Standpunkt Ein Börsenindex für Start-ups

Martin Pätzold und Oliver Rottmann fordern einen Börsenindex für New-Technology-Start-ups – um hierzulande Finanzierungsmöglichkeiten zu schaffen und den Wirtschaftsstandort zu stärken. Denn nur so könne Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen.

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Die Auswirkungen von Internet und Digitalisierung sind Neuland. Der durch die deutsche Kanzlerin geprägte Begriff wurde in der Vergangenheit häufig belächelt und kritisiert. Dabei lässt sich erkennen, dass diese Metapher völlig zutreffend ist. Nicht das Internet und die Digitalisierung selbst sind Neuland, sondern die gesellschaftspolitischen Konsequenzen – der „Systemwandel“ daraus. Denn alles, was sich gesellschaftspolitisch, ökonomisch und rechtlich daraus ergibt, ist derzeit gar nicht abschließend abzuschätzen.

Finanzierungsmöglichkeiten in Deutschland sichern

Deutschland braucht gerade für junge, innovative Unternehmen weitere Möglichkeiten der Kapitalakquise, unabhängig oder ergänzend zur staatlichen Förderung. Der Ausbau eines solchen attraktiven Finanzierungssystems wurde in Deutschland und in Europa im direkten Vergleich zu den USA oder China augenscheinlich versäumt. Ein wünschenswerter Schritt in die richtige Richtung wäre hier die Etablierung eines neuen Börsenindex, der sich gerade an New-Technology-Start-ups richtet, die über diesen modernen Aktienmarkt das notwendige Kapital zur Finanzierung des eigenen Wachstums schöpfen können. Eine langfristig gesicherte Stellung im globalen Wettbewerb ist nur dann möglich, wenn der gesamte Entwicklungsprozess von der Geburt der Innovation, über das Großziehen des Gründungsteams bis zur Marktreife am Standort Deutschland stattfindet.

Neben der notwendigen Infrastruktur für Tech-Startups bilden auch die zuvor genannten finanziellen Anreize eine wesentliche Grundlage für die Entscheidung, ob ein erfolgsversprechendes Unternehmen seine Ansiedlung vor Ort oder im Ausland anstrebt. Denn werden die neuen Geschäftsmodelle etwa aufgrund mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten nicht von hier gestartet, entwickelt und skaliert, dass dies in Zeiten globaler Märkte anderenorts und aus einem konkurrierenden Kapital realisiert wird.

Den Innovationsprozess stimulieren

Daraus folgen zwei Konsequenzen, die zu disruptiven Marktveränderungen führen können, also zu Veränderungen, die bestehende Strukturen komplett verdrängen. Zum einen bedeutet dies, dass es noch eines großen Einsatzes bedarf, bestehende Wirtschaftsfelder an die Digitalisierung anzupassen. Zum anderen ergibt sich hieraus ein großes Potential für neue Unternehmen und Wirtschaftszweige, in diese Entwicklung einzusteigen. Davor sind allerdings die Herausforderungen der digitalen Transformationen zu analysieren und zielgenau zu überwinden.

Dabei lehrt die Geschichte: Technologische Transformation geht von den Unternehmen aus, der Staat kann dies flankierend befördern und als marktwirtschaftlichen Kreativprozess unterstützen. Dafür ist Freiraum notwendig und weniger Bürokratie. Bürokratieabbau und freiheitlichere Marktstrukturen können den Innovationsprozess stimulieren, dies erfordert jedoch nicht die Entbindung des Staates von jeglicher wirtschaftsformenden Verantwortung. Wenngleich eine staatliche Subventionierung zu weit gehen würde, ist der Ausbau eines (digitalisierungsbezogenen) infrastrukturellen Grundgerüsts durch den Staat durchaus relevant. Es bedarf moderner digitalwirtschaftlicher Konzepte, Deutschland zukunftsfest zu gestalten.

Innovation von der Geburt bis zur Marktreife begleiten

Worin liegen die genannten disruptiven Entwicklungen? In erster Linie in der Entstehung zahlreicher neuer Geschäftsmodelle, die meist von jungen und finanziell schwächer aufgestellten Unternehmen vorangetrieben werden. Hier stellt sich die Frage, ob Gründungstrends die Auslöser oder Folge einer Marktrevolution darstellen. Eine volkswirtschaftlich notwendige Reaktion bildet dabei die bewusste Förderung von Start-ups, in Form einer temporären Unterstützung beim Unternehmensaufbau in Form von Steuererleichterungen oder einen Risikokapitalfonds. Damit folgt dieser Ansatz einer gänzlich umfassenderen Zielsetzung – der allgemeinen Wohlfahrtsstärkung durch Innovationsstimulanz.

Eine langfristig gesicherte Stellung der deutschen Wirtschaft im globalen Wettbewerb ist nur dann möglich, wenn der gesamte Entwicklungsprozess von der Geburt der Innovation, über den Markthochlauf bis zur Marktreife stattfindet. Nur dann bleibt Deutschland innovationsdynamisch.

Wer stattdessen denkt, Deutschland könne es mit dem durch China am digitalen Markt wahrgenommenen Staatskapitalismus aufnehmen, in dem er mit Milliardensummen deutsche und europäische Unternehmen fördert, die dann in einzelnen staatlich determinierten Branchen Erfolg haben sollen, der wird über kurz oder lang scheitern. Die Aufgabe des Staates in einer demokratischen und sozialen Marktwirtschaft kann nur darin liegen, Rahmenbedingungen zu setzen, die die freie Bildung von Innovationsfähigkeit der Wirtschaft fördern.

Martin Pätzold saß von 2013 bis 2017 für die CDU im Deutschen Bundestag. Seit Januar 2018 ist er Head of Innovation & Research bei dem Beratungsunternehmen Baker Tilly.

Oliver Rottmann ist Geschäftsführender Vorstand des Kompetenzzentrums Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge an der Universität Leipzig.

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