Plattformarchitektur : Wie der Deutschland-Stack wirklich zum Erfolg wird
Die Idee des Deutschland-Stack bringt eine neue Dynamik in die Verwaltungsdigitalisierung. Der Fokus darf dabei aber nicht auf einzelnen Technologien liegen, schreibt Michael Kiefer von SAP, sondern auf einer zusammenhängenden Plattformarchitektur.
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Nach dem Beschluss der föderalen Modernisierungsagenda herrscht erneut Aufbruchstimmung: Der Deutschland-Stack wird als Zielbild präsentiert und Bund und Länder haben die Notwendigkeit einer standardisierten Verwaltungsinfrastruktur erkannt. Die Botschaft lautet: Staatsmodernisierung und Verwaltungsdigitalisierung kommen voran.
Nun gilt es, diese Dynamik zu nutzen: Wie transformieren wir den politischen Willen in eine breite Umsetzung? Wie wird der Deutschland-Stack zum Treiber einer durchgängigen digitalen Infrastruktur, die Standards etabliert und Silos überwindet? Wie können die Vorhaben der Modernisierungsagenda für eine durchgängige digitale Infrastruktur der deutschen Verwaltung umgesetzt werden?
Skalierbarkeit als Prämisse setzen
Deutschland verfügt auf allen föderalen Ebenen über gute digitale Lösungen, die in der Theorie über das „Einer-für-Alle“-Prinzip bundesweit nachgenutzt werden sollen. In der Praxis zeigen sich jedoch Hürden bei der flächendeckenden Skalierung. Der Bericht des Bundesrechnungshofs vom Juli 2024 verdeutlicht, dass wir das Potenzial des EfA-Prinzips noch stärker heben müssen: Nur rund fünf Prozent der EfA-Lösungen waren flächendeckend nutzbar.
Ein zentraler Grund: Zu Beginn fehlte eine systematische Analyse der Nachnutzungsbedingungen. Der Fokus lag auf der schnellen Entwicklung von Einzellösungen. Für den Erfolg des Deutschland-Stacks ist es nun entscheidend, die technischen Nachnutzungsbedingungen und die Anbindung an heterogene Fachverfahren von Anfang an mitzudenken. So vermeiden wir hohen Integrationsaufwand und schaffen echte Interoperabilität.
Standardlösungen statt individueller Sonderwege
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Neue Lösungen werden häufig exakt auf historisch gewachsene Abläufe einzelner Kommunen zugeschnitten. Jede einzelne Behörde schaut auf die eigenen Bedarfe und Problemstellungen – und verliert dabei das Gesamtbild aus dem Blick.
Der Deutschland-Stack bietet hier die Chance für einen Perspektivwechsel: Erfolgreiche Digitalisierung entsteht nicht durch maximale Individualisierung, sondern durch Standardisierung. Auch in der Privatwirtschaft werden Prozesse bereits an bewährte Best Practices angepasst.
Warum fangen wir wieder bei null an?
Dass pragmatische und wirksame Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung möglich ist, haben unterschiedliche Beispiele gezeigt – unter anderem die von SAP entwickelte Kulturpass-App. Innerhalb kurzer Zeit entstand eine bundesweit nutzbare digitale Lösung, über die komplette Verwaltungs- und Abrechnungsprozesse digital gesteuert werden: von der sicheren Identifikation per eID über die Budgetfreischaltung bis hin zur Abwicklung mit tausenden Kulturanbietern – und das durch schnelle Entscheidungen und Nutzung innovativer Technologie.
Hunderttausende junge Menschen haben die App genutzt, über eine Million Reservierungen wurden ausgelöst und zweistellige Millionenumsätze für lokale Kulturanbieter generiert. Statt diese Lösung für weitere Anwendungsfälle weiterzudenken, entstehen für vergleichbare Anforderungen erneut neue Einzellösungen, neue Apps und neue Schnittstellen. Diese Erfahrungen sollten wir als Best Practice für weitere Anwendungsfälle nutzen. Der Deutschland-Stack muss nicht auf einem weißen Blatt Papier starten. Wir können auf funktionierende Marktstandards und praxiserprobte Lösungen aufsetzen, um Tempo aufzunehmen.
Fertige Baukästen als Beschleuniger der Digitalisierung
Aktuell dominieren Diskussionen über einzelne Technologien, Schnittstellen und Standards. Was es jedoch braucht, ist ein Denken vom Ganzen her: Welche Plattformarchitektur ermöglicht Integration, Nachnutzung und Skalierung? Technologie ist dabei zentral – aber sie muss als zusammenhängendes System gedacht werden, nicht als lose Sammlung einzelner Bausteine.
Der Deutschland-Stack sollte deshalb von einer integrierten Plattformlogik ausgehen, die Standardsoftware, Integration und Betrieb von Beginn an zusammen denkt. Entscheidend ist der Fokus auf konkrete Use Cases, die sich Ende-zu-Ende digitalisieren lassen.
Der Weg zur integrierten Plattform
Ein effizienter Startpunkt ist, wenige priorisierte Lebenslagen mit hohem Wirkungspotenzial auszuwählen – etwa Wohngeld, Gewerbeanmeldung oder Kindergeld. Diese sollten auf einer gemeinsamen cloud-basierten Plattform umgesetzt und anschließend auf Basis verbindlicher Daten- und Schnittstellenstandards skaliert werden. Ergänzt um klare Regeln zur Wiederverwendung, Datenhoheit und Hosting in Deutschland oder der EU entsteht so schrittweise eine digitale Verwaltungsinfrastruktur, die nachnutzbar und souverän ist.
Es braucht also eine Architektur, die Integration von Anfang an mitdenkt. Ein Full-Stack-Ansatz bildet die gesamte technische Kette ab – von der Benutzeroberfläche über die Geschäftslogik bis zur Datenhaltung und Integration bestehender Register. Der entscheidende Unterschied zum bisherigen Vorgehen: Das Integrationsproblem wird nicht nachgelagert, sondern ist Teil der Architektur. Benutzeroberfläche, Datenverarbeitung und die Anbindung an Register werden als Einheit konzipiert.
Für Bürger:innen und Unternehmen bedeutet das: Sie greifen über eine zentrale Plattform auf Services zu – vom Elterngeldantrag bis zur Unternehmensgründung. Die Authentifizierung läuft einheitlich über BundID oder die EUDI-Wallet, sodass Daten dank Once-Only-Prinzip tatsächlich nur einmal vorliegen müssen. Im Hintergrund sorgt eine skalierbare und souveräne Cloud-Infrastruktur für das nötige Tempo, während KI-Modelle Routineprozesse digitalisieren und automatisieren. So entsteht statt eines Flickenteppichs an Einzellösungen ein modulares Ökosystem, in dem Bund, Länder und Kommunen über standardisierte Schnittstellen wirksam zusammenarbeiten können.
Keine Zeit für pragmatische Umsetzung
Die Zeit ist reif, Abstimmungsprozesse zu straffen und in den Modus der Umsetzung zu kommen. Wenn der Deutschland-Stack bis 2028 wirklich eine funktionierende Infrastruktur für die digitale Verwaltung abbilden soll, müssen bestehende Ressourcen und Partnerschaften genutzt werden. Die Technologie ist da, die Standards sind bekannt. Es existieren in der deutschen Verwaltung Rahmenverträge, die für eine schnelle Umsetzung genutzt werden können.
Jetzt müssen wir gemeinsam konsequent auf eine integrierte Plattform-Architektur setzen. Nur so wird aus der „Einer für Alle“-Idee endlich eine „Einer für Alle“-Realität. Und nur so erreichen wir die Ziele der Modernisierungsagenda und sorgen dafür, dass es mit der Verwaltungsdigitalisierung erfolgreich weitergeht.
Michael Kiefer arbeitet seit 2011 bei SAP und ist verantwortlich für das Technologiegeschäft mit der deutschen Bundesverwaltung.
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