Digitale Souveränität : Nur zusammen bleiben wir unabhängig
Der afrikanische Kontinent und die EU müssen beide aufpassen, im KI-Zeitalter nicht von der technologischen Entwicklung abgehängt zu werden. Deshalb wird es Zeit, die Anstrengungen für digitale Souveränität noch stärker zu bündeln.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Vor fast vier Jahren traf eine Delegation von Smart Africa in Berlin ein. Mehr als 40 afrikanische Staaten, vereint in einer digitalen Allianz. Auf der Agenda: eine neue Phase digitaler Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa. Künstliche Intelligenz spielte damals nur eine Nebenrolle.
Niemand konnte ahnen, dass am selben Tag, dem 30. November 2022, ein Unternehmen aus San Francisco namens Open AI einen Chatbot vorstellen würde, der die Welt verändert. Er hieß ChatGPT. Und plötzlich wurde deutlich: Digitale Souveränität ist keine Zukunftsfrage mehr. Sie ist zur Machtfrage geworden. Heute ringen Europa und Afrika mit derselben Herausforderung: Wie bleiben wir handlungsfähig in einer digitalen Ordnung, die wir nicht selbst geschaffen haben?
Die Debatte über digitale Souveränität beginnt dabei nicht mit Chatbots oder Rechenzentren. Sie beginnt mit etwas Grundsätzlicherem: mit staatlicher Handlungsfähigkeit.
Mehr als 850 Millionen Menschen weltweit besitzen keinen offiziellen Identitätsnachweis. Für sie entscheidet Digitalisierung darüber, ob sie Gesundheitsversorgung erhalten, Kredite aufnehmen oder politische Rechte wahrnehmen können. Und auch Staaten selbst geraten in Abhängigkeit, wenn sie ihre Bürger digital nicht erreichen, Dienstleistungen nicht selbst bereitstellen oder kritische Infrastruktur nicht kontrollieren können.
Zwei Flüsse, ein Strom
Generative KI hat diese Abhängigkeiten weiter verschärft. Nur rund zwei Prozent der weltweiten KI-Trainingsdaten stammen aus Afrika. Fast eine Milliarde Menschen auf dem Kontinent haben weiterhin keinen verlässlichen Internetzugang. Gleichzeitig importiert Europa rund 80 Prozent seiner Schlüsseltechnologien. Europäische Cloud-Anbieter kontrollieren weniger als ein Fünftel ihres eigenen Marktes.
Bei Smart Africa kursiert ein Bild für die Zusammenarbeit: Two small rivers meet and form a bigger one. Es passt. Es bricht mit dem alten Denken — hier Geber, dort Empfänger. Die Realität ist anders. Beide Kontinente kämpfen mit denselben Abhängigkeiten. Beide brauchen dieselben Antworten. Keiner kommt allein ans Ziel.
Denn Europa stellt heute nur noch rund neun Prozent der Weltbevölkerung und unter den 50 größten Technologieunternehmen der Welt kommen nur vier aus Europa. Während die USA und China die digitale Ordnung prägen, entsteht erst gemeinsam mit Afrika genug wirtschaftliches, technologisches und demografisches Gewicht, um überhaupt noch eigenständig Standards setzen zu können.
Deshalb reicht das alte Verständnis internationaler Zusammenarbeit nicht mehr aus. Die Zeit klassischer Entwicklungslogik ist vorbei. Digitale Souveränität entsteht nicht durch einseitigen Technologietransfer, sondern durch gemeinsame strategische Interessen.
Europa bringt industrielle Stärke, regulatorische Erfahrung und institutionelle Stabilität ein. Afrika bringt demografische Dynamik, schnelle digitale Transformation und einige der innovativsten digitalen Ökosysteme der Welt mit. Zusammen können beide Kontinente zu einem selbstbewussten digitalen Akteur werden.
Eine Frage politischer Prioritäten
Dass dies keine abstrakte Vision ist, zeigen konkrete Entwicklungen. Kenia und die Europäische Union arbeiten derzeit an der ersten Angemessenheitsentscheidung zwischen Europa und einem afrikanischen Staat. Daten könnten künftig unter vergleichbaren Schutzstandards zwischen beiden Rechtsräumen fließen — ein wichtiger Schritt hin zu vertrauenswürdigen digitalen Partnerschaften.
Gleichzeitig hat Smart Africa 2025 den Africa AI Council gegründet. Ziel ist es, eigene afrikanische Standards und Regeln für den verantwortungsvollen Einsatz von KI zu entwickeln — nicht als Übernahme externer Modelle, sondern aus eigener institutioneller Verantwortung heraus.
Auch Europa steht vor grundlegenden Aufgaben. In Deutschland sind bis heute weniger als ein Drittel der Verwaltungsleistungen vollständig digitalisiert. Digitale Souveränität ist keine Frage des Entwicklungsstands, sondern politischer Prioritäten und langfristiger Investitionen.
Internationale Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter bedeutet gemeinsame Investitionen in Dateninfrastruktur, Rechenkapazitäten, Talente und Innovation. Denn kein europäischer oder afrikanischer Staat kann allein mit den globalen Technologiekonzernen mithalten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa und Afrika zusammenarbeiten sollten. Sondern wie schnell sie damit ernst machen. Denn das größte Risiko besteht heute nicht allein in technologischer Disruption. Sondern darin, geopolitisch irrelevant zu werden, während andere die Regeln der digitalen Ordnung definieren.
Afrika baut seine digitale Zukunft auf. Europa kämpft um technologische Handlungsfähigkeit. Das sind keine getrennten Entwicklungen. Es ist dieselbe Herausforderung.
Und sie lässt sich nur gemeinsam lösen.
Anna Sophie Herken ist Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH. Lacina Koné ist CEO von Smart Africa.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden