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Energie & Klima

Standpunkt

Wir schlagen eine Methan-Abgabe vor

Constantin Zerger, Deutsche Umwelthilfe
Constantin Zerger, Deutsche Umwelthilfe Foto: Deutsche Umwelthilfe

Das Thema Methan-Emissionen wurde bislang unterschätzt, kleingeredet, abmoderiert, kritisiert Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe. Zwar hätten die EU und Deutschland Besserung versprochen. Doch statt nur die Datenlage zu verbessern sollte der Gesetzgeber dringend regulatorische Maßnahmen zur Senkung der Emissionen ergreifen.

von Constantin Zerger

veröffentlicht am 09.02.2021

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Die Erdgaswirtschaft ist gezwungen, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Die wahre Klimabilanz ihres Energieträgers ist vermutlich weitaus höher als gedacht. Verantwortlich dafür sind die direkten Emissionen von Methan bei Förderung, Verarbeitung und Transport des Erdgases. Methan ist sein Hauptbestandteil und ein ungleich potenteres Treibhausgas als CO2.

Die gute Nachricht: Das Thema ist auf der politischen Agenda angekommen. Die EU-Kommission hat im vergangenen Jahr ihre Methan-Strategie veröffentlicht, in der sie Gesetzesinitiativen auch für die Erdgasbranche ankündigt. Und auch in der deutschen Politik rückt das Thema auf: Am heutigen Dienstag findet im Bundeswirtschaftsministerium erstmals ein Workshop statt, in dem das Haus von Peter Altmaier mit der Branche und Stakeholdern den Austausch in offizieller Runde sucht.

Die Botschaft an die Branche ist unmissverständlich: Europäische Gesetzesinitiativen stehen an. Es ist Zeit zu handeln, die Methanemissionen müssen jetzt deutlich reduziert werden.

Vorausgegangen sind Jahre, in denen die Erdgaswirtschaft versucht hat, das Thema abzumoderieren und kleinzureden. Noch im Jahr 2019 hatte die Branche das Thema in einem gemeinsamen Bericht zu Reduktionsmaßnahmen mit einer Herde grasender Kühe bebildert. Die wenige subtile Aussage: Das Problem liegt nicht bei uns, sondern bei der Landwirtschaft.

Zwar ist es richtig, dass die Landwirtschaft die wichtigste anthropogene Quelle für Methan-Emissionen ist und auch hier müssen die Emissionen reduziert werden. Aber die Erdgasförderung folgt auf Platz zwei und die Branche muss endlich anfangen, tätig zu werden. Denn in diesem Sektor sind die Einsparpotenziale besonders hoch: Laut Internationaler Energieagentur (IEA) kann die Hälfte der Methan-Emissionen schon heute mit vorhandener Technik ohne große Kosten reduziert werden.

Viel hat sich getan in den letzten Jahren. Der Einsatz neuer Messmethoden und die Verfügbarkeit von Satelliten-Daten haben die wissenschaftliche Basis über die Methan-Emissionen der Erdgaswirtschaft grunderneuert. So kommt etwa die IEA zu dem Schluss, dass die Methan-Emissionen der Öl- und Erdgaswirtschaft um bis zu 80 Prozent unterschätzt werden. In den USA hat die Environmental Protection Agency die Methan-Emissionen der Erdgasbranche im nationalen Inventar um 60 Prozent angehoben.

Treffend zusammengefasst hat den Stand der Wissenschaft im vergangenen Jahr die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), eine nachgeordnete Behörde des BMWi. Die Schlussfolgerung in einer Meta-Studie zur Klimabilanz von Erdgas: Zwar behalte Erdgas seinen Klimavorteil gegenüber Kohle bei, „dennoch stellen Methanemissionen in der Erdgasvorkette einen relevanten Faktor bei der Klimaerwärmung dar, insbesondere wenn der Trend zu einer verstärkten Nutzung von Erdgas anhält. Eine Reduktion dieser Emissionen im Erdgassektor durch regulatorische und technische Maßnahmen kann relativ schnell einen Beitrag zu einer verminderten Klimawirkung leisten.“

Maßnahmen anreizen oder erzwingen

Dieses Fazit muss nun der Politik und auch den betroffenen Unternehmen den Pfad vorgeben. In den Mittelpunkt des gesetzgeberischen Handelns muss die Reduktion der Emissionen gestellt werden. Technische Maßnahmen sind dafür verfügbar, diese müssen regulatorisch angereizt oder auch erzwungen werden.

