In Deutschland einkaufen : Digitale Souveränität braucht Beschaffungssouveränität
Bei den Debatten über digitale Souveränität wird gefordert, Deutschland und Europa müssen von amerikanischen Hyperscalern unabhängig werden und erst eine eigene technologische Basis errichten. Als fehlten angeblich Rechenzentren und Betriebskompetenz. Ein Großteil der Lösungen, die Mittelstand und öffentliche Verwaltung brauchen, kann jedoch längst bei deutschen Anbietern betrieben werden. Was fehlt, ist Beschaffungssouveränität.
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Der Bitkom Cloud Report 2026 zeigt eine seltsame Kluft: 91 Prozent der Unternehmen würden deutsche Cloud-Anbieter bevorzugen. Im Einsatz haben sie aber nur 53 Prozent, während 71 Prozent auf US-Dienste setzen. Doch wofür eigentlich? Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts aus 2025 laufen Cloud-Dienste überwiegend für E-Mail, Datenspeicherung und Office, dazu etwas ERP, CRM und Entwicklungsumgebungen. Die sehr spezialisierten Service-Kataloge der Hyperscaler bleiben hierzulande im Regelbetrieb weitgehend ungenutzt.
Die im Geschäftsalltag benötigten Cloud-Dienste wie Storage, virtuelle Server, Backup, Kollaboration und Sicherheitsdienste können hiesige Anbieter längst zuverlässig liefern. Wer für diese Kernservices die Datenhoheit an amerikanische Hyperscaler oder deren deutsche Partner abgibt, tut das nicht aus technischer Notwendigkeit, sondern setzt auf vermeintliche Sicherheit großer Marken.
Beschaffungssouveränität ist der eigentliche Knackpunkt
Wenn das Know-how und die Technologie also da sind, warum kommen mittelständische Unternehmen bei Beschaffungsentscheidungen oft nicht zum Zug? Weil zu viele Entscheider auf Größe und Bekanntheit setzen, statt auf Qualität, Tempo und Flexibilität. Ein Verantwortlicher wird selten kritisiert, wenn er Microsoft, AWS oder Google beauftragt, selbst wenn ein Projekt am Ende teurer wird und länger dauert als geplant oder sogar gar nicht abgeschlossen werden kann. Kleine, spezialisierte heimische Anbieter werden eher als Karriererisiko denn als Karrierebooster betrachtet.
Diese Haltung ist kontraproduktiv in einem Land, das für Wohlstandssicherung dringend auf eigene Innovationen und Wertschöpfung angewiesen ist. Und sie trägt weder zu technologischem Fortschritt noch zur Datensouveränität bei. Sie verlangsamt die produktive Nutzung moderner, europäischer Cloud-Technologien, verzögert die Nutzung Künstlicher Intelligenz und belastet unnötig die eh schon knappen IT-Budgets. Zudem wird die Abhängigkeit von etablierten US-Konzernen weiter zementiert.
Das lässt sich an einem konkreten Fall zeigen: Die Föderale IT-Kooperation (Fitko) soll laut Selbstdarstellung eine „agile und flexible Umsetzungsorganisation für den IT-Planungsrat“ für IT-Beratung sein und muss sich gegen den Vorwurf wehren, „von Beratern ausgenommen“ zu werden. Wenn sie externe Beratungsunternehmen hinzuzieht, stellt sich tatsächlich die Frage nach dem Sinn der Konstruktion. Es geht doch darum, schnell und effizient in die Umsetzung zu kommen. Stattdessen wandern enorme Geldmittel zu Beratungshäusern, denen es an praktischem Fachwissen fehlt oder die zu wenig Eigeninteresse an einem schnellen Ergebnis haben.
Deutschen Mittelstand einbeziehen
Der eigentliche Hebel liegt woanders: In einem einzelnen Landkreis laufen über 400 verschiedene Fachverfahren, viele davon technologisch veraltet. Dieser Wildwuchs gehört endlich konsolidiert. Genau dafür wären die rund 255 Millionen Euro gut angelegt, für die die Fitko einen Rahmenvertragspartner für „integrierte Projekt- und Produktberatung“ sucht.
Diese sollten so ausgeschrieben werden, dass auch der leistungsfähige deutsche Mittelstand zu neuer Größe wachsen kann. So fließt das Steuergeld in Unternehmen, die Werte schaffen und den digitalen Standort Deutschland stärken, statt in Beraterhonoraren zu verschwinden. Und wer Fachverfahren ablösen, zusammenführen und über moderne Anwendungen bereitstellen kann, kann in aller Regel auch beraten. Ich bin der festen Überzeugung, dass Beratung und Umsetzung zusammengehören und nicht getrennt werden müssen.
So kann eine Infrastruktur stetig und doch schnell von unten wachsen statt von oben verordnet oder durch Übersteuerung zu langsam modernisiert zu werden: Seien es ein Landkreis oder ein Stadtstaat, der seinen Applikations-Zoo mit mittelständischen Entwicklern ablöst und dabei auf hiesige Infrastruktur setzt und Erfolge binnen Monaten und nicht Jahren oder Jahrzehnten liefert. Bund, Länder und Kommunen sollten dafür als Ankerkunden auftreten, souveräne Beschaffungsentscheidungen treffen und die eigene Nachfrage bewusst in die deutsche und europäische Digitalwirtschaft lenken.
Denn Souveränität ist nicht nur eine technologische oder Regulierungsfrage. Sie ist auch Frage der Beschaffung – und die ist derzeit noch immer alles andere als souverän. Deutschland und Europa haben ein funktionierendes Lösungsangebot, doch es wird viel zu selten genutzt. Es ist höchste Zeit, mehr Beschaffungssouveränität zu wagen.
Martin Flechsig ist Gründer und Geschäftsführer der bundesweit tätigen Mitteldeutsche IT GmbH (mIT), die souveräne Cloud- und Office-Lösungen für Mittelstand und öffentliche Verwaltung anbietet. Über eine Schwestergesellschaft realisiert er zudem Projekte zum Glasfaser- und Highspeed-Internetausbau.
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