Deutsche Hightech-Agenda : Ökosysteme kann man nicht kaufen
Ali Sunyaev und Daniel Krupka stellen sich für den Wissenschaftsstandort Deutschland die Frage, wie wir die Innovationskraft stärken. Ihre Antwort: Deutschland braucht Informatik-Ökosysteme. Lernen sollten wir aus Negativbeispielen in Boston, Moskau und Frankreich.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Mit den Roadmaps zur Hightech-Agenda hat die Bundesregierung einen innovationspolitischen Aufbruch eingeleitet. Das Bundesforschungsministerium schreibt 330 Millionen Euro für bis zu vier neue „Hightech Spaces“ aus, Regionen, in denen Forschung, Start-ups und Industrie eng zusammenarbeiten sollen, und verlangt, dass private Akteure die Bundesmittel mindestens verdoppeln.
Die Schwerpunkte liegen richtigerweise auf Künstlicher Intelligenz, Mikroelektronik, Quantentechnologien, Biotechnologie. Auch sind die Hightech-Spaces der richtige Schritt, weil sie nach Orten fragen und nicht nur nach Technologien. Aber 330 Millionen Euro für vier Regionen sind ein Anfang, keine Antwort. Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Wie wird eine Region zu einem erfolgreichen Innovationsökosystem? Eine Roadmap verteilt Budget auf Technologiefelder, ein Wettbewerb wählt Standorte aus. Verbindungen zwischen Forschung, Kapital und Unternehmen erzeugt beides nicht. Doch genau darauf kommt es an.
Was ein Ökosystem ausmacht
Eines lassen die Roadmaps außen vor. Erfolgreiche Innovationsökosysteme sind heute Informatik-Ökosysteme. Denn Informatik liefert die Denkweisen, Methoden und Werkzeuge, die alle zukunftsrelevanten Anwendungsfelder miteinander verbinden. Ökosystem steht für Forschung und Ideen, welche sich Richtung Wertschöpfung und Kapital orientieren. Wo beides zusammenkommt, wird aus Code ein Produkt und aus einer Idee ein Unternehmen.
Wo aber kommen Software und Nutzung tatsächlich zusammen? Die erfolgreichsten Ökosysteme folgen einem Muster. Drei Mechanismen kehren immer wieder, und alle drei sind Verbindungsmechanismen.
- Dichte erzeugen: Talente, Kapital, Forschung und Unternehmen müssen sich buchstäblich über den Weg laufen. Die entscheidenden Verbindungen entstehen durch räumliche und soziale Nähe. Forschende treffen auf Unternehmer, Ideen auf Kapital, Algorithmen auf Anwendungsfälle, KI auf Daten.
- Zirkulation ermöglichen: Erfolgreiche Gründerinnen und Gründer werden Investoren, Mentoren, Wiederholungstäter. Wissen und Kapital bleiben im System und werden reinvestiert. Ökosysteme scheitern, wenn Erfolge abwandern.
- Anker schaffen: Wichtig sind Institutionen, die Infrastruktur über Konjunkturzyklen hinweg tragen und Legitimität stiften. Mit einer Einschränkung: Der Anker muss öffnen statt kontrollieren. Ökosysteme, die ein einzelner Akteur zu stark dominiert, bleiben ein Werksgelände.
Warum Ökosysteme scheitern
Besonders lehrreich sind scheiternde Ökosysteme, weil sich an jedem von ihnen beobachten lässt, was passiert, wenn einer der drei Mechanismen fehlt. Frankreichs Sophia Antipolis bei Nizza fehlt die Dichte. Seit 1970 auf der grünen Wiese geplant, versammelt der Technologiepark heute über 2000 Unternehmen. Doch es fehlt ein Zentrum und damit die zufälligen Begegnungen. Die Forschung beschreibt den Park als von oben koordiniert. Viele Firmen am selben Ort, aber kaum Zusammenarbeit zwischen ihnen. Sophia Antipolis ist ein Standort geworden, aber kein Ökosystem.