Die EU und das Bundeswirtschaftsministerium müssen handeln und dürfen es nicht dabei belassen, nur die Datenbasis zu verbessern. Das wäre ganz im Sinne der Gasbranche. Es braucht schon heute konkrete Gesetzesvorhaben, die Unternehmen dazu bringt, Emissionen einzusparen. Solch konkrete Vorhaben sucht man bisher aber vergeblich. Auch in der Methan-Strategie der EU werden vor allem die Lücken in den Daten betont und Maßnahmen zur Verbesserung der wissenschaftlichen Basis angekündigt. Das ist zu wenig, um schnelle Fortschritte bei der Reduktion der Methan-Emissionen zu erreichen. Die Ergebnisse einer aktuellen Konsultation der EU stehen derweil noch aus.

Wichtig ist auch: Nicht nur die innereuropäischen Methan-Emissionen müssen bei Gesetzesvorhaben betrachtet werden, denn wesentlich sind die Emissionen von Erdgasimporten aus Drittländern. Auf Grund der großen Importmengen sind die Methan-Emissionen aus Drittländern drei bis acht Mal so hoch wie die innereuropäischen Emissionen.

Für die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sind zwei Dinge entscheidend: Erstens brauchen wir so schnell wie möglich eine Gesetzgebung, die für konkrete Reduktionen sorgt. Zweitens müssen diese auch die Gaslieferungen aus Drittländern einbeziehen. Beides ist leicht zu erreichen:

Die DUH schlägt vor, auf Methan-Emissionen eine Abgabe zu erheben. Diese Abgabe muss auf konservativen Schätzwerten zur Methan-Intensität beruhen. Werden diese Schätzwerte durch unabhängige und überprüfbare Messungen nachweislich unterschritten, kann die Abgabe entsprechend geringer ausfallen. Diese Methan-Abgabe muss auch für den Import aus Nicht-EU-Staaten gelten. Zusätzlich sollte ein Schwellenwert eingeführt werden, bei dessen Überschreitung der Import des Erdgases untersagt wird. Dieser Schwellenwert sollte jährlich abgesenkt werden, um eine zusätzliche ordnungsrechtliche Reduktion aller Methan-Emissionen abzusichern.

Daten-Mangel ist kein Gegenargument

Mangelnde oder unzureichende Daten sind bei diesem Vorschlag kein valides Gegenargument. Mit dem Vorschlag werden zudem die Vorreiter unter den Unternehmen belohnt, die bereits Transparenz geschaffen haben. Auch würde sich die Datenbasis kontinuierlich verbessern und gleichzeitig schon ein klimapolitisch gebotener Anreiz zur Umsetzung von Reduktionsmaßnahmen bestehen. Zwei Fliegen werden mit einer Klappe geschlagen.

Wesentlich für die Umsetzung der Klimaziele ist eine schnelle und wirksame Reduktion der Methan-Emissionen. Nur wenn Unternehmen Reduktionsmaßnahmen umsetzen und Transparenz herstellen, sollten sie auch die Erlaubnis haben, in der EU mit Erdgas zu handeln. 

Klar muss jedoch auch sein, dass Erdgas selbst bei erfolgreicher Umsetzung aller technischen Reduktionsmaßnahmen für Methan-Emissionen ein fossiler Energieträger bleibt, der keinen Platz mehr in unserem künftigen Energiesystem hat. Eine neue fossile Infrastruktur wie Nord Stream 2 und die geplanten Flüssigerdgas-Terminals müssen deshalb gestoppt werden. Die Debatte um die Reduktion von Methan-Emissionen darf nicht dazu führen, eine andere, noch weitaus wichtigere Debatte aufzuschieben: Wie wir die Nutzung von fossilem Erdgas in Einklang mit den Klimazielen möglichst schnell beenden.

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