IHK Frankfurt am Main.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden