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Digitalisierung & KI

Standpunkt

„Snooze“ drücken ist keine Option mehr

BWI-Chef Martin Kaloudis
BWI-Chef Martin Kaloudis Foto: BWI

Geopolitisch haben wir einiges verschlafen, findet der Chef des IT-Systemhauses der Bundeswehr, Martin Kaloudis. Deshalb ist es gut, dass die Digitalstrategie der Bundeswehr die Digitale Souveränität ins Zentrum stellt. Jetzt muss in den entscheidenden Bereichen gehandelt werden. Weiterschlafen ist keine Option.

von Martin Kaloudis

veröffentlicht am 08.09.2022

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Wer dieser Tage die Internetseiten der wichtigsten Leitmedien durchscrollt, der stellt ein ums andere Mal fest, dass – verglichen mit der Weltlage vor nicht einmal drei Jahren – kein Stein mehr auf dem anderen steht. Pandemie und Krieg in der Ukraine haben unsere Welt, in der wir uns zuvor kommod eingerichtet haben, regelrecht durcheinandergeschüttelt.

Nichts ist mehr, wie es war

Kommod eingerichtet heißt vor allem: Wir in Deutschland und der EU haben uns in den letzten Jahrzehnten fast schon blind auf das Funktionieren unserer globalen Supply Chains verlassen, auf ein stabiles weltweites Handelsökosystem, auf billige fossile Brennstoffe, die jederzeitige Verfügbarkeit von Halbleitern – und die stete Dienstbereitschaft der Blue Collar Workers. Diese sorglosen Zeiten sind vorbei. Das geopolitische Umfeld befindet sich in einem gigantischen Umsortierungsprozess und zwingt uns, unsere gesamten Versorgungs- und Wertschöpfungsketten vollständig neu zu denken. Was nicht unbedingt schlecht sein muss – kritisch ist jedoch, dass es erst multipler Krisen bedarf, dass der Wecker wirklich laut klingeln muss, bis wir aufwachen.

Als IT-Systemhaus der Bundeswehr beobachtet die Gesellschaft BWI geopolitische Entwicklungen naturgemäß sehr genau – und sie hat schon lange vor der Coronapandemie immer wieder die zentrale Bedeutung der Digitalen Souveränität betont. Denn nur ein digital souveräner Staat kann Produkte und Technologien, die die staatliche Handlungs- und Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen, beurteilen, managen, entwickeln und weiterentwickeln, ohne dabei strukturell von anderen Wirtschaftsräumen oder Unternehmen abhängig zu sein. Das betrifft Soft- und Hardware, IT-Infrastrukturen, Netze, Lieferketten und die personelle Ausstattung mit geeigneten Fachkräften gleichermaßen – und entscheidet am Ende über die internationale Verteidigungs- und Wettbewerbsfähigkeit ebenso wie den Informationsgrad und Bildungsstand der Gesamtbevölkerung.

Bei Chips und Software handlungsfähig bleiben

Blicken wir einmal auf die Hardware, die Halbleiter. 99 Prozent der aktuell modernsten Sieben-Nanometer-Chips kommen aus Taiwan (TSMC hat einen Marktanteil von 78 Prozent) und Südkorea (Samsung, 21 Prozent). Die zehn umsatzstärksten Chiphersteller sitzen allesamt in Südkorea, Taiwan und den USA. Angesichts zunehmender sicherheits- und geopolitischer Herausforderungen – auch im indopazifischen Raum – können uns diese Zahlen nicht kalt lassen. Denn die Chips benötigen wir ja nicht nur in den 190.000 IT-Arbeitsplätzen und 6.000 zentral administrierten Servern, die die BWI für die Bundeswehr bereitstellt. Sie sind auch im militärischen Bereich, insbesondere den modernen Waffensystemen, von entscheidender Bedeutung. Und nicht zuletzt brauchen wir die Halbleiter auch für die Digitalisierung der deutschen Verwaltung. Insofern ist der 43 Milliarden Euro schwere euorpäische Chips Act ein Schritt in die richtige Richtung, ebenso wie das Engagement von Intel in Deutschland und Europa. Aber, zum Vergleich: Auch die USA planen einen Chips Act mit einem Volumen von 52 Milliarden US-Dollar – und alleine der taiwanesische Chip- und Halbleiterhersteller TSMC investiert mehr als 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Es geht noch weiter, denn nach den Chips kommt die Software. Auch hier müssen wir Verfügbarkeit, Robustheit und vor allem IT-Sicherheit gewährleisten. Nun kann man natürlich Soft- und Hardware in sicherheitskritischen Bereichen selbst entwickeln. Das wird heute auch schon getan: Die Bundeswehr und manche staatlichen Behörden verfügen über eigene, abhörsichere Kommunikations- und Kollaborationstools. Doch Abschottung ist nicht das erste Mittel der Wahl, denn: Eine deutsche oder europäische Autarkie wird es nicht geben, eine technologische Aufholjagd gegenüber Asien und den USA würde Dekaden dauern.

Ohne stabile Partnerschaften auf Augenhöhe werden wir nicht handlungsfähig bleiben. Digitale Souveränität heißt daher auch: Wir müssen einerseits klar definieren, wie wir mit welcher Schlüsseltechnologie umgehen: Was können wir selbst und was machen wir mit welchen europäischen – oder auch globalen – Partnern? Und wie können wir andererseits Partner auf Augenhöhe bleiben – oder werden? Zum Beispiel, indem wir deutlich stärker und strategisch gezielt in zukünftige Schlüsseltechnologien als „Asse im Ärmel“ am Verhandlungstisch investieren.

Inzwischen ist das Thema Digitale Souveränität in der kürzlich vorgelegten Digitalstrategie der Bundesregierung angekommen. Das ist gut, es muss aber konkret mit Leben gefüllt werden: Digitale Souveränität muss Kriterium in Vergabeverfahren werden. Zweitens werden wir noch mehr investieren müssen, denn Digitale Souveränität kostet Geld. Drittens müssen wir schneller und effektiver werden. Aktuell stehen dem Fortkommen digital souveräner Technologien nur allzu häufig komplexe Beteiligungsstrukturen entgegen, die Prozesse nicht unbedingt beschleunigen.

Der Aufbau einer leistungsfähigen, sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa wie bei Gaia-X ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Die Herausforderung hierbei – trotz der vielen Beteiligten – schnell in die Umsetzung zu kommen. Dann wäre da noch die vielzitierte deutsche Gründlichkeit: Anstatt ewig auf die „Goldrandlösung“ zu warten, würde es manchen Vorhaben sicherlich guttun, mit einem Minimum Viable Product (MVP) zu beginnen und dieses kontinuierlich zu verbessern. Und am Ende brauchen wir auch aktiv gemanagte Plattformen, um funktionierende Lösungen effektiv in die Breite zu tragen.

Es gibt viel zu tun und es wird Zeit. Der Wecker klingelt laut. Wir sollten nicht mehr allzu oft auf „Snooze“ drücken, sondern endlich aufstehen.

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