Raus aus den Abhängigkeiten : Offene Schnittstellen sind die Zukunft des 5G-Netzes
Während das NIS-2-Umsetzungsgesetz in Deutschland Sicherheitsrisiken minimieren soll, adressiert das Gesetz die Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern in deutschen Telekommunikationsnetzen nicht. Dabei gibt es für Stefan Laun von Samsung Electronics eine Lösung: Deutschland sollte auf offene Schnittstellen und die Open-Ran-Technologie setzen, wie es in vielen Ländern längst Praxis ist.
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Telekommunikationsnetze sind das Rückgrat einer digitalisierten Wirtschaft und Gesellschaft und stellen sicher, dass die kritische Infrastruktur wie Milliarden anderer Systeme in Deutschland einwandfrei läuft – Tag für Tag. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung ist es daher wichtiger denn je, dass die Netze heute nicht nur stabil funktionieren, sondern auch vor systemischen Risiken geschützt sind.
Die kürzlich gefundene Einigung der Bundesregierung im Kontext der NIS-2-Umsetzung zeigt, dass die Sicherheit und Resilienz der Netze Deutschlands Führung beschäftigen. Zwar adressiert der Gesetzestext Sicherheitsrisiken durch nicht-vertrauenswürdige Anbieter. Man kann davon ausgehen, dass sich dadurch die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern verringert, dabei allerdings eine Verschiebung hin zu anderen Anbietern stattfindet.
Weltweit sind Schnittstellen im Trend
Aktuell setzen wir in Deutschland überwiegend auf geschlossene Systeme: Ein einzelner Ausrüster stattet in bestimmten Regionen das Telekommunikationsnetz mit Hard- und Softwarekomponenten aus, wobei alle Komponenten eng integriert und damit nicht einfach austauschbar sind.
Einige Netzbetreiber in anderen Staaten, insbesondere in den USA, Großbritannien, Japan und Südkorea, setzen hingegen stärker auf offene Schnittstellen und stellen ihre Netzinfrastruktur anders auf. Dafür nutzen sie in Funkzugangsnetzen oder auch Radio Access Networks (kurz: Ran) unter anderem die sogenannte Open-Ran-Technologie. Damit ist die Entkoppelung von Hard- und Software gemeint, bei der relevante Schnittstellen zwischen Komponenten des Netzes offengelegt werden.
Diese Trennung der Systeme und Offenlegung ermöglicht es Mobilfunknetzbetreibern, die jeweils besten Anbieter für einzelne Komponenten des Netzwerks auszuwählen. Dadurch entsteht ein System, in dem die Betreiber viele Anbieter kombinieren können. Man spricht auch von einem Multi-Vendor-Ökosystem. Dieser Ansatz reduziert nicht nur Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern und Ausrüstern, sondern erhöht auch die Resilienz der Netze. Das stärkt nicht zuletzt die digitale Souveränität.
Mehr Spezialisierung möglich
Ein weiterer Vorteil solcher Multi-Vendor-Ökosysteme liegt darin, dass sie Wettbewerb und Innovation fördern. Denn die Einstiegsbarrieren für neue Marktteilnehmer sinken deutlich. Ein Anbieter muss nicht länger ein umfangreiches geschlossenes System entwickeln, sondern kann sich auf eine einzelne Komponente oder Funktion spezialisieren und diese anschließend zu einem besonders kompetitiven Preis anbieten. Das führt langfristig zu niedrigeren Kosten und einer schnelleren Entwicklung und Einbindung neuer Technologien.
Offene Schnittstellen machen ein Netz zudem transparenter und ermöglichen mehr Kontrolle. Netzbetreiber können gezielt entscheiden, welche Anbieter und Technologien sie in ihre Netzwerke integrieren möchten. Wenn sie an der Vertrauenswürdigkeit oder Sicherheit einzelner Anbieter zweifeln, können sie schlichtweg auf andere Anbieter setzen. Auch ein isolierter Austausch von Software kann in einem Open-Ran-System eine effiziente und kostengünstige Maßnahme darstellen.
Andere Länder sind schneller
Open-Ran-Technologie kann daher in Deutschland das Zukunftsmodell für ein resilientes und sicheres Netz sein. Im Vergleich zu anderen Ländern verläuft der Ausbau hierzulande aber weiterhin schleppend. Zwar wurde bereits im Juli 2024 im Kontext der Einigung der damaligen Bundesregierung mit den Mobilfunkbetreibern zu den deutschen 5G-Netzen ein Industrieforum eingerichtet. Das Forum hat den Auftrag, einen strukturierten Dialog über offene Schnittstellen zu ermöglichen. Nachdem die Bundesregierung bei der Auftaktsitzung Unterstützung signalisiert hatte, fehlte es bislang an konkreten nächsten Schritten, wie der Ausbau von Open-Ran beschleunigt werden soll.
Um das Potenzial der Technologie voll auszuschöpfen, braucht es vor allem klare politische und regulatorische Rahmenbedingungen: ambitionierte Zeitpläne, gezielte Anreize und die Integration von Open-Ran-Spezifikationen in die Cybersicherheitszertifizierung. Die Einigung zu NIS-2 hat bereits gezeigt, dass die schwarz-rote Bundesregierung bereit ist, die richtigen Weichen für eine resilientes Telekommunikationsnetz zu stellen. Der entschlossene Ausbau von Open-Ran würde den eingeschlagenen Weg fortsetzen, die bisherigen deutschen Sonderwege beenden und die deutsche Telekommunikationsinfrastruktur langfristig sicher, unabhängig und innovativ aufstellen.
Stefan Laun ist General Counsel und Vizevorsitzender für den Bereich Recht, Compliance und Öffentlichkeitsarbeit bei Samsung Electronics. Das Technologieunternehmen hat seinen Hauptsitz in Südkorea.
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