EU will neue Standards einführen : „Die Energieeffizienz von Rechenzentren regelt der Markt von alleine“
Europa will seine Rechenzentrumskapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifachen, um technologische Unabhängigkeit und digitale Souveränität zu stärken. Zugleich plant die EU neue Nachhaltigkeitsvorgaben: Die Kommission prüft Mindeststandards für Energieeffizienz, Wasserverbrauch, Abwärmenutzung und weitere Kriterien.
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Beim Blick auf die aktuellen Pläne der EU, den Betrieb von Rechenzentren in Zukunft stärker zu regulieren, fällt zunächst auf, dass dabei Anspruch und Wirklichkeit im Markt weit auseinanderklaffen. Die EU möchte Rechenzentren ab einer Größe von 500 KW in ihre zukünftigen Richtlinien einbeziehen. In Zeiten leistungsfähiger Hardware für KI-Anwendungen dürfte dieser Schwellenwert schon jetzt möglicherweise bereits durch ein einziges Server-Rack eines Start-ups erreicht werden. Damit würde sich die an sich gut gemeinte Idee, die energetische Situation großer Rechenzentren zu verbessern, im Kleinklein verlieren. Deshalb muss dieser Schwellenwert unbedingt erhöht werden.
PUE und WUE sind problematische Kennzahlen
Auch die Verwendung der Kennzahl „Power Usage Efficiency“ (PUE) zur Bewertung der Strom-Effizienz ist problematisch, denn es handelt sich hier um einen schon lange umstrittenen und ungenau definierten Basiswert. PUE misst nur die Nutzung von IT-relevanter Stromnutzung im Vergleich zur Gesamt-Stromnutzung in Rechenzentren, wo immer auch Kühlung, Umspannung und weitere Stromabnehmer eine Rolle spielen. Ein Rechenzentrum kann deshalb einen hervorragenden PUE-Wert nahe 1,0 aufweisen, während im Inneren vollkommen veraltete, ineffiziente Server laufen, die im Leerlauf ununterbrochen Strom verschwenden. Der PUE misst nur die Umgebungsinfrastruktur, nicht aber die Effizienz der Rechenleistung. Außerdem: Um den PUE zu reduzieren, greifen Betreiber gerne auf Grundwasserkühlung zurück. Das senkt zwar den Strombedarf und verbessert so den PUE-Wert, führt jedoch zu einem massiven Verbrauch der kostbaren Ressource Wasser.
Womit wir schon beim zweiten kritischen Kennwert wären: „Water Usage Efficiency“ (WUE). Auch diese Kennzahl ist unpräzise definiert und wirft eine Vielzahl von Fragen bei der praktischen Vergleichbarkeit auf. Ein optimierter WUE-Wert kann auf Kosten eines schlechteren PUE-Werts „erkauft“ werden, sobald klassische Kälteanlagen ohne Wasserverdunstung zum Einsatz kommen. Nachhaltigkeit ist dann nur auf dem Papier gegeben. Die Verwendung von Grundwasser zur Kühlung mittels Wasserverdunstung ist regional innerhalb der EU völlig unterschiedlich zu bewerten – in Spanien herrschen ganz andere Umweltvoraussetzungen als beispielsweise in Schweden. Zudem muss das entnommene Grundwasser grundsätzlich zurück ins Erdreich verpresst werden, wo es aufgrund seiner vorherigen Kühlwirkung stets einige Grad wärmer ankommt.
Die Auswirkungen auf die Umwelt sind nicht genügend erforscht. Auch geschlossene Wasserkreisläufe geben zumindest in Deutschland nicht die geeigneten Antworten für eine möglichst ressourcenschonende Wassernutzung, denn aufgrund der Legionellen-Problematik sind Betreiber von Verdunstungs-Kühlanlagen angewiesen, das komplette Wasser in einem an sich geschlossenen Kühlkreislauf regelmäßig auszutauschen, um nicht in enorme Betriebs- und Haftungsrisiken zu geraten.
Mehr Bürokratie ohne echten Nutzen
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die geplanten Regulierungen der EU in jedem Fall zu einem weiteren Plus an Bürokratie führen, aber nicht unbedingt die Umwelt besser schützen. Sie würgen außerdem den Innovationsgeist von Start-ups ab, wenn in Zukunft bereits einzelne KI-Installationen wie große Rechenzentren den EU-Regularien genügen müssen. Dabei wäre die Lösung einfach: Rechenzentrumsbetreiber, die mit veralteter Technologie und ungeeigneten Kühlungsmaßnahmen die eigenen Systemkosten in die Höhe treiben, sind in einem Land, das ohnehin mit die weltweit höchsten Strompreise aufruft, auf längere Sicht schlicht nicht konkurrenzfähig. Sie werden von anderen Anbietern, die auf energieeffiziente Hardware und moderne Kühlprozesse setzen, verdrängt.
Darum empfehle ich: Lasst doch den Markt das über die Kosten regeln. Wesentlich bedeutender ist meiner Meinung nach die Frage, woher der Strom für die geplante Verdreifachung der Rechenkapazitäten in Europa kommen soll. Mit Solar- oder Windkraft allein wird das jedenfalls nicht leistbar sein.
Sebastian von Bomhard ist Gründer und Vorstand von Spacenet, das seit über 30 Jahren eigene Hochleistungs-Rechenzentren betreibt und für das Hosting von Standard- sowie KI-Anwendungen zur Verfügung stellt.
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