Zwischen USA und China : Europäische Energiesicherheit in Zeiten des Krieges
Die USA verfolgen aus Friedbert Pflügers Sicht eine klare Strategie der Energiedominanz – auch an der Straße von Hormus. Das und der Hegemonie-Anspruch Chinas bei Cleantech bringen Europa in Bedrängnis, warnt der Geschäftsführer des Clean Energy Forum und Aufsichtsratschef des Verbands Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft.
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Es ist weder diplomatisch klug noch sachlich begründet, den Vereinigten Staaten mit belehrendem Unterton „Strategielosigkeit“ vorzuwerfen. Die überhebliche Unterschätzung der Trump-Administration ist ein Fehler. Zwar haben die USA die militärische Widerstandsfähigkeit des Irans wahrscheinlich unterschätzt. Daraus kann aber nicht der Schluss gezogen werden, es gäbe im Krieg an der Straße von Hormus keine amerikanische Strategie.
Vielmehr entfaltet sich gerade dort die Agenda amerikanischer (fossiler) Energiedominanz weiter. Sie beschert den US-Energieunternehmen neue Aufträge in Asien, weil dort die Lieferungen aus der Golf-Region ausbleiben.
Energiedominanz-Abteilung im Weißen Haus
Gleich nach Beginn seiner zweiten Amtszeit hatte Donald Trump in frappierender Offenheit einen Energy Dominance Council im Weißen Haus eingerichtet. Noch konsequenter als sein Vorgänger nutzt Donald Trump die Möglichkeit, die Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und das damit verbundene Ende der europäisch-russischen Energiepartnerschaft bieten.
In kurzer Zeit kam es zu einer Vervierfachung der amerikanischen LNG-Exporte nach Europa, die heute bereits 57 Prozent der EU-LNG-Importe (Tendenz steigend) decken. Bis 2030 könnten 40 Prozent der gesamten Gas-Einfuhr der EU aus den USA stammen, gegenüber 27 Prozent im Jahr 2025 und 8 Prozent zu Beginn des Jahrzehnts.
Der Turnberry-Deal vom Juli 2025, den Donald Trump und Ursula von der Leyen auf Trumps Golfplatz in Schottland besiegelten, folgt ebenfalls dem Ziel, eine langfristige US-Energiedominanz in Europa zu errichten: US-Energieimporte für 750 Milliarden Dollar (Öl, Gas, Nuklear) sollen bis 2028 nach Europa fließen.
Was für die Europäer eine politische Absichtserklärung ist, sehen die USA als harte Rechtsverbindlichkeit an. Wer die großen LNG-Unternehmen an der US-Ostküste besucht, ist frappiert von der Entschlossenheit, mit der dort die Exportkapazitäten ausgebaut werden. Bis 2030 sollen sie ein Drittel des weltweiten Angebots decken. In den Firmenzentralen in Texas oder Louisiana plant man Europa als langfristigen LNG-Markt ein, keineswegs nur bis 2045…
Der Iran-Krieg und die US-Energieexporte nach Asien
Im April, gleich nach dem Beginn des Iran-Krieges, verdreifachte sich die Zahl leerer LNG-Supertanker in Richtung USA auf 65. Nachdem Ras Laffan, Katars weltgrößte LNG-Anlage, im März 2026 vom Iran angegriffen wurde, wurden reihenweise LNG-Tanker mit Lieferungen für Europa nach Asien umgeleitet. US-Exportfirmen wie Cheniere oder Venture Global konnten sich vor Anfragen kaum retten. Südkorea, mit nur geringen Gasreserven, verpflichtete sich zu neuen Langfristverträgen.
Zwischen April und Mai verfestigte sich diese Entwicklung: Trotz Wartungsarbeiten an einigen US-Exportterminals stiegen die LNG-Ausfuhren nach Asien um 36 Prozent. Elf für Europa bestimmte LNG-Cargos wurden im vergangenen Monat nach Asien umgeleitet, weil dort der Bedarf durch die Ausfälle der Golf-Lieferungen besonders groß war und deshalb den Exporteuren höhere Gewinne in Asien ermöglichen.
Für Japan, Singapur, Indonesien und sogar für China – das nach über einem Jahr Unterbrechung im Juni 2026 erstmals wieder US-LNG-Lieferungen erwartet – gewinnen Partnerschaften mit amerikanischen Exporteuren jedenfalls zunehmend an Bedeutung. Es könnte sogar sein, dass es im Laufe des Jahres zu einer regelrechten Schlacht zwischen Asien und Europa um amerikanisches LNG kommt.
Auch nach einem Friedensabkommen dürften die Lieferungen aus der Golfregion in der Welt nie wieder als so sicher gelten wie zuvor. Importeure bevorzugen Langfristverträge mit Lieferanten, die auch in Zeiten geopolitischer Krisen Verlässlichkeit versprechen – notfalls durch die Bereitschaft, militärische Macht zur Sicherung von Exportrouten einzusetzen. Die Marktanteile dürften sich langfristig zugunsten der USA verschieben.