Der Route 128 bei Boston fehlte die Zirkulation. Bis in die 1970er-Jahre galt sie als führendes Technologiecluster der USA, mit dem Massachusetts Institute of Technology, etablierten Elektronikkonzernen und einem Vorsprung vor dem Silicon Valley. Zwei Jahrzehnte später war dieser Vorsprung verspielt. AnnaLee Saxenian hat den Grund in „Regional Advantage“ herausgearbeitet. Die Unternehmen an der Route 128 waren verschlossen, auf Firmentreue bedacht. Menschen und Wissen wanderten kaum zwischen ihnen. Im Silicon Valley wechselten Ingenieure hingegen häufig den Arbeitgeber, und Wissen zirkulierte über Firmengrenzen hinweg.
Russlands Skolkowo scheiterte am Anker. Ab 2010 sollte vor den Toren Moskaus ein zweites Silicon Valley entstehen, mit Milliardenbudget und international prominenten Beratern. Doch gesteuert wurde es vom Staat, nicht vom Wettbewerb. Korruptionsvorwürfe überschatteten das Projekt, das seine eigenen Ansprüche löste es nie ein. Der Anker, der die Basis des Ökosystems sein sollte, hat es erstickt.
Ein geeigneter Standort muss sich also an diesen drei Mechanismen messen lassen, nicht an der Höhe seiner Investitionssumme.
Heilbronn als Blaupause?
Nehmen wir also diesen Maßstab, um Heilbronn zu vermessen. Dort entsteht eines der ambitioniertesten und dichtesten Innovationsökosysteme Europas, mit einer Gesamtinvestition samt Infrastruktur im zweistelligen Milliardenbereich.
Der Anker ist hier die Dieter-Schwarz-Stiftung. Die Mittel sind an keine Auflagen gebunden, der Fundraising-Code of Conduct der Technischen Universität München schließt Einfluss der Stifter auf Forschung und Lehre aus. Hier trifft akademische Informatikdichte auf einen regional verwurzelten Mittelstand und Großkonzerne wie SAP, Würth und Audi. Dazu die Schwarz-Gruppe, die selbst zum Technologieakteur geworden ist. Hier trifft Informatik auf reale Wertschöpfungsketten aus Handel, Logistik und Produktion.
Unbeantwortet ist, wie es mit der Zirkulation funktioniert: Werden die ersten Erfolgsgeschichten vor Ort bleiben, reinvestieren und die nächste Generation anziehen? Es braucht viele kleine Erfolge und gelegentlich einen Glücksgriff. Die Akteure am Bildungscampus konkurrieren um Talente und stärken dadurch den Standort, weil sie Wechsel innerhalb des Ökosystems möglich machen.
Zudem ist ein langer Atem gefordert. Das Ökosystem in Heilbronn ist auf drei Jahrzehnte angelegt, nicht auf drei Jahre.
Was jetzt zu tun ist
Für Deutschland folgen daraus vier Empfehlungen.
- Die Bundesregierung sollte Informatik als strategische Querschnittsdisziplin der Innovationspolitik definieren, als Voraussetzung nahezu aller anderen Technologiefelder.
- Ökosysteme statt einzelner Projekte fördern, die über Legislaturperioden hinaustragen.
- Es braucht eine Transferkultur, in der sich wissenschaftlicher Erfolg auch an Software, Prototypen, Open-Source-Beiträgen und Ausgründungen messen lässt.
- National denken und europäisch handeln.
Die Hightech-Agenda beschreibt überzeugend, was Deutschland erreichen will. Nun gilt es zu beantworten, wie. Eine Antwort sind Informatik-Ökosysteme: Räume, in denen die Fähigkeit wächst, digitale Systeme nicht nur zu bauen, sondern zu verstehen, zu nutzen und zu verantworten.
Ob das Informatik-Ökosystem in Heilbronn aufgeht, hängt auch von der kritischen Begleitung ab. Kritik lenkt – ob gewollt oder nicht – Aufmerksamkeit auf den Standort. Über ein Ökosystem, über das niemand streitet, muss man sich keine Sorgen machen. Es existiert nicht.
Ali Sunyaev ist Professor für Informatik und Vizepräsident der Technischen Universität München am Campus Heilbronn. Er forscht zu KI-Governance und vertrauenswürdigen digitalen Infrastrukturen.
Daniel Krupka ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik und der BWINF gGmbH sowie Vorstand im Council of European Professional Informatics Societies.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden