Unabhängigkeit durch Offenheit : Open Source strategisch für den Staat gestalten

Ben Burmeister
Ben Burmeister
Judith Fassbender
Judith Fassbender
Ben Burmeister und Judith Fassbender, Open Knowledge Foundation Deutschland Foto: privat, privat

Open Source stärkt die Unabhängigkeit des Staates. Entscheidend sind tragfähige Ökosysteme. Statt neue Lösungen zu entwickeln, sollte sich die öffentliche Hand stärker an bestehenden Projekten beteiligen – unterstützt durch ein zentrales Open Source Program Office.

von Ben Burmeister, Open Knowledge Foundation Deutschland & Judith Fassbender, University of St Andrews und Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

veröffentlicht am

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Wird von Souveränität gesprochen, kommt über das politische Spektrum hinweg schnell eine Forderung: Deutschland sollte stärker auf Open-Source-Software setzen. Hierzu wird aktuell der politische Rahmen gesetzt. Die EU-Kommission präsentiert ihre Open-Source-Strategie als Kernbestandteil des Tech Sovereignty Packages. Auch Digitalminister Wildberger spricht von Open Source als „Leitprinzip“ und verspricht klare Maßnahmen wie einen Vorrang für Open Source oder den konsequenten Roll-Out von Open Desk.

Bei aller Einigkeit bleibt jedoch offen, wie das Versprechen der Unabhängigkeit durch Open Source eingelöst werden soll. Denn der größte Mehrwert von Open Source entsteht nicht durch die Veröffentlichung des Quellcodes als Häkchen auf einer Checkliste. Stattdessen lebt Open Source von einem breiten Ökosystem an Anwender:innen und Entwickler:innen, die auf Basis der offenen Lizenz gemeinsam Lösungen entwickeln, bereitstellen und pflegen.

Dabei betrifft die Frage, welche Software in Zukunft eingesetzt wird, nicht nur den öffentlichen Sektor. Der Bund gab allein 2025 mindestens 630 Millionen Euro für Softwarelizenzen proprietärer Produkte aus. Diese Mittel könnten auch in den Aufbau einer unabhängigen digitalen Infrastruktur auf Basis von Open Source fließen. So könnten langfristig Abhängigkeiten abgebaut und tragfähige Alternativen zur aktuellen Dominanz der Tech-Konzerne aufgebaut werden.

Hierzu braucht es eine Umsetzungsstrategie mit konsequentem Monitoring und eine institutionelle Verankerung. In unserer heute erschienenen Publikation skizzieren wir die zentralen Bausteine für eine Open-Source-Strategie, die die Potenziale einer aktiven Beteiligung des öffentlichen Sektors am Open-Source-Ökosystem hebt und welche Rolle ein öffentliches Open Source Program Office dabei spielen kann.

Open Source ist mehr als eine Lizenzfrage

Das aktuelle Momentum hinter Open Source droht zu verpuffen, wenn Open Source bloß zu einem Haken auf einer Checkliste wird. Denn mit der Veröffentlichung des Quellcodes ist erst der erste Schritt auf dem Weg zu einer unabhängigen digitalen Infrastruktur getan. Eine erfolgreiche Open-Source-Strategie muss daher gerade die Dynamiken von Open-Source-Projekten in den Blick nehmen.

Ihre vollen Potenziale entfaltet Open-Source-Software erst dann, wenn sie von vielen genutzt, weiterentwickelt und gepflegt wird. Dann können Entwicklungskosten geteilt, Anbieterabhängigkeiten reduziert, Sicherheitslücken schneller entdeckt und Lösungen gemeinsam an neue Anforderungen angepasst werden. Liegt der Fokus auf Neu- und Eigenentwicklungen, muss eine Community, die diese Mehrwerte erst ermöglicht, neu aufgebaut werden. Das ist voraussetzungsreich und nicht zwingend erfolgreich. Darüber hinaus wird so nicht auf Bestehendes aufgebaut, werden Projekte nicht skaliert und Bedarfe anderer Nutzenden nicht unbedingt berücksichtigt.

Die bessere Strategie: (weiter)nutzen, verbessern und erst zuletzt neu entwickeln

Legt die öffentliche Hand den Fokus auf die Stärkung bereits bestehender Projekte, kann sie so zu einer unabhängigen digitalen Infrastruktur beitragen. Dafür braucht es auch eine aktive Beteiligung. Denn durch eigene Beiträge kann die öffentliche Hand sicherstellen, dass ihre Anforderungen in Open-Source-Projekten berücksichtigt werden und gleichzeitig dazu beitragen, dass die Projekte langfristig tragfähig sein können.

Für viele Anwendungsbereiche gibt es bereits leistungsfähige Open-Source-Projekte, oftmals in Form von Open-Source-Projekten außerhalb der öffentlichen Verwaltung. Die öffentliche Hand sollte diese Lösungen konsequent einsetzen und dort, wo eigene Anforderungen bestehen, bestehende Lösungen verbessern. Das kann zusätzliche Funktionen, Sicherheitsprüfungen, Dokumentation oder Mittel für die langfristige Pflege eines Projekts umfassen. Fließen öffentliche Gelder in diese gemeinsamen Projekte, profitieren alle Nutzenden davon – auch in Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Stadt München ist seit Jahren sehr aktiv im Open-Source-Bereich und setzt vielfältige offene Lösungen ein und trägt aktiv zu diesen bei, über Fördermittel, durch Beiträge von Mitarbeitenden oder die Entwicklung neuer Features.

Erst wenn keine geeignete Lösung existiert und auf keiner bestehenden Software aufgebaut werden kann, sollte der Staat neu entwickeln. Damit dies gelingen kann, müssen Projekte von Beginn an als gemeinschaftliches Entwicklungsmodell aufgesetzt werden – mit Blick auf Nachnutzung, Skalierung, Governance und die Beteiligung weiterer Nutzer. Positive Beispiele gibt es bereits. So arbeiten beispielsweise über 50 öffentliche Stellen über eine Implementierungspartnerschaft zusammen am Geodatenportal Masterportal und stellen so die Grundlage für über 200 Datenportale deutschlandweit.

Ein starkes OSPO als strategischer Hebel

Damit es mehr solcher Erfolgsbeispiele gibt und der Perspektivwechsel hin zur aktiven Beteiligung der öffentlichen Hand gelingt, braucht es ein koordiniertes Vorgehen. Die Verwaltung muss wissen, welche Open-Source-Projekte existieren, welche davon für ihre Bedarfe relevant sind und wie sie sinnvoll mit deren Communities zusammenarbeitet. Sie muss gemeinsame Anforderungen verschiedener Behörden erkennen und Investitionen koordinieren können.

In der Industrie haben sich in den vergangenen Jahren Open Source Program Offices (Ospos) bewährt. Ein Ospo ist eine dezidierte Open-Source-Abteilung, die eine Open-Source-Strategie definiert und implementiert. Das Modell zeigt Wirkung: Organisationen mit Ospos berichten von mehr Einfluss im Open-Source-Ökosystem, tragen mehr zu Open-Source-Projekten bei und sehen Verbesserungen bei Codequalität und –sicherheit. So setzen sie Open Source erfolgreicher ein und tragen ihre Anforderungen in das Open-Source-Ökosystem.

Ein Ospo bündelt Wissen und berät, entscheidet über Entwicklungsprozesse oder Einkaufsentscheidungen und steuert die Zusammenarbeit mit externen Open-Source-Communities. Um dabei auch die Erfahrungen aus der breiteren Community einzubinden, könnte sich die Einsetzung eines Open Source Sounding Board aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft anbieten. So können Erfahrungen aus der Praxis in die Open-Source-Strategie der Bundesregierung einfließen.

Deutschland hat bereits eine gute Ausgangslage für die Implementierung eines solchen Ospos. Mit dem Zentrum für Digitale Souveränität (Zendis), der Sovereign Tech Agency und Open-Source-Stellen in Behörden, Ländern und Kommunen wurden in den letzten Jahren wichtige Kompetenzen aufgebaut. Gerade das Zendis bietet eine ideale Grundlage für ein Ospo, nicht zuletzt, da es mit Open Code bereits eine offene Entwicklungsplattform bereitstellt. Umso mehr freute es uns, zuletzt im Tagesspiegel Background zu lesen, dass das Zendis die Ospo-Rolle übernehmen möchte. Entscheidend ist dabei, dass ein solches Ospo ausreichend finanziert, personell ausgestattet und in zentrale Entscheidungsprozesse eingebunden wird.

Der Staat sollte Open Source gestalten, nicht nur einkaufen

Dass nun stärker auf Open Source gesetzt werden soll, ist eine wichtige Entwicklung. Das Einnehmen einer aktiven Rolle im Open-Source-Ökosystem ist für die öffentliche Hand ein Perspektivwechsel, aber unabdingbar, um die angestrebten Potenziale von Open Source nutzen zu können. Ein Ospo kann diesen Strategiewechsel institutionell verankern und mit den notwendigen Kompetenzen ermöglichen.

Open Source ist kein Selbstzweck und kein Allheilmittel. Aber richtig eingesetzt kann offene Software die Grundlage einer digitalen Infrastruktur werden, von der Staat,

Wirtschaft und Gesellschaft profitieren gleichermaßen. Wer Open Source mitgestaltet, entscheidet mit – und verhindert, dass die Kontrolle von Einzelnen zentralisiert werden kann. So entsteht digitale Unabhängigkeit durch den offenen Austausch mit Anderen.

Ben Burmeister ist Projektmanager Policy bei der Open Knowledge Foundation Deutschland (OKF).

Judith Fassbender forscht an der University of St Andrews und dem Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft zu gemeinwohlorientierten Technologien und hat bei der OKF gearbeitet.

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