Fachkräfte-Exodus in den USA : Europas Chance im globalen Talentwettbewerb
Vom Silicon Valley nach Berlin? Wegen des Vorgehens der Trump-Regierung verlassen Tech-Talente in Scharen die USA – und Europa könnte der Gewinner sein. Doch während Kanada und China mit schnellen Visa locken, trödelt die EU mit langwieriger Bürokratie und braucht zu viel Zeit.
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Chaotische Szenen spielten sich am 20. September 2025 am internationalen Terminal des Flughafens von San Francisco ab: An den Gates des Silicon-Valley-Flughafens drängten sich IT- und Tech-Fachleute, die im Besitz eines H-1B-Visums waren – manche in Eile, um noch einen Flug ins Ausland zu erwischen, andere gerade gelandet, voller Angst, die Vereinigten Staaten unter Donald Trump nicht mehr betreten zu dürfen.
Das H-1B-Visum erlaubt hoch qualifizierten, ausländischen Fachkräften die Einreise in die USA – insbesondere aus Technologie-, Ingenieur-, Forschungs- und Finanzberufen. Es gilt deshalb als eine Art Lebensader der US-amerikanischen Tech-Industrie. Doch US-Präsident Donald Trump hat diese Visa über Nacht praktisch zum Luxusgut gemacht: Er erhöhte die Gebühr für neue H-1B-Anträge von 1500 auf 100.000 Dollar – eine fast 67-fache Kostensteigerung. Was für viele Fachkräfte, die in die USA einreisen wollten, eine Katastrophe bedeutet, könnte für Europa zur einmaligen Gelegenheit werden, Talente zu gewinnen, die bislang lieber ins Silicon Valley gingen.
Kosten in Milliardenhöhe
Das Ausmaß der Veränderung ist enorm: Amazon beschäftigt über 10.000 H-1B-Arbeitnehmer und sieht sich mit potenziellen Kosten von einer Milliarde US-Dollar für neue Anträge konfrontiert. Der CEO von Start-up-Accelerator „Y Combinator“ bezeichnete dies als „Genickbruch für Start-ups“ und als „großes Geschenk an ausländische Technologiezentren“. Jorge Lopez, der sich bei dem Beratungsunternehmen „Littler Mendelson PC“ mit Einwanderung und globaler Mobilität beschäftigt, erklärte gegenüber dem TV-Sender BBC, dass dies „die Wettbewerbsfähigkeit Amerikas im Technologiesektor und in allen Branchen bremsen wird”.
Für Europa könnte sich die Maßnahme als ein Geschenk erweisen, das eine ganze Generation von Fachleuten prägen dürfte. Analysen von Interface zeigen, dass die USA die Arbeitnehmer, die Europa am dringendsten benötigt, in großer Zahl aus dem Markt abgezogen hat: Über 60 Prozent der H-1B-Inhaber sind hochqualifizierte Tech-Arbeitnehmer. Genau diese Menschen braucht die Europäische Union, um die Lücke von 1,2 Millionen offenen Stellen zu schließen. Die Frage ist nun, ob die Europäer diese Chance zu nutzen wissen.
Viele H-1B-Exilanten wollen jetzt nach Europa
Es ist nicht so, dass Europa keine innovativen Ideen und Talente vorzuweisen hat. Allerdings werden diese oft ins Silicon Valley exportiert, weil Tech-Fachleute dort wettbewerbsfähigere Gehälter und bessere Karrierechancen vorfinden.
Der jüngste Erfolg des französischen KI-Unternehmens Mistral, das 1,1 Milliarden Euro an Kapital einsammeln konnte, zeigt: Auch europäische KI-Start-ups sind längst in der Lage, Investoren anzuziehen. Wen sie bislang jedoch nicht gewinnen konnten, war der 25-jährige Machine-Learning-Ingenieur aus Bangalore – jener Typ Fachkraft, der im Zweifelsfall drei deutlich besser bezahlte Angebote aus den Vereinigten Staaten vorliegen hatte. Heute steht er vor einer anderen Wahl: US-Start-ups können sich das H-1B-Visum nicht mehr leisten. Europäische hingegen können hochqualifizierten Talenten aus anderen Teilen der Welt eine Blue Card und Unternehmensanteile bieten – sowie ein Leben, in dem die Miete nicht 60 Prozent des Gehalts verschlingt.
