KI-Souveränität : Roaming Free: Europas Paradoxon der KI-Souveränität
Europa investiert Milliarden in KI-Infrastruktur und riskiert dennoch neue Abhängigkeiten: 19 KI-Fabriken und fünf Gigafabriken schaffen noch keine Souveränität, solange Verträge intransparent bleiben und die Umsetzung fragmentiert ist.
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Mit einer groß angelegten, demokratisch gesteuerten Alternative baut Europa den weltweit stärksten Konkurrenten zur KI-Infrastruktur der USA und Chinas auf: 30 Milliarden Euro sind zugesagt, 19 KI-Fabriken werden eingerichtet und fünf Gigafabriken sind geplant. Hat Europa Erfolg, könnte das für Länder, die nach Unabhängigkeit streben, den Weg für KI-Souveränität jenseits der Dominanz der USA und Chinas ebnen.
Die Investition birgt allerdings erhebliche Risiken: Sowohl undurchsichtige Verträge, die dazu führen, dass man sich an bestimmte Anbieter bindet als auch eine fragmentierte Governance, die nicht in der Lage ist, die Infrastruktur in großem Maßstab zu koordinieren, untergraben die Unabhängigkeit. Und das noch bevor das erste Modell in Betrieb genommen wird.
Es ist paradox: Europa strebt nach Unabhängigkeit und baut gleichzeitig eine Infrastruktur der Abhängigkeit auf – durch undurchsichtige Verträge und eine fragmentierte Umsetzung.
Europas KI-Ambitionen zielen auf zweierlei: kurzfristig Partner zu gewinnen, die Kapazitäten bereitstellen und langfristig eine souveräne Infrastruktur aufzubauen. Beide Ziele entwickeln sich rasend weiter.
Investitionen zu welchen Bedingungen?
Europa unternimmt derzeit den folgenreichsten Infrastrukturausbau der KI-Ära. Aber wer stellt diese privaten Investitionen bereit und welche Bedingungen sind damit verbunden? Wenn außereuropäische Technologieriesen oder ihre Partner Finanzmittel zur Verfügung stellen, sichern sie sich oft bevorzugten Zugang oder Governance-Rechte, die genau die Souveränität untergraben, die diese Investitionen angeblich aufbauen sollen.
Die Kosten für das Training von KI-Modellen der neuesten Generation verdoppeln oder verdreifachen sich jährlich. Epoch AI schätzt, dass die größten Trainingsläufe bis 2027 mehr als eine Milliarde US-Dollar kosten könnten. Das bedeutet, dass bis zum Aufbau eines souveränen Systems die Benchmarks möglicherweise schon drei Generationen weiter sind.
Der Aufbau einer souveränen KI-Infrastruktur erfordert aber mehr als nur Finanzmittel, politischen Willen oder Pressemitteilungen. Diejenigen, die kapitalintensive Programme in der Telekommunikations- oder Energiebranche steuern, kennen das Muster: große Ambitionen, fragmentierte Umsetzung und Verträge, die schneller Abhängigkeiten als Fähigkeiten schaffen.
SAP-Deal ist Augenwischerei
In Deutschland steht die Partnerschaft „Open AI for Germany” von SAP für den öffentlichen Sektor exemplarisch für dieses Problem. Vermarktet als Souveränität – „gebaut in Deutschland, für Deutschland” – entpuppt sich der Deal als Augenwischerei. Abhängigkeit von Anbietern wird als Unabhängigkeit verkauft. Der öffentliche Sektor wird aus Steuergeldern finanziert. Wenn er KI-Dienste einkauft, bezahlt er damit unmittelbar den Aufbau der Infrastruktur. Deshalb müssen auch die Vertragsbedingungen offengelegt werden – etwa die Regelungen zu Ausstiegsrechten, Interoperabilität und den Umweltauswirkungen.
Die Schweiz hat kürzlich den Einsatz von Palantir-Software abgelehnt, die bereits von vier deutschen Landespolizeien genutzt wird. Der Ablehnung ging eine militärische Risikobewertung voraus, die zu dem Schluss kam, dass sich ein Abfluss von Daten technisch nicht verhindern lässt und dass die Abhängigkeit von einem amerikanischen Anbieter zu einem inakzeptablen Vendor-Lock-in führen könnte. Dies zeigt, dass die bloße Speicherung von Daten in Deutschland keine Souveränität garantiert, solange solche Software selbst eine Blackbox bleibt, die aus dem Ausland kontrolliert wird.
Verträge müssen transparent sein
Können Anbieter ohne enorme Kosten gewechselt werden? Kann die technische Architektur dies unterstützen? Die Verwendung proprietärer APIs, einschließlich der von Open AI, kann abhängig machen, wenn nicht von Anfang an Portabilitäts- und Ausstiegsmechanismen eingeplant werden. Transparenz ist kein optionales Gut, wenn KI-Infrastruktur in großem Umfang Wasser, Energie und Land verbraucht. Es handelt sich hier um öffentliche Ressourcen, die einer Transparenzpflicht unterliegen – unabhängig davon, ob die Verträge die Regierung oder die Privatwirtschaft betreffen. Der angekündigte Deal enthält keine dieser Details.
Das Muster ist klar: Europa baut keine Souveränität auf, sondern festigt die amerikanische und chinesche Dominanz. Vertragliche und operative Transparenz muss grundlegend sein und darf nicht nachträglich hinzugefügt werden. Jedes große Infrastrukturprogramm lernt diese Lektion – meist zu spät.
