Europas KI-Souveränität : Was der Gipfel zur digitalen Souveränität jetzt liefern muss
Was sollte auf der Agenda des Gipfels zur digitalen Souveränität stehen? Amin Oueslati und Jonathan Schmidt von The Future Society argumentieren, dass es ehrgeizige Ziele und Initiativen braucht. Souveränität darf nicht zum bloßen Schlagwort verkommen.
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Morgens halb zehn in Deutschland – die Bildschirme bleiben schwarz. Binnen weniger Tage legten Störungen das Internet gleich zweimal lahm. Davon betroffen waren auch tausende Websites und Anwendungen in Europa, darunter Microsoft 365, Zoom und diverse Banken. Erst kam es zu einem stundenlangen Ausfall von Amazons AWS-Cloud-Diensten und die Woche darauf zu Störungen bei Microsofts Azure-Cloud. Zwar konnten die technischen Fehler schnell wieder behoben werden, dennoch legten sie Infrastruktur lahm, stoppten den Arbeitsalltag und behinderten das gesellschaftliche Miteinander.
Europas Abhängigkeit von einer Handvoll ausländischer Digitalkonzerne ist ein echtes Risiko. Beide vergleichsweise kleine Zwischenfälle machen deutlich, wie essenziell einzelne Digitalunternehmen für die Stabilität der europäischen Gesellschaft sind. Während dies vor mehreren Jahren noch schulterzuckend akzeptiert wurde, ist dies heute nicht mehr möglich — das geopolitische Klima hat sich nachhaltig verschärft. Abhängigkeiten werden als Verhandlungstaktik ausgenutzt und konzentrierte Infrastruktur zum Ziel für ausländische Angriffe, beispielsweise im Cyberbereich. „Europa kann nicht länger einfach so weitermachen“, wie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anerkennt.
Vorschläge für die Gipfel-Agenda zur KI-Souveränität
Am 18. November, etwa einen Monat nach den Cloud-Ausfällen, veranstalten Friedrich Merz und Emmanuel Macron einen Gipfel zur digitalen Souveränität Europas. Aber was bedeutet digitale Souveränität eigentlich? Zwar ist der Begriff auf gutem Weg zum Schlagwort des Jahres zu werden, beschreibt aber im Kern lediglich die selbstbestimmte, verlässliche Verfügbarkeit von digitalen Strukturen in Europa. Souveränität bedeutet nicht, dass alle digitalen Ressourcen und Anwendungen ausschließlich europäisch sein müssen. Aber wenn Europa auf Partner angewiesen ist, muss es die Bedingungen der Zusammenarbeit selbstsicher gestalten können und braucht Ausweichoptionen für den Notfall.
Künstliche Intelligenz (KI) gilt aufgrund der zunehmenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Relevanz als eine zentrale Komponente in Europas Digitalbestrebungen. KI-Souveränität lässt sich am besten entlang der komplexen Wertschöpfungskette betrachten, die von Lithografiesystemen, Halbleitern und Chips bis hin zu Daten, Modellen und Anwendungen reicht. Nachfolgend präsentieren wir drei Handlungsfelder, die entscheidend für die europäische KI-Souveränität sind.
Zuverlässige KI als Wettbewerbsvorteil
Erstens kann die Entwicklung zuverlässiger KI-Modelle Europas Wettbewerbsvorteil werden. Da KI zunehmend in essenzielle Bereiche wie Verteidigung, Gesundheit und kritische Infrastruktur integriert wird, wird Zuverlässigkeit zu einem entscheidenden Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit – eine Einschätzung, die auch Europas Industrieführer erkannt haben. Während führende KI-Modelle weiterhin mit Problemen wie Halluzinationen und Verzerrungen ringen, kann Europa diese Lücke durch strategische Investitionen in die Zuverlässigkeit von KI schließen, beispielsweise in den Forschungsbereichen Interpretierbarkeit und Safety-by-Design. Angewandte Forschung könnte in Form einer gemeinsamen Initiative zwischen dem deutschen Sprind und dem französischen AID, den beiden nationalen Einrichtungen für Sprunginnovation, erfolgen. Eine solche Kooperation ist auch in der gemeinsamen Position der deutschen und französischen Wirtschaftsweisen vorgesehen.
