EU-weite Rechtsform für Start-ups : Jetzt ist die Zeit für echte Reformen statt kosmetischer Änderungen
Die Europäische Union hat bringt mehr Tech-Erfolge hervor als je zuvor. Doch Gründer:innen von Start-ups hadern mit den unterschiedlichen Rechtsrahmen der Mitgliedsstaaten. Ein „28. Regime“ soll Gründungen vereinfachen, Kapital mobilisieren und Mitarbeiterbeteiligungen vereinheitlichen. Doch Katharina Wilhelm vom Wagniskapitalgeber Index Ventures warnt, dass die Reform droht, zu kurz zu greifen.
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Vor einem Jahr legte der wegweisende Draghi-Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit mutige Vorschläge vor. Würden sie umgesetzt, könnten sie das Start-up-Ökosystem der EU grundlegend verändern. Aus diesem Bericht heraus gründete sich EU-INC, ein Zusammenschluss von 16.000 Mitgliedern der europäischen Start-up-Gemeinschaft. Zu ihnen zählen führende Köpfe von Deepl, Get Your Guide, Mistral, Revolut, Stripe, Supercell, Wise und Wagniskapitalgeber wie wir.
Unsere gemeinsame Forderung: Wir brauchen ein europaweites Rahmenwerk. Nur so lässt sich Kapital mobilisieren und Innovation beschleunigen. Europa verfügt schon heute über immenses Talent und den nötigen Ehrgeiz. Was uns nun noch fehlt, ist ein gemeinsamer Standard, der das Spielfeld für Gründer und Gründerinnen wirklich ebnet. Nur so können hiesige Unternehmen erfolgreich im Wettbewerb gegen Nordamerika und Asien skalieren.
Im Mittelpunkt der EU-INC-Kampagne steht die Einführung des „28. Regimes“. Gemeint ist damit eine Lösung, mit der sich Gründer und Gründerinnen nicht länger durch ein fragmentiertes System kämpfen müssen, sondern schneller skalieren können.
Dieses 28. Regime sieht eine paneuropäische Rechtsform für Unternehmen vor. Damit einher geht ein digitales EU-Register, standardisierte Investitionsdokumente und einheitliche Regeln für Mitarbeiterbeteiligungen. In der Realität birgt der aktuelle Berichtsentwurf aus dem EU-Parlament für ein solches Vorhaben das Risiko, kaum mehr als eine oberflächliche Patina auf 27 getrennten nationalen Systemen zu sein.
Von 27 Systemen zu einem
Jedes Mal, wenn ich mit europäischen Gründern und Gründerinnen spreche, sind diese davon frustriert, sich mit 27 verschiedenen Rechtssystemen auseinandersetzen zu müssen. Gründungsverfahren können Monate dauern, es gibt enorme Unterschiede beim Gesellschaftsrecht und Mitarbeiterbeteiligungen. Talente so zu mobilisieren, wird zu einem rechtlichen Albtraum. Besonders hart trifft es deutsche Gründer und Gründerinnen, die sich noch mit händischen Unterschriften, Notaren, die Dokumente über Stunden hinweg vorlesen, und dem Bürokratie-Labyrinth verschiedener Behörden herumschlagen müssen.
Draghi hat in seinem Bericht deutlich gemacht, dass die EU Bürokratie abbauen und regulatorische Rahmenbedingungen verbessern muss. Die Europäische Kommission hat mit dem vorgeschlagenen Rahmenwerk einen positiven Schritt nach vorne gemacht. Das frühe Feedback aus der Start-up-Gemeinschaft lautet aber einhellig: Die aktuellen Entwürfe laufen Gefahr, nur kosmetische Reformen zu liefern.
Gründer und Gründerinnen befürchten, dass das Regime letztendlich nur dem Namen nach existiert, in Wirklichkeit aber die Komplexität von 27 separaten nationalen Systemen beibehält. Das wäre eine Fortsetzung des fragmentierten Systems widersprüchlicher Vorschriften und administrativer Belastungen.
Ein „28. Regime“, das wirklich etwas bringt
Die verbleibenden Monate dieses Jahres werden zeigen, ob Brüssel es wirklich ernst meint. Eine umfassende Konsultation endet am 30. September – eine letzte Chance, alle Mitgliedstaaten, EU-Institutionen und politischen Entscheidungsträger:innen an einen Tisch zu bringen und echte Ergebnisse einzufordern. Denn nur sie können sicherstellen, dass der finale Vorschlag Draghis ursprünglicher Vision gerecht wird.
Dafür müssen vier zentrale Punkte umgesetzt werden:
- Eine neue Unternehmensform auf EU-Ebene: eine einheitliche Unternehmensstruktur mit klaren Regeln für Governance und Kapital.
- Ein digitales Register: Gründung einer Gesellschaft innerhalb von 48 Stunden, vollständig online, EU-weit integriert.
- Ein standardisiertes Investment-Instrument: ein öffentlich zugängliches Finanzierungsinstrument ähnlich dem YC SAFE, das Fundraising EU-weit vereinfacht.
- Ein europaweites ESOP (Mitarbeiterbeteiligungsprogramm): ein gemeinsamer Rahmen für Aktienoptionen, um Talente von überall anzuziehen und zu halten.
Aktuell gibt es Schritte in die richtige Richtung: Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron haben erst im August ihre Unterstützung für eine europaweite Start-up-Einheit zugesagt. Jetzt ist ein angemessener Rahmen erforderlich, um der Start-up-Gemeinschaft mehr als nur Lippenbekenntnisse zu geben.
Fakt ist: Europa bringt mehr globale Tech-Erfolge hervor als je zuvor. Unternehmen wie Deepl, Revolut und Mistral sind erfolgreich, weil sie grenzenlos denken: Sie rekrutieren Talente weltweit, sichern sich Kapital von globalen Investoren und betreiben ausgeklügelte, grenzüberschreitende Operationen, um Kunden überall zu erreichen.
Nun ist es Zeit für Europa, eine echte Start-up-Union zu schaffen. Eine Union, die dem Ehrgeiz dieser Erfolgsgeschichten gerecht wird und weitere Türen öffnet. Mit den richtigen Reformen könnte Europa nicht nur seine klügsten Gründerinnen und Gründer halten, sondern auch einen Markt schaffen, der es ermöglicht, Weltklasse-Unternehmen aufzubauen. Ohne diese Schritte riskiert Europa, eine ganze Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern zu verlieren.
Katharina Wilhelm ist Partnerin beim Wagniskapitalgeber Index Ventures, das unter anderem am deutschen KI-Start-up Deepl beteiligt ist.
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