Der Ausbau der Infrastruktur wirft drängende Fragen auf: Wo verbergen sich unsere Single Points of Failure? Lässt sich ein Anbieter bei Bedarf wechseln, ohne dass enorme Kosten oder Störungen entstehen? Und wer trägt die Verantwortung, wenn Abhängigkeiten entstehen?
Das Risiko der Abhängigkeit ist nicht nur theoretischer Natur. Das habe ich gelernt, als ich das Upgrade von 3G auf 4G für einen großen US-Mobilfunkanbieter mit 60 Millionen Kunden leitete. Netzwerke mit nur einem Anbieter mussten oft schmerzlich erfahren, dass eine solche Abhängigkeit katastrophale Single Points of Failure zur Folge hat. In der Telekommunikation haben wir von Anfang an auf hohe Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit gesetzt – Prinzipien, die auch für die KI-Infrastruktur im öffentlichen Sektor von großer Bedeutung sind.
Netzbetreiber, die alles richtig gemacht haben, haben Interoperabilität und Ausfallsicherheit von Anfang an integriert, anstatt später mit enormen Kosten nachzurüsten. Die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter, einer einzigen Architektur oder einer einzigen Datenpipeline ohne robuste Backup-Lösung ist nicht nur ein technisches Risiko, sondern auch eine finanzielle Belastung.
Souveräne Alternativen, einheitliche Interoperabilitätsstandards
Die Herausforderung muss auf zwei Ebenen angegangen werden: Zum einen müssen wir die unmittelbare Leistungsfähigkeit sichern, indem wir Partnerschaften eingehen und gleichzeitig souveräne Alternativen aufbauen – dabei sollte in jeder Vereinbarung festgelegt sein, wer die Wechselkosten trägt. Zum anderen sind transparente Berichte, überprüfte Leistungen und klare Ausstiegsmechanismen nötig. Ohne diese Maßnahmen droht die „Partnerschaft“ nur ein neuer Name für Abhängigkeit zu werden.
Europa braucht deshalb einen einheitlichen Interoperabilitätsrahmen – technische Standards und Governance, die sicherstellen, dass 19 KI-Fabriken ein einheitliches Netzwerk mit gemeinsamen Spezifikationen für den Austausch von Modellen und Daten, gemeinsamen Sicherheitsprotokollen, transparenten Benchmarks und vergleichbaren Kostenkennzahlen werden.
Was fehlt, ist die Koordination
Standards allein werden die Fragmentierung Europas in nationale Märkte, konkurrierende Prioritäten und 27 Mitgliedstaaten nicht überwinden können. Nötig ist eine einzige, mit entsprechenden Befugnissen ausgestattete Stelle, die die Infrastrukturplanung abstimmt und Interoperabilitätsstandards durchsetzt. Diese Stelle muss autonom arbeiten und Entscheidungen mit KI-Geschwindigkeit treffen können.
Europas zentrales Problem ist nicht mangelnde Leistungsfähigkeit, sondern fehlende Koordinierung und Geschwindigkeit. Nötig ist eine eindeutig verantwortliche Entscheidungsinstanz mit echter Durchsetzungsmacht – das, was in der Telekommunikation als „single wringable neck“ gilt. Wie beim Roaming braucht Europas KI-Architektur von Beginn an Interoperabilität: gemeinsame Standards, offene Schnittstellen und nahtlose Wechselmöglichkeiten.
Derzeit werden Europas KI-Ambitionen von Akteuren geprägt, denen häufig Erfahrung in der Umsetzung komplexer Infrastrukturen fehlt. Entsprechend mangelt es in vielen Vereinbarungen an zentralen Sicherheitsmechanismen wie Portabilität, Ausstiegsrechten und operativer Transparenz. Ohne erfahrene Führung droht Europa alte Abhängigkeitsmuster zu wiederholen. Souveränität entsteht nicht durch Investitionen allein, sondern durch konsequente Gestaltung.
Europa braucht eine zentrale, handlungsfähige Behörde
Die Entscheidung ist klar: Entweder Europa sichert Unabhängigkeit durch interoperable Architekturen, abhängigkeitssichere Verträge und transparente Umweltkosten – oder Milliardeninvestitionen festigen die Dominanz US-amerikanischer und chinesischer Anbieter zulasten von Souveränität und Nachhaltigkeit. Europa hat das Potenzial, seine Zukunft zu gestalten. Was fehlt, ist eine zentrale, handlungsfähige Behörde, die dies umsetzt, bevor das bewegliche Ziel Europa um mehrere Generationen zurückwirft.
Nur eine industrieerprobte Umsetzungs- und Entscheidungsinstanz, eine operative Autorität mit echter Koordinations- und Durchsetzungskraft, verschafft Europas Alternative zur KI-Dominanz der USA und Chinas eine reale Chance.
Sheila Beladinejad ist Principal Technology Consultant mit über 20 Jahren Erfahrung in den Bereichen technischer Due Diligence und Künstlicher Intelligenz (KI). Sie arbeitete in großen Merger & Acquisitions (M&A) und Digital-Transformation-Projekten, Cloud-Migrationen und groß angelegten Telekommunikationsnetztransformationen in Europa und Nordamerika. Sie berät zu Technologiestrategien, technischer Due Diligence und Investitionsentscheidungen. Darüber hinaus ist sie Jurymitglied der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) und ist Mitglied der European Commission AI Alliance.
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