Quantentechnologie & Hightech-Agenda : Fünf Handlungsempfehlungen aus der Industrie
Mit der Hightech-Agenda bekennt sich die Bundesregierung zu Quantentechnologien als strategischem Zukunftsfeld der deutschen Wirtschaft. Die dabei formulierten Ziele konzentrieren sich auf technologische Hardware-Exzellenz. Dabei braucht es mehr: eine Industrialisierungsinitiative, die Software als eigenes Handlungsfeld anerkennt – und die Entwicklung konkreter Anwendungen konsequent in den Fokus nimmt.
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Die Quantentechnologien bieten wirtschaftliches Potenzial über ein Spektrum von Anwendungen hinweg – von der Medikamentenentwicklung und Batterieforschung über optimierte Verkehrssteuerung bis hin zu neuen Verschlüsselungsverfahren für die Cybersicherheit. Die Hightech-Agenda der Bundesregierung erklärt sie zum strategischen Zukunftsfeld der deutschen Wirtschaft.
Als industriegetriebene Initiative begleiten wir im Quantum Technology & Application Consortium (Qutac) das deutsche Quantentechnologie-Ökosystem, schwerpunktmäßig mit Blick auf die Anwendung. In unserem Quantencomputing-Monitor erheben wir Key Performance Indikatoren (KPIs) über die Fortschritte auf dem Weg zur Anwendung der Technologie in Deutschland. So machen wir die Leistungen des Landes in diesem Bereich sicht- und bewertbar.
Was wir sehen, ist: Deutschland braucht in Sachen Quantentechnologien eine Industrialisierungsinitiative. Das Land muss sowohl industrielle Kooperationen als auch die Entstehung zukünftiger Märkte fördern. Wie schneidet die Hightech-Agenda gegenüber dieser Bestandsaufnahme ab? Bringt sie Quantentechnologien erfolgreich zur industriellen Anwendung? Und wird sich Deutschland im globalen Innovationswettbewerb behaupten können? Wir geben fünf Handlungsempfehlungen:
Quantentechnologien ganzheitlich und zielgerichtet denken
Die Agenda konzentriert sich auf den Aufbau technologischer Hardware-Exzellenz. Das zeigt sich im Ziel, bis 2030 zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer zu realisieren. Das ist ein guter Start, aber für eine gelungene Industrialisierungsinitiative braucht es einen ganzheitlichen Ansatz. Dieser muss industrielle Anwendungen und die Entwicklung von Software einschließen.
Hierfür muss die Hardwareförderung auf eine industrielle Nutzbarmachung ausgerichtet werden. Relevante Industrieakteure sollten breit eingebunden sowie klare Auswahlkriterien für förderungswürdige Plattformen und verbindliche Meilensteine definiert werden.
Und weiter sollte die Softwareentwicklung als eigenständiges und wichtiges Handlungsfeld verankert werden. Sie ist für den Aufbau zukünftiger Wertschöpfungsketten und Märkte entscheidend, in der Agenda aber unterrepräsentiert.
Zuletzt sollten Unternehmen früh niedrigschwelligen und unbürokratischen Hardware-Zugang erhalten. Nur so lassen sich Innovationen und industrielle Anwendungen beschleunigen und das Kernziel, das Qutac formuliert, erreichen, und zwar anwendungsfähig zu sein, wenn ausreichend leistungsfähige Systeme vorhanden sind.
Wir müssen Industriekooperationen gezielt stärken
Für die Nutzbarmachung von Quantentechnologien sind enge, strategische Industriekooperationen der Schlüssel. Die in der Agenda angestrebten Pilotlinien („from lab to fab“) sollten deshalb gezielt in der Nähe ausgewählter Produktionsstätten entstehen. So beschleunigt Deutschland den Transfer in die industrielle Fertigung. Außerdem darf die Systemintegration nicht allein Quantentechnologie-Anbietern überlassen werden. Etablierte Konzerne und KMU diverser Branchen sollten als zukünftige Anwender aktiv einbezogen werden. Ihre Perspektiven sind erforderlich, um relevante Kompetenzen zielgerichtet aufzubauen und zu bündeln.
Wir müssen in den Aufbau und die Bindung von Fachkräften investieren
Zu den zu fördernden Märkten im Rahmen einer Industrialisierungsinitiative gehört auch der Arbeitsmarkt. Unsere Erhebungen zeichnen das Bild einer dynamischen Community von Quantentechnologie-Fachkräften. Sie sind exzellent ausgebildet, sie werden mehr und sie sind international mobil.