Der Entdollarisierung entgegenwirken
Diese Entwicklung ist auch deshalb für die USA wichtig, weil von China aus seit Jahren versucht wird, den globalen Öl- und Gashandel zu „entdollarisieren“. Seit 2018 gibt es Rohöl-Futures in Yuan – ein Petroyuan wird systematisch aufgebaut. Beim Gipfel Chinas mit den Golfstaaten 2022 in Riad forderte Präsident Xi-Jinping offen, Öl- und Gasgeschäfte zwischen China und den Golfstaaten künftig in Yuan abzuwickeln.
Auch der Energiehandel zwischen Russland und China wird vermehrt in Yuan fakturiert. Die amerikanische Attacke auf Venezuela hat hier ihren realpolitischen Grund: Die USA wollten verhindern, dass China den Ölexporteur Venezuela zur Entdollarisierung bewegt. Dadurch, dass die USA nun auch ihre energiepolitische Stellung in Asien ausbauen, dürfte die Zurückdrängung des Dollars einen weiteren Rückschlag erleiden.
Die Schwächung der Opec
Schließlich spielt es den USA in die Hände, dass mitten im Iran-Krieg die Vereinigten Arabischen Emirate nach fast 60 Jahren die Opec verließen und sich von einer Produktionsobergrenze von 3,2 Millionen Barrel täglich befreiten, was weit unter der VAE-Kapazität von 4,8 Millionen Barrel liegt. Eine geschwächte Opec und ein proamerikanischer Golfproduzent, mit dem man auch auf anderen strategischen Feldern (z.B. KI) eng zusammenarbeitet: Das fügt sich nahtlos in die Logik der Energiedominanz.
Laufende Verhandlungen der Emirate mit den USA über eine currency swap line (einen gegenseitigen Kreditrahmen, der beide Währungen absichert und die Emirate damit in das amerikanische Finanzsystem einbindet) unterstreichen, wo die strategischen Loyalitäten liegen.
Herausforderung für Trump: China als Cleantech-Hegemon
Die größte Herausforderung für Trumps Energiedominanz-Agenda stellt der Cleantech-Hegemonie-Anspruch Chinas dar. Deng Xiaoping hatte 1992 die Grundlage dafür gelegt – mit seinem berühmten Satz: „Der Nahe Osten hat Öl, China hat Seltene Erden.“
Nicht nur die allermeisten Seltenen Erden (bei manchen beträgt das Monopol 97 Prozent) und andere kritische Rohstoffe, sondern 80 Prozent aller Solarmodule und Batteriezellen, 70 Prozent der Solarwechselrichter und 90 Prozent der Permanentmagneten (notwendig für Windturbinen) kommen aus dem Reich der Mitte.
Der Iran-Krieg dient dabei als Beschleuniger: Im März 2026 verdoppelten sich die chinesischen Solartechnik-Exporte auf 68 Gigawatt, Batterieexporte stiegen um 44 Prozent und Elektro- und Hybridfahrzeuge machten erstmals 53 Prozent der chinesischen Exporte aus, ein Anstieg von mehr als 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Um es klar zu sagen: Wir sind bei Klimatechnik mindestens so abhängig von China wie früher bei Gas von Russland. Und Beijing hat bereits mehrfach durch Exportbeschränkungen gezeigt, dass es Rohstoffe als politische Waffe einsetzt, wenn es in seinem Interesse liegt.
Wir sind viel abhängiger, als wir wahrhaben wollen
Es scheint vor dem Hintergrund der chinesischen Hegemonie und ihrem globalen Machtanspruch zu eindimensional gedacht, dass wir mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, mit Batterien, Wärmepumpen und Elektroautos unsere Versorgung sichern.
Wir müssen endlich die macht- und energiepolitische Dimension von Energie- und Klimapolitik in den Blick nehmen. Wir müssen alle Möglichkeiten zur Diversifizierung im Sinne von Winston Churchill nutzen: variety, and variety alone.
Das bedeutet für Europa möglichst viele Rohstoff- und Energiepartnerschaften in aller Welt sowie einen breiten Energiemix aus Erneuerbaren, Gas, Wasserstoff in allen Farben, Biomethan, klimaneutralen Kraftstoffen, CCUS, Geothermie – und eben auch moderner Kernenergie (Small Modular Reactors) und Kernfusion. Das ganze europäische Potenzial an technologischer Innovation sollte gegen den Klimawandel und für Wettbewerbsfähigkeit entfesselt werden.
Dr. Friedbert Pflüger, Parl. Staatsekretär a.D. (CDU) ist Aufsichtsratsvorsitzender des Verbands Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Er ist Managing Partner der Strategieberatung Pflüger International und des Clean Energy Forums sowie Senior Fellow des Atlantic Council. Mit seinem Unternehmen hat er bei Energieprojekten mitgewirkt und Unternehmen aus Deutschland und dem Ausland beraten, darunter Trans Adriatic Pipeline und Nord Stream 2.
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