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Energie & Klima

Standpunkt

Lasst uns Energie sparen!

Jan Minx, Arbeitsgruppenleiter für Angewandte Nachhaltigkeitsforschung, MCC
Jan Minx, Arbeitsgruppenleiter für Angewandte Nachhaltigkeitsforschung, MCC Foto: MCC/privat

Kluge und kurzfristig umsetzbare Maßnahmen können die Energiesouveränität Deutschlands in der Ukrainekrise fördern und finanzielle Härten abfedern, meinen Jan Minx und Tarun Khanna vom Klimaforschungsinstitut MCC. Information, Abrechnung und Rabatte seien dafür entscheidend. Die Bundesregierung müsse schnell Maßnahmenpakete schnüren.

von Jan Minx

veröffentlicht am 21.03.2022

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Deutschland befindet sich mitten in einer Energiekrise. Die Abhängigkeit Deutschlands und Europas von russischer Energie – insbesondere Gas – macht die Bevölkerung verwundbar. Die Preise für Wärme und Strom haben trotz anhaltender Gasimporte aus Russland historische Höchststände erreicht. Je nach Preisszenario können sich die Mehrkosten für einen durchschnittlichen Privathaushalt auf 800 bis 2500 Euro pro Jahr belaufen. Wirkungsvolle Maßnahmen für den Weg aus der Energiekrise müssen Haushalte zum Energiesparen befähigen und damit auch wichtiges Geld auf jeder einzelnen Energierechnung einsparen.

Energieeffizienzmaßnahmen wie Gebäudeisolierung, Installation von Wärmepumpen, Verbot der Verwendung von Gas in Neubauten sind entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel und zum Erreichen von Energiesouveränität. Zur kurzfristigen Eindämmung der Energiekrise im nächsten Winter, wenn die Preise weiterhin hoch sein werden und russische Lieferungen möglicherweise nicht zur Verfügung stehen, sind sie jedoch ein stumpfes Schwert.

Jahrzehnte wissenschaftlicher Forschung, die im Kopernikus-Projekt Ariadne jetzt analysiert wurden, belegen die Existenz einer Reihe effektiver und kostengünstiger Maßnahmen, die Anreize für Haushalte schaffen, ihren Energieverbrauch freiwillig zu senken. Diese wirken kurzfristig. Wenn es beispielsweise gelingt, die Raumtemperatur nur um durchschnittlich ein Grad Celsius abzusenken, wie die Internationale Energieagentur vorschlägt, könnten in Europa zehn Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr eingespart werden – ungefähr sieben Prozent des importierten Gases aus Russland.

Anreize sind entscheidend für maximale Wirkung

Wir benötigen jetzt gut geplante Masseninformationskampagnen. Die Menschen müssen wissen, warum sie ihren Verbrauch reduzieren sollten und wie sie das tun können. Denn was Menschen nicht wissen und verstehen, das interessiert sie auch nicht – ein Phänomen das in der Psychologie „kognitive Verzerrung“ genannt wird.

Solche Informationskampagnen müssen unbedingt durch weitere konkrete Anreize zum Energiesparen flankiert werden. Energieabrechnungen bieten hier einen wichtigen Ansatzpunkt. Denn wir wissen, dass Haushalte dazu neigen, Energie zu sparen, wenn sie häufiger über ihren Verbrauch informiert werden – wöchentlich, monatlich, vierteljährlich.

Die Wirkung wird verstärkt, wenn den Rechnungen Informationen beigefügt werden, wie der Verbrauch im Vergleich zur Nachbarschaft ist. Auch der Zeitpunkt ist wichtig. Wenn die Haushalte die Jahresabrechnungen unmittelbar vor dem Winter erhalten, verbrauchen sie weniger Gas zum Heizen.

Das deutsche Abrechnungssystem mit seinen jährlichen Zyklen ist dysfunktional und muss schnellstmöglich umgestellt werden, um energiesparendes Verhalten zu fördern. Eine Umstellung von jährlicher auf monatliche Abrechnung ist seit 2022 für fernauslesbare Messgeräte Pflicht. Die Informationen müssen für alle Mieter so aufbereitet werden, dass sie zum Energiesparen anregen.

Der verpflichtende Einbau von fernauslesbaren Messgeräten sollte beschleunigt und die Übergangsfristen verkürzt werden, sodass mehr Mieter:innen eine monatliche Abrechnung ermöglicht würde. Wo es diese Möglichkeiten kurzfristig nicht gibt, sollten Haushalte regelmäßig über den Energieverbrauch zumindest informiert und Abrechnungszyklen optimiert werden.

Verbraucher auf Preise reagieren lassen

Am besten wirken weiterhin finanzielle Anreize. Kurzfristig könnte den Haushalten Rabatte angeboten werden, wenn sie ihren Energieverbrauch im Vergleich zum Vorjahr senken. Solche Programme wurden in anderen Ländern wie Kolumbien oder Japan bereits erfolgreich zur Krisenbewältigung eingesetzt und können auch sozial gerecht ausgestaltet werden. Diese Art von Subventionen – im Gegensatz zu diskutierten Tankrabatten oder einem Preisdeckel für fossile Energieträger – würde nicht nur Haushalte entlasten, sondern gleichzeitig Anreize zum Energiesparen setzen.

Die Installation von intelligenten Stromzählern in Deutschland könnte Wirkung und Kosteneffizienz vieler oben beschriebener Maßnahmen perspektivisch weiter verbessern. Deren umfassende Einführung muss nun endlich rasch umgesetzt werden.

Die Haushalte würden dann auch je nach Tageszeit mehr oder weniger für den Strom bezahlen. Dies fördert häufig das Stromsparen – reduziert aber vor allem auch die Nutzung von Gas in der Stromproduktion deutlich, weil der Spitzenstrombedarf der Haushalte in der Regel durch Gaskraftwerke gedeckt wird.

Die Menschen sind motiviert – lasst sie mitmachen!

Alle oben genannten Strategien – Information, Abrechnung, Rabatte – funktionieren am besten, wenn sie in Maßnahmenbündeln kombiniert werden und die Menschen zum Energiesparen motiviert sind. An dieser Motivation mangelt es nicht.

Viele Menschen wollen einen Beitrag im Rahmen des Ukrainekriegs leisten. Kürzlich folgten viele einem Aufruf in Whatsapp-Gruppen, die Lichter auszuschalten, um die Ukraine zu unterstützen. Die Regierung muss das Momentum für eine gezielte Förderung von Energiesparmaßnahmen nutzen, die auf dem zu mehr Energiesouveränität helfen.

Jan Minx leitet die Arbeitsgruppe Angewandte Nachhaltigkeitsforschung am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und ist Professor für Klimawandel und öffentliche Politik am Priestley International Centre for Climate der Universität Leeds. Derzeit ist er ein koordinierender Leitautor des Sechsten IPCC-Sachstandsberichts.

Tarun Khanna ist Forscher in der MCC-Arbeitsgruppe Angewandte Nachhaltigkeitsforschung (APSIS). In seiner Doktorarbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Energienachfrage beim Übergang zu einem kohlenstoffarmen Energiesystem.

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