Die Bilanz Deutschlands im Wettbewerb um diese Expertinnen und Experten ist durchwachsen. So hat sich die Zahl der Personen mit Quantencomputing-Expertise bei uns zwischen 2022 und 2025 nahezu verdoppelt. Zugleich gelingt es uns nicht konsequent, Fachkräfte zu halten. Lag 2024 der Anteil der Fachkräfte, die nach ihrem Studium im Land blieben, noch bei 75 Prozent, waren es 2025 nur noch etwa 55 Prozent.
Um das Wachstum der Fachkräftezahl fortzusetzen und zugleich mehr Talente im Land zu halten, brauchen wir einerseits mehr eigene Professuren und Forschungsgruppen im Bereich Quanten-Algorithmik, um Expertinnen und Experten in diesem Bereich gezielt selbst auszubilden. Andererseits sollten wir Programme aufsetzen, um auch Talente aus dem Ausland zu gewinnen und hier ausgebildete Talente im Land zu halten. Dazu sollten wir auch in praxisorientierte Aus- und Weiterbildungsangebote investieren. Die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Hochschulen und Fachhochschulen ist unerlässlich. Nur mit einer erfolgreichen Industrialisierung wird ein Schwerpunkt mit ausreichender Strahlkraft entstehen.
Wir müssen mehr in Quantentechnologien investieren
Um den Markthochlauf zu beschleunigen, muss Deutschland mithilfe attraktiver Standortfaktoren und Investitionsanreize gezielt Kapital anziehen – auch aus dem Ausland.
Wir sehen, dass die Zahl der Risikokapitalgeber, die in Deutschland in Quantencomputing investieren, seit 2022 kontinuierlich gestiegen ist. Auch das durchschnittliche Funding pro Start-up hat sich nahezu vervierfacht. Ein positiver Trend, der ein wachsendes Vertrauen in das deutsche Ökosystem zeigt. Allerdings wird diese Wachstumsrate von den USA und dem Vereinigten Königreich noch übertroffen. Frankreich und Kanada erreichen ein höheres durchschnittliches Funding pro Start-up.
Wir müssen in Governance und EU-weite Kooperation investieren
Die Hightech Agenda ist auch im Kontext der gemeinsamen deutsch-französischen Wirtschaftsagenda im Bereich Quantentechnologien zu sehen. Das zeigte der deutsch-französische Ministerrat unter Leitung von Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz am 29. August 2025 in Toulon. Auf diesem verpflichteten sich beide Länder, Quantencomputing-Ökosysteme in Deutschland, Frankreich und der EU zu fördern. Auch hier braucht es eine Initiative hin zu einer gemeinsamen Industrialisierung. Auf dem deutsch-französischen Quantentechnologiedialog am 23. September in Paris und Massy kamen Vertreter aus Forschung, Industrie, Start-ups und Politik beider Länder zusammen, um die Möglichkeiten einer solchen verbesserten Kooperation auszuloten.
Um diese grenzübergreifende Zusammenarbeit zu stärken, sollte Deutschland klar in seine Governance im Bereich Quantentechnologien investieren. Programme der Bundesregierung sollten regelmäßig evaluiert und mit jenen anderer EU-Mitgliedstaaten abgeglichen werden. Zudem müssen sich einzelne Ressorts der Bundesregierung besser koordinieren, während Deutschland gleichzeitig Scale-ups auf EU-Ebene fördert.
Die Hightech Agenda hat das Ziel, Quantentechnologien in Deutschland und Europa als Innovationsmotor zu etablieren. Damit das gelingt, braucht es technologisches Know-how, industrielle Erfahrung und praxisnahe Lösungen; kurz: eine gemeinsame Kraftanstrengung mit und für die Industrie. Nur so können wir Potenziale in marktreife Anwendungen überführen und Deutschlands und Europas wirtschaftliche Stärke, digitale Souveränität und langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern.
Reinhard Ploss ist einer der Gründer des Industrieverbunds Qutac und repräsentiert den Zusammenschluss nach außen. Seit 2022 ist er Aufsichtsratsvorsitzende der Knorr-Bremse AG, von 2012 bis 2022 war er Vorstandsvorsitzender der Infineon AG.
Caroline Bürsgens leitet das Management des Industrieverbunds Qutac und ist bei der Infineon AG Direktorin der Abteilung Strategie, Unternehmensbeteiligungen und -übernahmen.
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