Deutsch-Französischer EU-Gipfel : Europa braucht einen verbindlichen Aktionsplan
In einer Woche beginnt der deutsch-französische EU-Gipfel zur digitalen Souveränität. Andreas Kadler, CEO von Plusserver, hofft auf einen verbindlichen Aktionsplan. Damit europäische Provider mit den US-Cloud-Größen mithalten können, braucht es Kapital und politische Rückendeckung, etwa durch die Förderung offener Standards und eine koordinierte Beschaffungspolitik.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Europa hat den Ruf, Abhängigkeiten zugunsten günstiger Tarife gerne zu ignorieren. Zunächst war es das russische Erdgas, das den Kontinent jahrzehntelang erpressbar machte, bis die Speicher 2022 fast über Nacht leer liefen und die Angst vor einem kalten Winter groß war. Heute zeigt sich das gleiche Muster in der digitalen Welt.
Statt an Pipelines hängen unsere Wirtschaft und Verwaltung heute an den Datenströmen amerikanischer Cloud-Giganten. Sollte der US-Präsident über Nacht den Stecker ziehen oder die EU den Betrieb amerikanischer Cloud-Dienste in Europa massiv einschränken, ist die gesamte digitale Infrastruktur bedroht. Produktionsketten reißen, Krankenhäuser verlieren den Zugriff auf Patientendaten, Finanztransaktionen hängen fest und viele Behörden sind abgeschaltet.
Das ist längst kein Zukunftsszenario mehr. Die Trump-Administration zeigte bereits, dass sie diesen Druck politisch ausüben kann. Das reicht von einem ausgeschalteten Mailfach beim internationalen Strafgerichtshofs bis zu Drohungen gegenüber der EU wegen einer europäischen Kartellstrafe gegen Google.
Digitale Souveränität ist Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft und einen handlungsfähigen Staat. Die oben beschriebenen Szenarien führen uns vor Augen, dass die Realität anders als „souverän“ aussieht: Selbst kritische Infrastrukturen wie die Bundeswehr setzen auf US-Clouds. Laut Bitkom bekennen 82 Prozent der Unternehmen, dass Deutschland zu abhängig von amerikanischen Anbietern ist. Dennoch steuern weder Wirtschaft noch Politik intensiv gegen.
Vorurteile abbauen, technologische Hürden beseitigen
Ein häufiges Argument lautet: „Kein souveräner Anbieter kann preislich und technisch mit den Hyperscalern mithalten.“ Der Cloud Report 2025 hat auch diesen Punkt erfasst. 97 Prozent der Unternehmen geben an, dass das Herkunftsland des Providers entscheidend ist, doch zugleich lehnen 65 Prozent Kompromisse bei Preis, Funktionen oder Service ab.
Genau hier müssen die Unternehmen und Anbieter ansetzen. Denn allein kann kein deutscher oder europäischer Provider mit den US-Größen mithalten. Europäische Anbieter müssen kooperieren, offene Schnittstellen schaffen und sich auf Standards verständigen. Quelloffene Technologien wie Open Stack oder Kubernetes verhindern Abhängigkeiten und geben Unternehmen die Freiheit, flexibel Services verschiedener Anbieter miteinander zu kombinieren, zwischen Anbietern zu wechseln oder selbst zu hosten. Es braucht keine US-Unternehmen, um die besten Lösungen zu finden. Die Hyperscaler machen es nur besonders bequem, sodass oftmals die Suche nach Alternativen ausbleibt.
Politik muss vorangehen – als Nutzer und als Gestalter
Doch gerade diese Bequemlichkeit ist der Nährboden für die Abhängigkeit. Hier können und müssen wir Europäer gegensteuern. Die Politik muss mit Investitionen in europäische Lösungen und einem klaren Rahmen für faire Wettbewerbsbedingungen die Souveränität sichern.
Dabei darf sich der Staat aber nicht länger nur hinter Förderprogrammen und Strategiepapieren verstecken. Behörden und staatliche Betriebe sollten eine Vorbildfunktion einnehmen und konsequent zu europäischen Infrastrukturanbietern wechseln. Öffentliche Aufträge gehören an Bedingungen wie EU-Jurisdiktion, offene Standards und transparente Verträge geknüpft.
Konkrete Rahmenbedingungen statt Absichtserklärungen
Wenn beim deutsch-französischen EU-Gipfel im November wieder nur Absichtserklärungen abgegeben werden, wird Geld verbrannt und echte Lösungen im schlimmsten Fall sogar torpediert. Was wir dagegen wirklich brauchen? Kapital und politische Rückendeckung für echte europäische Alternativen.
Notwendig ist ein verbindlicher europäischer Aktionsplan, der drei Dinge garantiert: Erstens muss ein EU-Rechtsraum für den Betrieb und das Eigentum aller kritischen Cloud-Infrastrukturen geschaffen werden. Zweitens muss eine offizielle Förderung offener Standards und Open Source erfolgen, um Lock-ins zu vermeiden. Und drittens eine koordinierte Beschaffungspolitik, die Marktanteile für europäische Anbieter schafft und Skaleneffekte ermöglicht.
Wenn wir diesen Weg gehen, kann Washington drohen oder Trump wüten, wie er will: Unsere Daten bleiben unter europäischer Kontrolle. Digitale Souveränität bedeutet, den Stecker notfalls selbst ziehen zu können. Und zwar, ohne dass das Land stillsteht. Nur wenn Politik, Verwaltung und Wirtschaft jetzt konsequent handeln, kann Europa seine digitale Zukunft aus eigener Kraft gestalten.
Andreas Kadler ist CEO von Plusserver, einem Multi-Cloud-Provider mit Sitz in Köln.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden