Digitale Verwaltung : KI braucht keine Helikoptereltern
Was wäre, wenn es klappt, fragt Lisa Steigertahl. KI trifft Entscheidungen vielfach zuverlässiger als Menschen. Da wo wenig Risiko besteht, darf sich auch die Verwaltung mehr Mut erlauben und den „Human in the Loop“ weglassen.
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Wir brauchen KIs. Manchmal. Oft brauchen wir zuerst Klarheit, bessere Prozesse, strukturierte Daten und vor allem den Mut, Gewohntes loszulassen.
Automatisierung und KI sind längst Teil unseres Alltags. Navigationssysteme, Streamingdienste, eine Waschmaschine, die den eigenen Energieverbrauch optimiert. Es klappt ganz ohne Menschen. Vieles davon hinterfragen wir nicht mehr, weil wir den Mehrwert längst akzeptiert haben. Es ist Zeit zu akzeptieren, dass auch staatlich nicht jede Maschinen-Entscheidung einen Menschen benötigt, der am Ende nochmal klickt.
Genau in dieser Akzeptanz liegt eine neue Kraft. Technologie entfaltet ihren Nutzen nicht allein, sondern durch das Neudenken von Prozessen. Wir müssen den Staat strukturell neu aufstellen. State of the Art und fehlerfrei! Aber warum? Die Fehlerquote menschlicher Entscheidungen ist bei klar regelbasierten Aufgaben höher als bei der KI. Trotzdem verlangen wir bei Menschen auch nicht nach einem verpflichtenden Vieraugenprinzip. Nicht jeder Mensch braucht für alles einen Kontrollmenschen. So ist es auch bei KI. Wir sollten damit leben können, dass die KI mal danebenliegt, solange wir unterm Strich staatliche Kosten gespart und systemische Aufwände reduziert haben. Wir stecken die Wirkungsräume klar ab, lernen durch Fehler und schärfen nach. Im Zweifel haben manche Menschen dann eben einen Parkausweis, die keinen bekommen sollten, macht doch nichts.
Zu viel Kontrolle wird zum Millionengrab
Na klar, im Bereich der Sozialleistungen und auch bei kritischen Ermessensentscheidungen braucht es den Menschen. Der Ansatz „Human in the Loop“ schafft dann Vertrauen und ist wichtig. Darüber hinaus wird die Anforderung aber zum Ressourcengrab ohne wirklichen Mehrwert. Lassen wir uns also darauf ein und geben Kontrolle ab. Das gelingt am Start-up-Schreibtisch natürlich einfacher als in der Amtsstube. Aber es gibt sie, die positiven Beispiele, die Fach-Agenten, die wir zum Beispiel im Bereich der Antragsvorprüfung, Priorisierung, oder Analyse von kriminellen Mustern sehen. Sie funktionieren zuverlässig und gut, auch ohne menschliche Bestätigung. Insbesondere in der Sachbearbeitung liegt hier ein riesiger Hebel. Wer im Antrag mit der Technologie drei Minuten spart, spart dem Staat am Ende Millionen.
Was die Praxis zeigt: Für erfolgreiche KI-Projekte braucht es mehr als die Zukunftstechnologien. Es braucht saubere Daten, optimierte, funktionierende Prozesse, klare Ziele, Befähigung und Kommunikation. Kurz: ein ganzheitliches Veränderungsmanagement. Nicht jede Herausforderung verlangt nach KI. Aber da, wo es Sinn ergibt, schaffen Zukunftstechnologien neue Mehrwerte und machen den Staat zu einem besseren. Dieser Wandel gelingt erst dann, wenn wir aufhören, am Alten festzuhalten und uns wirklich auf die neuen Möglichkeiten einlassen. In der Art, wie wir zusammenarbeiten, Erfolge definieren und messen.
Wir alle müssen loslassen und selbst stärker in die Nutzung der Technologien kommen. Clickbait-Debatten um die KI-Nutzung des Digitalministers helfen da niemandem. Schluss mit dem zwanghaften Human in the Loop. Sind wir bereit, unsere Energien in die wirklich großen Themen zu stecken? Wie werden wir als Staat zum Ankerkunden und treiben europäische Innovationen so, dass wir die Abhängigkeiten reduzieren? Wie können wir echte technologische Kräfte schaffen und bündeln, mehr Souveränität schaffen, ohne die Innovationskraft zu schmälern? Wann erleben Bürger:innen die proaktive, grenzüberschreitende Verwaltung?
Reallabore zeigen, wie es geht
Ein wunderbares Beispiel, wie wir zu mehr Innovation und einem produzierenden Umgang mit Regulierung kommen, sind die in der Einrichtung befindlichen Reallabore des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Das BMG lädt transparent dazu ein, sich in Gruppen mit unterschiedlicher Expertise und Perspektiven konkreten Hürden der Markteinführung von innovativen Lösungen zu widmen und Lösungsansätze zum sinnstiftenden Umgang mit der Regulierung zu finden. Dafür gibt es eine finanzielle Unterstützung des Ministeriums. Was am Ende herauskommt, wird dann offen für alle zur Verfügung gestellt und in die medizinische Versorgung verbessert, die Markteinführung innovativer europäischer KI-Systeme so beschleunigt. Das läuft parallel zur Errichtung der nationalen KI-Büros und schafft anfassbare Mehrwerte für das Innovationsökosystem. Dieser Pragmatismus tut uns gut, liefert konkrete Antworten auf viel zu theoretisch diskutierte Fragen.
Regulierung ist wichtig und schafft sichere Räume für den Technologieeinsatz. Arbeiten wir also mit den Möglichkeiten von KI-Verordnung und Co. und stecken die Risiken ab. Da, wo wenig Risiko besteht, können wir stärker auf menschliche Kontrolle verzichten und voll in die Technologieanwendung gehen. Für die KI-Büros bekommen wir mit der neuen Frist aus Brüssel zudem ein wertvolles Jahr geschenkt. Nutzen wir es, um KI-Reallabore zu etablieren, die nicht bremsen, sondern Möglichkeiten öffnen und Hürden abbauen.
Was passiert, wenn es gelingt
Zum Beispiel aus Spanien gibt es hierzu schon wertvolle Ergebnisse. Insbesondere die Partnerschaften zwischen Regulierung, Verwaltung und Privatwirtschaft waren echte Innovationstreiber und lieferten konkrete Ergebnisse zu menschenzentrierter Technologie und dem Umgang mit Risiken.
Vielleicht bedeutet staatlicher Fortschritt manchmal genau das: vorbereitet sein, Rahmen geben und trotzdem den Mut haben, die Zukunft flächendeckend zu integrieren. Packen wir die Innovation beim Schopf und machen KIs für alle zugänglich. Anstatt immer davon auszugehen, dass es nichts wird, dürfen wir uns fragen, was passiert, wenn es gelingt!
Danke an die Kontrollmenschen, die diesen Text für mich reflektiert haben. Danke auch an die KI für die vielen neuen Kommata.
Lisa Steigertahl ist Direktorin Cloud und KI bei Deloitte.
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