Und nicht nur für Experten für Künstliche Intelligenz (KI) aus aller Welt ist Europa als Option attraktiver geworden. Auch viele andere H-1B-Exilanten wollen nach Europa umsiedeln. Barney Hussey-Yeo, Geschäftsführer des britischen KI-Start-ups Cleo, berichtet, dass er seit den H-1B-Änderungen über 1000 Direktnachrichten von hochqualifizierten Fachkräften erhalten habe, die einen Wegzug aus den USA in Betracht ziehen. Er beschreibt sie als „Informatikabsolventen der weltweit besten Universitäten, die derzeit bei Elite-Tech-Unternehmen arbeiten”.
Entscheidend ist bei allem aber das Tempo, denn während sich Brüssel noch mit Debatten quält, mobilisiert die Konkurrenz ihre Ressourcen.
Zum Beispiel prüft Kanada neue Richtlinien für Tech-Fachkräfte, während Großbritannien erwägt, die Visagebühren für Top-Talente abzuschaffen. Auch anderswo läuft der Wettstreit um kluge Köpfe: China hat ein K-Visum für Mint-Fachkräfte (Experten der Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) eingeführt, das kein Jobangebot mehr voraussetzt; Südkorea wirbt aktiv um vertriebene Talente, und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Saudi-Arabien setzen auf Golden-Visa-Programme und Megaprojekte wie das Siedlungsprojekt „NEOM“, um sich als die nächsten globalen Tech-Hubs zu positionieren.
Brüssel sollte entschlossener handeln
Die EU-Blue-Card ist für diesen Zweck kaum geeignet. Die Zahl der Anträge stieg zwischen 2016 und 2023 lediglich von 20.979 auf 89.037 Stück. Während das britische Global-Talent-Visum innerhalb von drei Wochen ausgestellt wird, dauert die Bearbeitung in der EU bis zu 90 Tage. Hinzu kommen hohe Gehaltsschwellen, die viele Start-up-Stellen ausschließen – gerade dort, wo Beteiligungen wichtiger sind als ein hohes Grundgehalt. Statt einer einheitlichen europäischen Lösung gibt es zudem 27 nationale Umsetzungen. Und am absurdesten ist wohl, dass die EU grenzüberschreitende Remote-Arbeit bis heute nicht anerkennt – obwohl Tech-Unternehmen längst dezentral aufgestellt sind.
Im Zuge der Covid-19-Pandemie hat die Europäische Union innerhalb weniger Monate 750 Milliarden Euro für das Programm „NextGenerationEU“ mobilisiert und binnen Wochen digitale Impfzertifikate eingeführt. Nun sollte Europa mit der gleichen Entschlossenheit daran gehen, Talenten zu gewinnen.
48 Stunden Bearbeitungszeit, EU-Freizügigkeit – und einheitliche Regeln
Europa hat jetzt die Chance, sein Wachstumsmodell neu zu erfinden, mit einem europäischen Innovations-Visum, das Talente wirklich anzieht: eine Bearbeitungszeit von 48 Stunden, Aktienanteile, die auf die Gehaltsanforderungen angerechnet werden können, und automatische Arbeitserlaubnis für Ehepartner. Entscheidend ist, dass diese Visa mindestens fünf Jahre gültig sind – die Mindestzeit, um in Zukunftsbranchen wirklich etwas zu bewegen. Und: Fachkräfte in der Tech-Branche müssen sich innerhalb der EU frei bewegen können. Europa braucht endlich ein einheitliches Regime – für Start-ups und ihre Gründer:innen.
Europa hat nur wenige Wochen Zeit. Um noch einmal – bildlich gesprochen – an den Flughafen zurückzukehren: Das Boarding hat begonnen, die Maschinen rollen Richtung Startbahn. Entweder sitzen wir mit an Bord – gemeinsam mit jenen Fachkräften, die Europas digitale Zukunft mitgestalten könnten – oder wir stehen am Gate und sehen zu, wie sie nach Toronto, Peking oder sonst wohin abheben.
Siddhi Pal ist Expertin für KI-Arbeitsmärkte bei Interface, einem Thinktank für Digital- und Technologiepolitik. Leonardo Quattrucci ist außerordentlicher Professor für Innovation an der Sciences Po in Paris und Berater für Start-ups und öffentliche Einrichtungen.
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