Energie & Klima

Standpunkt

Die grüne Null

Nadine Schön
Nadine Schön, Bundestagsabgeordnete der CDU Foto: Neustaat

Mit dem Buch „Neustaat – Politik und Verwaltung müssen sich ändern“ wollen die CDU-Bundestagsabgeordneten Nadine Schön und Thomas Heilmann ein Schlaglicht darauf werfen, dass allein aus den Milliardensummen, die der Staat in die Wirtschaft pumpt, kein nachhaltiges Wachstum entstehen wird. Sie fordern, auch Staat, Verwaltungsvorschriften und Strukturen zu verändern – insbesondere in der Energie- und Klimapolitik, wie ihr Standpunkt zeigt.

von Nadine Schön

veröffentlicht am 02.06.2020

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In Zeiten, in denen die USA aus dem Klimaabkommen aussteigen und in China Masken wegen der Luftverschmutzung auch ohne Corona zum Alltag gehören, ist die Klimakrise einer der Bereiche, in denen Europa seine Stärke beweisen kann. Mit der Fridays-for-Future-Bewegung wurde in Europa auch nicht zufällig die weltweit wichtigste Klimaschutzinitiative geboren.

Was wir aber noch unterschätzen, ist die Art der Entwicklung und damit auch die Tragweite unserer gegenwärtigen Entscheidungen. Denn das Klima verschlechtert sich nicht nur linear und gemäßigt mit unseren CO2-Emissionen, sondern, sobald bestimmte Tipping Points oder Kipppunkte der Entwicklung erreicht werden, auch exponentiell und extrem. Schon wenn wir einen einzigen dieser Tipping Points erreichen, verlieren wir jede Kontrolle über die Krise.

Klimaschutz ist teuer, nichts tun noch teurer

Zu handeln ist teuer, aber die Tipping Points zu überschreiten, führt in einen unkalkulierbaren Ruin, sowohl finanziell als auch menschlich. Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir genauso dramatisch an der Klimakrise scheitern, wie wir daran gescheitert sind, die Ausbreitung des Coronavirus rechtzeitig zu verhindern. Denn auch auf die Warnungen vor einer Viruspandemie haben wir nicht gehört. Bill Gates etwa führte schon 2016 aus, dass eine Pandemie viel wahrscheinlicher sei als ein neuer Krieg, doch die Welt hat das nicht hinreichend beachtet oder entsprechende Vorbereitungen getroffen.

Corona- und Klimakrise haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind sehr abstrakt, bis sie ihre verheerenden Wirkungen entfalten, und diese lassen sich bei rechtzeitigen Maßnahmen und langfristigen Planungen stark minimieren.

Der richtige Rahmen für die Klimaziele

Dazu bedarf es keiner bahnbrechenden neuen Ideen, sondern nur einer besseren Umsetzung der bereits getroffenen Maßnahmen, der richtigen Anreize sowie der Schaffung eines rechtlichen und infrastrukturellen Rahmens, der die Entwicklung innovativer Technologien ermöglicht.

Um dafür den dringend erforderlichen Innovationen zum Durchbruch zu verhelfen, einigte man sich auf eine weitreichende, früher vielfach abgelehnte CO2-Bepreisung als weiter auszubauendes Grundprinzip.

Bepreisungen sind nachweislich effizienter als Verbote. Eine rein nationale Lösung ist bei einem globalen Problem wie dem Klimawandel allerdings weder hilfreich noch effizient, da dies zu Carbon Leakage führt – einer Abwanderung der Unternehmen in Länder, in denen ihnen eine günstigere Verschmutzung möglich ist. Wir brauchen also ein global koordiniertes Vorgehen und regional übergreifende Systeme wie den europäischen Emissionshandel, die alle Mitgliedsstaaten und Sektoren umfassen.

Energie muss intelligent werden

Die Reduktion von Emissionen allein reicht nicht aus, um eine nachhaltige, dauerhafte Umstellung auf erneuerbare Energien zu ermöglichen. Erneuerbare Energien können keine konstante Energieversorgung garantieren, sie sind wetterabhängig und damit hochvolatil. Um dieses Problem anzugehen, sollte kurzfristig auf Erdgaskraftwerke zurückgegriffen werden, um die Energiewende zu ermöglichen. Langfristig muss aber stark in die Infrastruktur der Energienetze investiert und ein sogenanntes Smart Grid etabliert werden.

Mit Kohle- und vor allem Gaskraftwerken kann Energie problemlos verbrauchsgerecht produziert werden. Mit erneuerbaren Energien ist die Stromproduktion wesentlich unflexibler – es ist praktisch unmöglich, sie bei Bedarf hochzufahren. Wir benötigen daher Stromspeicher, die Strom aus Überproduktion speichern und in Zeiten der Unterproduktion wieder in das Stromnetz einspeisen können.

Hinzu kommt die Verteilung der Kraftwerke. Kohle- und Gaskraftwerke stehen überall in Deutschland, Solarkraftwerke werden eher im Süden eingesetzt, Windkraft kommt aus dem Norden. Wenn wir also die konventionellen Kraftwerke schrittweise vom Netz nehmen, benötigen wir mehr und stärkere Stromleitungen, um den Strom in ganz Deutschland schnell transportieren zu können.

Gleichzeitig muss die Stromversorgung dezentraler und intelligenter über das Netz organisiert werden. Das Konzept des Smart Grid spricht hierbei von einem System, in dem Produktion, Verteilung, Speicherung und Verbrauch automatisiert werden müssen, und gibt Anhaltspunkte, wie das erfolgen sollte.

Bessere Rahmenbedingungen für den Energiemarkt der Zukunft

Um private Energiespeicher – vom Elektroauto bis zum Blockheizkraftwerk – in den Strommarkt zu integrieren, müssen wir ihnen einen fairen Marktzugang ermöglichen. Derzeit werden Speicher juristisch als „Endverbraucher“ behandelt. Dabei muss der Strom, der in einem E-Auto-Akku fließt, nicht nur zum Fahren verwendet werden, sondern kann genauso gut auch wieder ins Stromnetz zurückfließen. Für den Energietransport bietet sich neben dem Strom- auch das Gasnetz an. Es könnte beispielsweise genutzt werden, um Wasserstoff oder E-Fuels zu befördern, Treibstoffe also, die mittels elektrischer Energie aus CO2 erzeugt werden.

Die Regierungskoalition im Deutschen Bundestag hat gerade ein großes Paket mit Maßnahmen beschlossen, aus unseren kurzen Ausführungen wird deutlich, wie wichtig Daten und Steuerung werden. Und: Die Energiewende ohne Kostenexplosion für Verbraucher und Wirtschaft herbeizuführen, wird eine Herkulesaufgabe neben vielen anderen. Wollen wir sie bewältigen, müssen wir unseren Staat sehr gut organisieren – deutlich besser, als er es heute ist.

Zusammen mit 64 Bundestagsabgeordneten und Experten haben Nadine Schön und Thomas Heilmann in ihrem Buch insgesamt 103 konkrete Vorschläge zur Krisenbewältigung weit über die Energiebranche hinaus gemacht. „Neustaat“ erscheint an diesem Dienstag, weitere Informationen zu der Publikation unter www.neustaat.jetzt.

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