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Energie & Klima

Standpunkt

Ende der Naivität: Warum Deutschland eine eigene Solarindustrie braucht

Gunter Erfurt, CEO von Meyer Burger
Gunter Erfurt, CEO von Meyer Burger Foto: Meyer Burger

Die Konfrontation mit Russland führt Deutschland seine riskante Energieabhängigkeit vor Augen. Damit es bei der Solarenergie nicht ähnlich brenzlig werden kann, müssen Deutschland und Europa eine eigenständige, von Asien weniger abhängige Solarindustrie schaffen, fordert Gunter Erfurt. Der CEO des Herstellers von Hochleistungs-Solarzellen und -modulen, Meyer Burger, ist überzeugt, dass dies unter den richtigen politischen Rahmenbedingungen möglich ist.

von Gunter Erfurt

veröffentlicht am 26.07.2022

aktualisiert am 03.08.2022

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Der 24. November 2021 geht als Tag der Freude in die Geschichte der Solarbranche ein. Der Koalitionsvertag der Ampel-Koalition setzte das bis dahin ungeahnte Ausbauziel von 200 Gigawatt installierter Solarleistung bis 2030 fest. Exakt drei Monate später, am 24. Februar 2022, begann der grausame Krieg in der Ukraine und fegte mit einer ungeahnten Geschwindigkeit und Radikalität alte Gewissheiten davon. Auf einmal erscheint Europas Energieversorgung nicht mehr gesichert, ein ganzer Kontinent ist erpressbar geworden – Lummerland ist abgebrannt. Umso wichtiger ist es nun, bei der Lösung von der einen Abhängigkeit nicht in die nächste zu schlittern: der jetzt noch dringendere Ausbau der Photovoltaik braucht ein resilientes Industrie-Ökosystem hier in Europa.

Deutschland steuert mit atemberaubendem Tempo in Richtung Alternativen zu russischen Energiequellen, zum Beispiel mit der Planung eigener LNG-Terminals. Es ist eindrücklich, wie schnell, unbürokratisch und pragmatisch die dafür notwendigen Entscheidungen fallen. Bisher weniger atemberaubend, aber nicht weniger wichtig, sind die jetzt notwendigen Anpassungen im Bereich der erneuerbaren Energien. In Anbetracht der neuen geopolitischen Realität, die bereits vor dem Krieg im Kontext der Corona-Pandemie und Lieferkettenproblemen sichtbar waren, müssen dringend die Grundlagen und Infrastrukturen für eine resiliente Industrie auch im Bereich der erneuerbaren Energien und Photovoltaik geschaffen werden.

Die Solarenergie hat sich unter allen erneuerbaren Energien zur günstigsten Elektroenergieerzeugungsform der Welt entwickelt und wird heute zurecht als „Königin der Elektrizität“ geadelt. Die Solartechnologie bricht immer neue Rekorde und boomt vor allem aus ökonomischen Gründen: Mitte Juli 2022 waren in Deutschland erstmals mehr als 40 Gigawatt Solarleistung im Stromnetz. Das entspricht fast 70 Prozent des zu diesem Zeitpunkt in Deutschland verbrauchten Stroms. Dieser Meilenstein wurde nicht zuletzt durch die seit Jahrzehnten etablierte und auch heute weltweit führende Photovoltaik-Forschung in Deutschland ermöglicht. Die politischen Ausbauziele für Solar und die aktuellen Hochrechnungen zeigen klar: Solar wird heute in Europa wieder zurecht groß und in Zukunft noch größer gedacht.

China wird weniger exportieren

Doch ein scheinbar ungesehener Fakt überschattet die sonnigen Zeiten. Solarzellen und
-module sowie ein Großteil der dafür notwendigen Rohstoffe müssen nahezu vollständig importiert werden. Die Abhängigkeit im Photovoltaik-Sektor von Importen aus Asien ist schon heute größer als sie es beim russischen Gas je war. Solche Abhängigkeiten müssen deshalb abgebaut und in der Debatte dringend stärker berücksichtigt werden. Die Energiewende und die industrielle Transformation beginnen nicht erst mit der Produktion grüner Kilowattstunden, sondern bereits bei der Herstellung der dafür notwendigen Solaranlagen und Windräder. Lieferengpässe bei Rohstoffen, Zellen und Modulen haben das Potenzial, die Klimawende in Europa zu stoppen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat – mit sämtlichen Konsequenzen für die heimischen Industrien.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Freude aus dem November 2021 plötzlich wie aus einer anderen Zeit. Mehr denn je stellt sich die Frage, wie wir unsere Ziele operativ umsetzen und künftig sogar ausbauen können. Die Nachfrage nach erneuerbaren Energien und insbesondere nach Solar ist infolge des Krieges weltweit gestiegen. Doch von beinahe 200 Gigawatt prognostiziertem Photovoltaik-Ausbau im Jahr 2022 weltweit entfallen allein 100 Gigawatt auf China. Das bedeutet: Ein zunehmender Anteil der dortigen Kapazitäten wird nicht mehr exportiert, sondern heimisch genutzt werden. Diese Kapazität fehlt perspektivisch in den heute von Importen abhängigen Regionen – auch in Deutschland.