Ausbau der KI-Recheninfrastruktur
Zweitens muss Europa seine Ambitionen beim Ausbau von KI-Recheninfrastruktur deutlich erhöhen. Dieser Ausbau hat es zum Ziel, größere Unabhängigkeit von eben genau den eingangs erwähnten Cloud-Anbietern wie Amazon und Microsoft zu erreichen. So ein Ausbau ist dabei keinesfalls ein Selbstzweck, sondern muss sich nach Europas KI-Strategie richten, die sich sowohl auf Spitzen-KI als auch auf sektorspezifische Anwendung und breite wirtschaftliche Integration fokussiert. Aber selbst falls Europa bewusst nicht in das Wettrennen um die mächtigste KI mit den USA und China einsteigt, überschreitet der Bedarf bei Rechenkapazitäten den aktuell geplanten Ausbau um ein Vielfaches. Der Ausbau muss aber nicht nur ambitionierter, sondern auch klüger sein: EU-Mitgliedstaaten sollten Projekte europäischer Betreiber von Rechenzentren priorisieren, klare Konditionen an ausländische Investitionen stellen und den operativen Zugang zu den Rechenkapazitäten nach den Bedürfnissen der Nutzer ausrichten. Initiativen wie EuroHPC können wichtige Impulse für die Koordination unter den Mitgliedstaaten liefern. Um den Ausbau schnell und in großem Umfang zu realisieren, kann Europa auf die Schaffung von ‚Special Compute Zones’ zurückgreifen, analog zu den britischen ‚AI Growth Zones’, die beschleunigte Genehmigungsverfahren und günstige Bedingungen für den Ausbau bieten.
Europäische Synergien nutzen
Drittens können europäische Partnerschaften die globale Wettbewerbsfähigkeit sichern. Skalierung wird häufig als Problem europäischer Unternehmen genannt, beispielsweise aufgrund von fehlendem Wachstumskapital. Langfristig wandern sie dann ab oder werden von internationalen Wettbewerbern abgelöst. Zwar müssen solche strukturellen Barrieren adressiert werden, doch können strategische Partnerschaften zusätzlich eine Lösung bieten. Solche Partnerschaften zwischen Unternehmen in unterschiedlichen Positionen in der Wertschöpfungskette führen nicht nur zu mehr Kapital oder Zugang zu neuen Märkten, sondern auch zu Synergien bei Expertise und Daten. Die Kollaboration zwischen den deutschen Unternehmen Zeiss und Trumpf und der niederländischen Firma ASML ist ein Beispiel für diesen Ansatz, welcher zu weltweit führender EUV-Technologie für die Herstellung von essenziellen Chips für KI-Training führte. Dasselbe gilt für das Joint Venture zwischen Airbus, Thales und Leonardo, welche eine europäische Alternative zu Starlink, dem Unternehmen von Elon Musk, entwickeln wollen.
Souveränität darf nicht zum bloßen Schlagwort verkommen. Der Gipfel bietet die Gelegenheit, ehrgeizige Ziele und Initiativen zu formulieren, die Europas Schwächen anerkennen, aber auch auf ihre Stärken aufbauen. Durch Investitionen in verlässliche KI, ambitionierten aber klugen Ausbau von Rechenzentren und strategischen Partnerschaften kann Europa einen wichtigen Schritt hin zu mehr digitaler Souveränität tun. Nur so bleibt Europa nicht abhängig von anderen – sei es bei Cloud-Ausfällen oder der breiten wirtschaftlichen Integration von KI.
Amin Oueslati ist Senior Associate bei The Future Society und spezialisiert auf europäische KI-Governance mit einem Schwerpunkt auf der Umsetzung des EU AI Act und europäischer KI-Souveränität. Außerdem war er aktiv an der Ausgestaltung der nationalen Umsetzung des EU AI Act in Deutschland beteiligt.
Jonathan Schmidt ist Analyst bei The Future Society und arbeitet zu europäischer KI-Souveränität sowie zur Umsetzung des EU AI Act. Es befasst sich mit KI-Recheninfrastruktur, Post-Market-Monitoring und der Krisen- und Reaktionsfähigkeit der KI-Industrie bei schwerwiegenden Vorfällen.
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