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Energie & Klima

Standpunkt

Energiesparen muss vom alten Hut zum neuen Dresscode werden

Tanja Loitz, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Klimaschutzberatung co2online
Tanja Loitz, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Klimaschutzberatung co2online

Eine passgenaue, bürgernahe Beratungsoffensive zum Energiesparen fordern Tanja Loitz und Sebastian Metzger von co2online. Diese könnte kurzfristig Einsparpotenziale mobilisieren und erste Erfolge schon in der nächsten Heizperiode zeigen.

von Tanja Loitz

veröffentlicht am 09.03.2022

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Die akute Energiekrise und die Abhängigkeit von russischen Gasimporten setzt Deutschland unter Druck. Politische Ziele in der Energiepolitik sind jetzt wichtig. Sie müssen Hand in Hand gehen mit einer schnellen Aktivierung der Verbraucher und Verbraucherinnen, damit erste Effizienzpotenziale noch bis zur nächsten Heizsaison gehoben werden können. Nicht mit einer Imagekampagne wie 2016 unter dem Titel „Deutschlandmacht’s effizient“, sondern mit einer medialen Aktivierungskampagne und mit einer Beratungsoffensive, die Wirkung zeigt und vor Ort verstärkt wird.

Machen wir uns nichts vor – Energiesparen ist ein alter Hut. Mal geht es um Klimaschutz. Dann wieder um steigende Preise oder, wie jetzt, um einen drohenden Versorgungsengpass und die Erpressbarkeit Deutschlands. In der öffentlichen Wahrnehmung wechseln sich diese Motive ab. Gelten tun sie alle. Wir verbrauchen deutlich zu viel Energie, vor allem fossile, mit massiven Konsequenzen.

Viele schätzen ihren persönlichen Energieverbrauch und die Einsparpotenziale falsch ein – nämlich zu niedrig. Das zeigt sich in unserer co2online Klimaschutzberatung täglich. Das ist ein Problem. Und es ist eine Chance: Energiesparen muss vom alten Hut zum neuen Dresscode werden.

Gebraucht wird dafür eine Energiesparkampagne, die es schafft, kurzfristig Einsparpotenziale zu mobilisieren. Es muss schnell gehen und es könnte diesmal schnell gehen: Wir erleben ein Momentum größter gesellschaftlicher Solidarität mit der Ukraine. Gleichzeitig hat unsere Gesellschaft in der Pandemie bewiesen, dass sie gemeinsam Risiken eindämmen kann. Jetzt gilt es dieses Momentum zu nutzen, alle gesellschaftlichen Gruppen für das Energiesparen zu aktivieren, sie zu beraten und zum Handeln aufzurufen. Hier lohnt der Blick nach Japan: Die Reaktorkatastrophe in Fukushima löste eine bis dahin beispielslose Energiespar-Aktivierung aus.

Die Botschaft: Jede und jeder ist wichtig

Wir müssen den Blick deswegen auf eine integrierte Aktivierungskampagne lenken. Unsere Vorschläge dazu:

Bundesweit werden Bürger und Bürgerinnen in einer emotionalen Medienkampagne zum Energiesparen aufgerufen. Die Bedeutung eines jeden Einzelnen ist die Botschaft. Ja, es bringt was, das eigene Verhalten schnell zu ändern. Ja, eine Beratung  bringt dich sofort weiter. Teste es, werde aktiv, handele, sprich drüber – es ist eine appellierende Call to Actio -Kampagne.

Sie ist digital und individuell. Egal in welcher Lebenssituation ich mich befinde, ich finde online passgenaue Energiesparmöglichkeiten und Beratungsangebote. Die digitale Beratungsoffensive schafft es unter anderem mit einer bundesweiten kostenlosen Heizkostenberatung, geringinvestive Maßnahmen anzustoßen und Handlungsschritte für umfangreichere Sanierungen einzuleiten. Eine „Do it yourself“-Offensive, z.B. mit Baumärkten und begleitenden Youtube-Tutorials, baut Hemmnisse ab, Maßnahmen wirklich umzusetzen. Parallel gibt es eine dialogbasierte Begleitung: E-Mails erinnern an meine Vorhaben, zeigen Beispiel auf, nennen Ansprechpartnerinnen.