Schmerzhaft wie heilsam zugleich haben wir infolge der Eskalation in der Ukraine gelernt, wie abhängig wir im Bereich Energie sind. Jetzt wirkt sich die Erpressbarkeit auf unser Land, unsere Industrien, unsere Unternehmen und unser aller Wohlstand aus. Den Fehler, sich unverhältnismäßig auf unsichere Kantonisten und politische Geisterfahrer zu verlassen, dürfen wir nicht wiederholen. Energiepolitik ist Sicherheitspolitik. Die notwendige industrielle Fertigungsbasis im Bereich der Photovoltaik muss jetzt strategisch abgesichert und entlang des Ausbaubedarfs skaliert werden.

Europäischer Chips-Act als Vorbild

Meyer Burger hat in diesem Bereich viel erreicht. Wir kombinieren europäische Hochtechnologie und Wertschöpfung mit hohen Umwelt- und Arbeitsstandards, unsere Solarzellen und -module gehören zu den effizientesten und leistungsstärksten der Welt. Noch in diesem Jahr eröffnen wir eine weitere Fertigungslinie im Solar Valley und nehmen damit Kurs auf Gigawatt-Produktionskapazitäten. Bei allen Erfolgen sind wir im Weltmaßstab dennoch ein zartes Pflänzchen mit einer überschaubaren Größe.

Wir haben bereits 2020 einen Wachstumsplan auf sieben Gigawatt vorgelegt. Ein noch schnellerer Ausbau ist für uns und die weiteren hiesigen Unternehmen entlang der solaren Wertschöpfungskette ohne politische Unterstützung jedoch nicht zu schaffen. Der schnellere Ausbau sowie der Aufbau eines signifikanten industriellen Ökosystems kann nur mit politischer Unterstützung gelingen. Unsere Industrie – beziehungsweise das, was davon noch übrig ist – hat schlicht nicht die Größe, um die vor uns stehenden Hürden ohne entsprechende Hilfe zu meistern.

Der europäische Chips-Act, der Europas Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz in den Halbleitertechnologien erhöht und so den digitalen Wandel unterstützt, kann hier als Vorbild für entschlossenes Handeln dienen. Die bisherigen IPCEI-Projekte auf EU-Ebene laufen dagegen zu langsam an, nationale Stakeholder-Dialoge ohne konkrete Mittel und Programme für die Industrie verschieben das Problem auf übermorgen.

Alles-oder-Nichts-Moment

Die Entscheidung dafür muss aber jetzt getroffen werden, um mit dem Marktwachstum und den nun zu treffenden Investitionsentscheidungen Schritt zu halten. Im besten Sinne eines Alles-oder-Nichts-Moments ist es für uns alle eine Zeit großer Risiken, aber ebenso großer Chancen. Gelingt der Umbau, können die erneuerbare Energien zum Grundpfeiler unserer selbstbestimmten Versorgungssicherheit werden und sich die Energiewende zum „Exportschlager“ der Nation entwickeln. Diese Chancen können und müssen wir jetzt ergreifen.

Um es klar zu sagen: Ein Ausbau auf Fertigungskapazitäten von 50 Gigawatt in Europa bis 2030 ist realistisch und möglich, wenn jetzt die notwendigen politischen Zusagen erfolgen. Nutzen wir das drängende Thema Energiesouveränität als Ansporn, um Ziele nicht nur anzukündigen, sondern konkret umzusetzen! Die europäische Solarindustrie – mit Meyer Burger in der ersten Reihe – steht bereit! Wir haben das Wissen, die Technologie, das Personal und die Infrastruktur für den Produktionsaufbau in Deutschland.

Europaweit sind einmalig zehn Milliarden Euro an Investitionen notwendig, um zunächst eine Kapazität von 20 Gigawatt aufzubauen. Das entspricht einmalig etwa 50 Prozent der bisherigen jährlichen Kosten für Energieimporte aus Russland. Eine vergleichsweise überschaubare Investition in die Zukunft, die ist und bleibt.

Zeigen wir der Welt und uns selbst, dass wir energiepolitisch auch im Bereich der erneuerbaren Energien entschlossen und nicht erpressbar sind.

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