SAP & Delos : Trojanisches Gespann der digitalen Souveränität
Während digitale Souveränität in Europa und Wege aus der technologischen Abhängigkeit von den USA weiterhin die Debatten prägen, kündigen SAP und Microsoft feierlich an, was Verwaltung, Schulen und Universitäten in Deutschland und Europa ihrer Ansicht nach demnächst nutzen sollen: KI-Technologie des US-Anbieters Open AI. Michael Littger und Dennis Kipker vom Cyberintelligence Institute ordnen im Standpunkt die Ereignisse ein.
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Wer den „Bestseller“ unter den griechischen Mythen des Homer in der Schule erstmals lesen musste, dem durften Zweifel am Verstand des trojanischen Königs aufkommen: Eindringliche Warnungen von seiner Tochter Kassandra bis zum Priester Laokoon hielten ihn nicht davon ab, jenes herausgeputzte Riesenpferd in seine Stadt zu holen, dessen Bordpersonal – wir kennen die Geschichte – seinen und den Untergang Trojas einläutete.
Nun gibt es vielfältige Ansätze, über die Innereien zu sprechen, die uns in der vergangenen Woche von SAP und seiner Cloud-Tochter Delos angekündigt wurden. Eine vermeintliche Prophezeiung lieferte das Walldorf-Gespann gleich selbst: In Partnerschaft mit Microsoft werde man künftig Millionen von Mitarbeitern des öffentlichen Sektors die KI-Technologie von Open AI eröffnen und später auf Europa ausdehnen.
In derselben Tonalität erläuterte Open-AI-Chef Sam Altman die Firmenpläne: Deutschland sei lange Zeit Pionier für Ingenieurwesen und Technologie gewesen, heute nutzten Millionen Deutsche ChatGPT, um ihr Leben zu vereinfachen. Dieses Potenzial solle auf den öffentlichen Sektor ausgeweitet werden. Nach dieser Offenbarung (zu griechisch: Delos) erlebte SAP einen kurzzeitigen Kursgewinn – sowie zusätzliche Zweifler.
Wie hoch ist der Stellenwert digitaler Souveränität?
Diese waren in der zeitgleich anberaumten Preisverleihung für Sam Altman noch kaum zu hören: Deutschland freue sich auf gemeinsame Projekte mit Open AI, die Unternehmenspartnerschaft mit SAP reflektiere diesen Aufbruch und auch die Freundschaft der USA zu Deutschland müsse aufrechterhalten bleiben, resümierte Laudator Bundesminister Karsten Wildberger. (Die ganze Rede ist hier nachzuhören).
Anders klangen schon bald erste Einschätzung aus den Teilen der Industrie, die für digital-souveräne Lösungen aus Europa stehen: Wenn Open AI mit der Delos Cloud in den öffentlichen Sektor kommt, gleiche das einer Kapitulation und einem Schlag ins Gesicht für alle europäischen LLMs, kommentierte etwa Alexander Schellong von Schwarz Digits tags darauf die Verlautbarungen des Ministeriums auf LinkedIn.
Tatsächlich darf man sich fragen, welchen Stellenwert digitale Souveränität in der aktuellen Debatte um digitale Unabhängigkeit noch einnimmt, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck unwidersprochen bleibt, digitale Souveränität in Deutschland folge dem durchchoreographierten Diktat US-deutscher Joint-Ventures anstelle einer souveränen, staatlich abgestimmten Gesamtstrategie.
Es muss endlich klargestellt werden, dass digitale Souveränität als Ausdruck staatlicher Souveränität bedingt, dass Verwaltungsdiensten und Unternehmen jedenfalls nicht der Stecker gezogen werden kann. Präzedenzfälle haben gezeigt, dass diese Option durch US-Unternehmen bereits zum Einsatz kommt. Entgegen eines verbreiteten Wunschdenkens ist auch Deutschland vor derartigen Szenarien alles andere als gefeit.
Es braucht eine Bestandsanalyse der Abhängigkeiten
Dass derartige Risiken für die deutsche Verwaltungscloud in Kauf genommen werden könnten, die durch die Verflechtungen von Open AI mit Microsoft Azure weiter perpetuiert werden, ist gleichermaßen unverständlich wie unverantwortlich. Da hilft es wenig, wenn SAP und Delos gerne auf die Option verweisen, dass Kunden in diesem Szenario einige Wochen bis Monate verbleiben, um in eine andere Cloud zu ziehen – warum dann nicht gleich so?
Tatsächlich fehlt bis heute eine belastbare Bestandsanalyse über Umfang und Relevanz digitaler Abhängigkeiten anhand transparenter Kriterien. Mit dieser Risikoanalyse könnten solche Komponenten identifiziert werden, deren Abhängigkeiten wirtschaftlich und politisch reduziert oder beseitigt werden sollen. Danach wäre ein koordiniertes Vorgehen möglich, das Abhängigkeiten nicht weiter perpetuiert und in (den Aufbau) souveräner Lösungen investiert.
Der Anspruch des Koalitionsvertrags für ein digitalsouveränes Deutschland in dieser Legislaturperiode könnte auf diese Weise nähergebracht werden. Auch die Kapazitäten und Zuständigkeiten, diesen Weg zu beschreiten, wurden mit dem Digitalministerium geschaffen. Das Schicksal von Priamos, dem letzten trojanischen König, kann damit zwar nicht mehr abgewendet, eine Wiederholung der Geschichte aber vielleicht noch vermieden werden.
Michael Littger ist Strategy Director am Cyberintelligence Institute (CII), Dennis Kipker Gründer und Research Director des CII mit Sitz in Frankfurt am Main und Berlin. Das CII betreibt Forschung zur Stärkung von digitaler Resilienz und Cybersicherheit und engagiert sich für den Transfer in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft.
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