Aus Ich wird Wir

Sie nutzt bestehende Infrastruktur und ist systemisch. co2online hat über die Jahre ein Netzwerk von 900 Partnern aufgebaut. In den Kommunen, in den Handwerksbetrieben, im Mieterverein. Dadurch können Angebote vor Ort mit digitalen Beratungsimpulsen verzahnt und die Beratung vor Ort gestärkt werden: Die Verbraucherzentrale soll bei einer Erstberatung im Haus helfen? Kein Problem. Die Familie braucht einen Experten für Solarthermie vor Ort? Hier sind Adressen.

Parallel werden zielgruppenspezifische Angebote für Unternehmen intensiviert und die Beratung vor Ort – von Energieagenturen bis hin zu Klimaschutzmanagern – ausgebaut.  Denn auch hier gilt: Effizienzpotenziale im Bereich der Optimierung sind riesig. Schon jetzt gehen Energiescouts beispielsweise in den Einzelhandel und informieren über Low-hanging Fruit. Und wieder: Es geht um Maßnahmen, die nicht viel kosten oder gar nichts, kombiniert mit Schritten für umfangreichere Sanierungsmaßnahmen.

Sie nutzt gesellschaftliche Kraft und das Momentum, jetzt etwas tun zu wollen. Aus Ich wird Wir. Das starke gesellschaftliche Engagement wird via Social Media sichtbar und motiviert andere, es ihnen gleichzutun. Reichweitenstarke Personen des öffentlichen Lebens rufen mit klaren Statements ihre jeweiligen Zielgruppen zum Mitmachen auf und teilen ihre Energiesparvorsetze und Erfolge. In der Klimaschutz-Kommunikation spricht man von der Bedeutung des Handabdrucks.

Große Nachfrage, keine Handwerker?

Und das alles bei einem akuten und stetig wachsenden Fachkräftemangel? Schon jetzt klagt die Branche über fehlende Kapazitäten. Aber: Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Besondere Zeiten erfordern radikale Entscheidungen und Tempo. Hätten wir uns vorstellen können, dass Apotheken impfen? Warum nicht ebenso rasch, neue Beratungsangebote kreieren?

Dafür haben wir drei Hebel in der Hand:

  1. Digitalisierung. Die Beratungsprozesse müssen konsequent schlanker werden. Angebote müssen schneller erstellt, Daten schneller erfasst, Berechnungen schneller durchgeführt werden. Sanierungen können seriell im großen Maßstab durchgeführt werden.
  2. Mobilisierung niederschwelliger Beratung. Es spricht nicht mehr die Fachkraft übers Energiesparen, sondern etwa geschulte Studierende, die niederschwellig Beratungen anbieten. Wie lüftet man am besten? Wann lohnt sich ein neuer Kühlschrank? Es geht um Verhalten und kleine Maßnahmen – für den Sparduschkopf braucht es keine Expertise. Gleichzeitig kann, wo es passt, für umfangreichere Energieberatung geworben, können Hemmnisse abgebaut werden. Vorbild liefert das Caritas-Projekt Stromsparcheck. Stromsparhelfer – ehemalige Arbeitslose – beraten einkommensschwache Haushalte.
  3. Die Bundesregierung und Gewerke bekennen sich zu einer gemeinsamen Fachkräfteoffensive. Welche Berufe und Kapazitäten braucht es in zehn Jahren, damit wir Klimaschutzziele und Energieunabhängigkeit erreichen? Vom Ziel gedacht, werden neue Berufsbilder vom freiwilligen ökologischen Jahr bis hin zum Optimierungsmanager geschaffen und in der Ausbildungslandschaft verankert.

Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieffizienz hat in ihrem historischen Energiesparpaket einen umfangreichen Instrumententmix empfohlen. Der könnte gut wirken: Berechnungen von co2online zeigen, dass der Gasverbrauch in Deutschland um rund 75 Prozent sinken würde, wenn jedes zweite Gebäude energetisch optimiert wird. So ließen sich jedes Jahr Heizkosten von etwa 14 Milliarden Euro einsparen. 2021 wurden so viel Gasheizungen installiert wie seit 25 Jahren nicht mehr. Da geht noch was.

Tanja Loitz ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Klimaschutzberatung co2online und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz. Sebastian Metzger ist Mitglied der Geschäftsleitung von co2online. Ihr Team verantwortet bundesweite und regionale Energiesparkampagnen für private Haushalte, die seit 20 Jahren messbar zur CO2-Minderung beitragen.

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