Standpunkt Warum wir die Doppelte Klimabuchführung brauchen

Die tatsächliche Klimabilanz einbeziehen statt nur die direkten Emissionen: Klaus Mindrup, SPD-Abgeordneter im Bundestagsumwelt- und Bauausschuss plädiert gemeinsam mit der SPD-Kommunalpolitikerin Polina Gordienko für die „doppelte Klimabuchführung“. So würden zahlreiche Entscheidungen auf einer besseren Basis getroffen, von der Bauwirtschaft bis zur Mobilität und Industrie.

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Wir sind der Überzeugung, dass Klimaschutz nur gelingen kann, wenn man ganzheitlich und aus verschiedenen Perspektiven denkt.

Die Klimaschutzpolitik – national wie international – ist geprägt vom Quellprinzip, was bedeutet, dass die Treibhausgasemissionen jeweils dem Sektor zugeordnet werden, in dem sie physisch in die Atmosphäre entweichen. Dieses System hat allerdings große Schwächen und muss mit dem Verursacherprinzip und klaren Kriterien zum Schutz der biologischen Vielfalt und der Kreislaufwirtschaft verbunden werden.

Verursacher bei Klimaberichterstattung einbeziehen

Ähnlich wie in der Betriebswirtschaft nur die doppelte Buchführung zu guten Ergebnissen führt, sollte man auch in der Klimapolitik eine Berichterstattung aus unterschiedlichen Perspektiven implementieren. Dies möchten wir an folgenden Beispielen erläutern.

Wenn man nur das Quellprinzip isoliert anwendet, scheint beispielsweise im Gebäudesektor die Schwerpunktsetzung auf die Gebäudedämmung die wichtigste Maßnahme zu sein. Wenn man aber das Verursacherprinzip anwendet, dann wird klar, dass auch der „ökologische Rucksack“ der Baumaterialien betrachtet werden muss und dass ab einer bestimmten Dämmstärke – je nach Material – die Klimabilanz der Dämmung über die Lebenszeit sogar negativ wird. Weiterhin sollte man analysieren, ob die eingesetzten Materialien die biologische Vielfalt bedrohen oder gegen Prinzipien der Kreislaufwirtschaft verstoßen.

Auch im Stromsektor führt das Quellprinzip allein angewandt zu falschen Schlussfolgerungen. So wurden die Kraftwerke in Deutschland, die in den letzten Jahren viel Strom in unsere Nachbarstaaten exportiert haben, nur bei uns in Deutschland bilanziert und haben damit die Klimabilanz unserer Nachbarstaaten verbessert. Das ist auch eine Folge der Anwendung des Territorialprinzips, welches im Falle von Deutschland impliziert, dass Emissionen außerhalb der Bundesrepublik in der Treibhausgasbilanz nicht berücksichtigt werden. Die angeblich „emissionsfreie Atomenergie“ schneidet deswegen so gut ab, weil die Frage der Gewinnung des nuklearen Brennstoffes genauso wenig Berücksichtigung wie die ungeklärte Endlagerfrage findet.

Auch die Bewertung der Wasserstoff-Mobilität im Vergleich zur Elektromobilität ist nicht objektiv, wenn man nur das Quellprinzip anwendet. Die Herstellung der Batterien geht in diese Berechnung nicht ein. Selbstverständlich fällt die Verursacherbilanz der batterie-elektrischen Fahrzeuge mit höherem Gewicht der Fahrzeuge und der klimaunfreundlichen Art der Erstellung der Batterien immer schlechter aus. Dabei handelt es sich sowohl bei rein batterie-elektrischen Fahrzeugen wie auch bei Brennstoffzellen-Fahrzeugen um Fahrzeuge mit hoch effizienten Elektroantrieben und der Möglichkeit der Rekuperation beim Bremsen.

Effizienz ganzheitlich beurteilen

Auch bei der Bewertung des Einsatzes von Wasserstoff im Gebäudebereich kann die alleinige Anwendung des Quellprinzips zu falschen Schlussfolgerungen führen. Selbstverständlich sind Wärmepumpen isoliert betrachtet effizienter als Brennstoffzellen-Heizungen. Diese Betrachtung ist aber nicht dynamisch, denn was passiert, wenn die „Quelle“ der Erneuerbaren in einer „Dunkelflaute“ nicht verfügbar ist? Deswegen sagen alle Simulationen, dass wir in einer Welt der volatilen Energien ein System aus erneuerbarer Erzeugung, Speichern, Wandlern (Wasserstoff) und einem System von Strom-, Gas- und Wärmenetzen brauchen, die aufeinander abgestimmt sind. Dieses System ist komplexer, aber es hat den Vorteil, dass es funktioniert - sowohl von der Wirtschaftlichkeit, als auch vom Klimaschutz.

Eine Betrachtung der Effizienz muss also immer ganzheitlich, nach dem Verursacherprinzip und über die Sektoren hinaus erfolgen. Ein reines Silodenken führt zu falschen Analysen und in der Folge zu falschen Maßnahmeempfehlungen.

Chemie- und Grundstoffindustrie erhalten und Transformation unterstützen

Das Quellprinzip begünstigt zudem die Deindustrialisierung in Deutschland und der EU. Eine weit verbreitete These ist, man könne industrielle Grundstoffe und Wasserstoff importieren, wie wir heute bereits viele Waren unter anderem aus China importieren. Die eigene Klimabilanz würde so deutlich verbessert, da der ökologische Rucksack der Importe, wie beschrieben, bei uns nicht berücksichtigt wird. Dies ist nichts weniger als eine moderne Form des Ablasshandels, der vor 500 Jahren zur Reformation in Deutschland geführt hat, denn damit wird die Klimakrise nicht gelöst, sondern sogar verstärkt.

Selbst wenn die letzte Fabrik in Deutschland geschlossen wäre, hätte das Weltklima nichts davon, denn wir haben es mit einer Atmosphäre zu tun. Besser ist es, gemeinsam mit der Industrie und den Gewerkschaften an der Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft in der EU und Deutschlands konkret zu arbeiten und so das Klima zu schützen und Arbeitsplätze zu erhalten und neu zu schaffen. Der andere Weg würde dagegen zum Verlust von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen führen und wahrscheinlich auch zu deutlich klimabelastenden Produktionsmethoden außerhalb der EU. Damit würden die EU und Deutschland ihre Vorbildrolle in der Welt gefährden.

Sektorenübergreifendes Handeln stärken

Deswegen ist es sinnvoll, zukünftig eine doppelte Klimaberichterstattung zu implementieren, einmal nach dem Quellprinzip und einmal nach dem Verursacherprinzip. Dies wäre dann auch eine gute Basis für die Beurteilung von geplanten Klimaschutzmaßnahmen. Denn klar ist, dass wir für alle Sektoren und ihren handelnden Akteuren schnell Planungs- und Investitionssicherheit benötigen, um die Transformation hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft und Wirtschaft schnell und effizient voranzutreiben.

Weiterhin würden so Akteure gestärkt, die sektorenübergreifend handeln wollen und können, wie zum Beispiel die Wohnungswirtschaft. Sie kann Strom – oftmals in Kooperation mit Stadtwerken – dezentral und hocheffizient selbst erzeugen, kann mit Holz klimapositiv bauen und Häuser bereits heute so nach dem Prinzip der circular economy bauen, dass sie später gut recycelbar sind. In den bisherigen Berichten zum Klimaschutz tauchen diese positiven Ansätze gar nicht auf! Im Gegenteil, Unternehmen, die so handeln (wollen), sind in Deutschland massiven bürokratischen Hemmnissen ausgesetzt. Es wird Zeit, dies zu ändern. Die doppelte Klimabuchführung könnte dafür eine wichtige Basis sein. 

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