Bequem ist nicht gleich souverän : Lokale Anbieter brauchen echte Chancen
Alle reden zwar von digitaler Souveränität und mehr Unabhängigkeit von US-Konzernen, doch in der Praxis passiert zu wenig. Deutsche und europäische Alternativen werden kaum unterstützt. Das hat vor allem drei Gründe.
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Die deutsche Bundesregierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die digitale Souveränität in Deutschland zu fördern und sich unabhängiger von einzelnen starken Anbietern zu machen. Dabei will man einen „offenen, wettbewerbsfähigen Markt [...] unterstützen und gestalten“, wie das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) auf seiner Webseite schreibt. Die Realität aber ist: Deutsche und EU-Unternehmen werden immer wieder ignoriert.
Zwar zeigt der Zwist in der bayerischen Staatsregierung zwischen Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler) und Finanzminister Albert Füracker (CSU) im Zuge des geplanten, milliardenschweren Vertrags zwischen Bayern und Microsoft, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Doch haben heimische Anbieter überhaupt eine reale Chance?
Es ist gut, dass es das Thema der digitalen Souveränität in den Mainstream geschafft hat. Im nächsten Schritt muss aber nun Klarheit entstehen, was damit überhaupt gemeint ist. Vor allem in der Umsetzung. Denn die Uneinigkeit innerhalb der bayerischen Regierung lenkt den Fokus auf eine der Gretchenfragen unserer Zeit: Deutschland, wie hältst du es mit der digitalen Souveränität?
Zwischen wohlklingenden Worten und harter Realität
Politisch wird der Ruf nach mehr digitaler Souveränität immer lauter. Abhängigkeiten sollen, ähnlich wie einst beim russischen Gas, überwunden und Europa auf eigene Beine gestellt werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) selbst hat auf dem eigens dafür einberufenen Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im November 2025 betont, „dass die digitale Souveränität Europas für Europa und für unsere gemeinsamen Werte zentral ist, aber auch für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, für unsere Sicherheit und für unsere Verteidigung“.
Gleichzeitig investiert der Staat weiterhin enorme Summen in die Lösungen US-amerikanischer Anbieter und bindet sich durch langfristige Verträge an Quasi-Monopolisten der IT- und Softwarebranche. Die Dimensionen sind dabei erheblich: Allein auf Bundesebene fallen laut einem Whitepaper des Frankfurter Cyberintelligence Institute für Microsoft-Lizenzen rund 198 Millionen Euro an – bei steigender Tendenz und ohne die Lizenzkosten für Länder und Kommunen zu berücksichtigen.
Dass internationale Unternehmen nach wirtschaftlichen Prinzipien agieren, ist legitim. Kritisch ist jedoch das häufig als alternativlos dargestellte Zurückgreifen staatlicher Einrichtungen auf diese Lösungen. Mittlerweile sollte bekannt sein, dass diese durch US-Gesetze wie den Cloud Act beeinträchtigt werden können und nicht garantiert ist, dass EU-Daten vor dem Zugriff US-amerikanischer Behörden geschützt sind.
Bequem ist nicht gleich souverän
Dass trotz der prekären geopolitischen Lage weiterhin auf diese Lösungen gesetzt wird, hat drei Hauptgründe: Bequemlichkeit, Lock-in-Effekte und Souveränitäts-Washing.
Bequemlichkeit und Lock-in-Effekte verstärken sich gegenseitig. Anbieter wie Microsoft haben eine Marktdominanz erreicht, durch die ihre Produkte als vermeintlicher „Business-Standard“ gelten. Alternativen wirken unbequem. Ihre Einführung wird fälschlicherweise als zeit- und ressourcenintensiv gesehen.
Hinzu kommen bewusst geschaffene Lock-in-Effekte der US-Hyperscaler, die einen Wechsel technisch und systemisch erschweren. Hohe Wechselkosten festigen so bestehende Abhängigkeiten und setzen das Prinzip von Angebot und Nachfrage faktisch außer Kraft – ein Befund, den auch das Cyberintelligence Institute teilt.
Das weiterhin große Vertrauen in die Lösungen von Nicht-EU-Monopolisten liegt letztlich auch an deren erfolgreichem Framing. Sie bewerben souveräne Lösungen, die den Anschein geben sollen, dass sie den hohen Anforderungen des Daten- und Informationsschutzes genügen. Beispiele sind regional abgetrennte Rechenzentren, die in der EU errichtet werden, oder die Gründung von neuen Mutter- oder Tochterunternehmen. Faktisch unterliegen US-Unternehmen aber dennoch weiterhin der US-Gesetzgebung, was etwa durch das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (Zendis) als „Souveränitäts-Washing“ bezeichnet wurde.
Heimischen Lösungen müssen unterstützt werden
Die tatsächliche Umsetzung souveräner Lösungen ist definitiv herausfordernd, besonders für einen sich digital transformierenden Staat. Dennoch gibt es bereits heute zahlreiche Anbieter aus der EU und Deutschland, die heute schon digital souverän und unabhängig sind. Wenn es die Politik ernst mit der digitalen Souveränität meint, muss sie hiesigen Unternehmen eine echte Chance geben.
Der Staat als Ankerkunde ist hier notwendig, um das bereits erfolgreich funktionierende Ökosystem aus inländischen und EU-Angeboten auf die nächste Ebene zu heben. In die richtige Richtung gehen hier etwa schon die Pläne zur Aufnahme der „digitalen Souveränität“ als mögliche Ausführungsbedingung öffentlicher Aufträge im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB). Elementar wird aber auch hier wieder sein: Anwendung und Umsetzung. Nur klare, sichere Vorgaben zum Umgang mit den Daten und Informationen in der öffentlichen Verwaltung können wirklich digitale Souveränität sicherstellen.
Cristian Mudure ist Gründer und CEO von Stackfield. Das Unternehmen mit Sitz in München bietet ein Tool zur Kollaboration und Projektmanagement in Unternehmen.
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