Kraftwerksstrategie : Acht Gigawatt neue Gaskraftwerke sind energiepolitisch falsch für Deutschland
Neue Gaskraftwerke schaffen geopolitische Abhängigkeiten, widersprechen den Klimazielen und sind mittelfristig teurer als die Alternativen, warnt Moritz Leiner von Urgewald. Die Bundesregierung müsse endlich den Mut aufbringen, das fossile Kapitel konsequent zu schließen und ein erneuerbares, flexibles und sicheres Energiesystem aufzubauen.
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Die Einigung der Koalition auf die Ausschreibung von acht Gigawatt neuer Gaskraftwerkskapazität im Jahr 2026 wirkt auf den ersten Blick aus Klimasicht wie ein guter Kompromiss: weniger als ursprünglich geplant, Wasserstoff-ready und immerhin zwei zusätzliche Gigawatt technologieoffen. Doch bei näherer Betrachtung ist dieser Schritt ein strategischer Irrweg. Selbst acht Gigawatt neue fossile Kapazitäten sind Ausdruck von mutloser Energiepolitik – und sie gefährden, parallel zur laufenden Weltklimakonferenz in Brasilien, sowohl Deutschlands Klimaziele als auch die deutsche Sicherheits- und Industriepolitik.
Fossile Pfadabhängigkeiten – ein Fehler mit Ansage
Jedes neue Gaskraftwerk, das heute geplant wird, bindet uns langfristig an fossiles Gas – ob man es mit dem Etikett „Wasserstoff-ready“ versieht oder nicht. Denn der Bau neuer, gasbasierter Infrastruktur verlängert strukturell die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und schafft Lock-in-Effekte, die Jahrzehnte nachwirken. Genau das aber können wir uns im Angesicht der Klimakrise und der 1,5-Grad-Grenze nicht mehr leisten.
„H2-ready“ klingt nach Zukunftsfähigkeit, ist aber in der Praxis eine politische Beruhigungspille: Die Umrüstung wird teuer, technisch komplex und ist – vor allem ohne klare Umstellungsfristen - keineswegs garantiert. Die meisten Anlagen würden bis weit in die 2040er Jahre hinein fossiles Gas verbrennen und unser Energiesystem dadurch wertvolle Zeit für die Umstellung verlieren. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass Wasserstofffähigkeit lediglich beschreibt, dass solche Anlagen zu einem gewissen Teil – wir sprechen noch nicht einmal von 100 Prozent – potentiell auch Wasserstoff statt Methan verbrennen könnten. Ganz unabhängig davon, ob dieser Wasserstoff „grün“, also mit Hilfe erneuerbarer Energien, oder mit fossil-betriebenen Methoden erzeugt wurde.
Geopolitische Kurzsichtigkeit
Deutschland sollte eigentlich gelernt haben, wohin fossile Abhängigkeit führt. Die Energiekrise ab 2021 war eine direkte Folge der einseitigen Bindung an russisches Gas. Nachdem Russland infolge seiner Ukraine-Invasion die Lieferungen kappte, explodierten die Energiepreise und die Bundesregierung musste Milliarden einsetzen, um fossile Unternehmen wie Uniper vor dem Zusammenbruch zu retten.
Dieselben fossilen Konzerne haben sich nun lautstark für die rasche Subventionierung vieler Gaskraftwerke eingesetzt, mit denen sie ihre Position im Strommarkt weiter stärken können. Doch ein neues Subventionsprogramm für Gaskraftwerke – diesmal basierend auf Flüssigerdgas aus Ländern wie den USA oder Katar – ist nicht vorsorgend, sondern vergesslich. Es macht uns noch stärker abhängig von politisch fragwürdigen Lieferanten, statt die strukturelle Verwundbarkeit endlich zu beenden.
Geopolitische Resilienz entsteht nicht durch fossile Ersatzdrogen, etwa in Form langfristiger Gaslieferbeziehungen, wie sie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gerade in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar sucht – während der laufenden Weltklimakonferenz. Sie entsteht durch den konsequenten Aufbau eines erneuerbaren, dezentralen Energiesystems sowie Energieeffizienz, im Zusammenspiel mit gezielten Einsparungen. Nur so wird unser Energiesystem unabhängig und die Bundesrepublik energiepolitisch souverän.
Ökonomisch fragwürdig – und langfristig teurer
Jetzt viele neue Gaskraftwerke zu bauen ist nicht nur ein klima- und geopolitisches Armutszeugnis, sondern auch wirtschaftlich irrational: Sie kosten Milliarden. Zudem dauert ihre Ausschreibung und Errichtung fünf Jahre oder länger. Die Kosten- und Zeitrisiken sind durch die Knappheit im Gasturbinenmarkt zuletzt nochmals gestiegen. Und ihre spätere Dekarbonisierung ist weder effizient noch kostengünstig – und damit ungewiss.
Der technische Mythos CCS, also die Abscheidung und Deponierung von Kohlendioxid, im Zusammenspiel mit Gaskraftwerken ist extrem teuer, energetisch ineffizient und setzt Anreize für das fossile Weiter-So. Die Verbrennung von grünem Wasserstoff wiederum ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können, denn der Brennstoff wird auf absehbare Zeit knapp und teuer bleiben. Er wird dort gebraucht, wo es keine Alternativen gibt: in bestimmten Industrieprozessen, nicht aber im Kraftwerkspark.
Der Wasserstoffhochlauf ist so langsam, dass neue Gaskraftwerke noch lange Zeit fossile Emissionen produzieren werden – ohne klare Umstellungsfristen noch länger. Damit aber verfehlen sie ihren angeblichen Zweck als angeblich klimakompatible Übergangstechnologie.
Flexibilität geht bald auch ohne neue Gaskraftwerke
Der Bedarf an flexiblen Kapazitäten ist real, aber er lässt sich zunehmend durch Alternativen decken, die sauberer, günstiger und schneller verfügbar sind: Batteriespeicher, thermische Speicher, Demand-Side-Management, sektorgekoppelte Lösungen, virtuelle Kraftwerke oder die intelligente Steuerung von Elektrolyseuren und Wärmepumpen. Genau hier hätte eine politisch kluge Intervention angesetzt – und den Bedarf an flexiblen Kapazitäten soweit wie möglich über diese zukunftsfähigen Alternativen abgedeckt.
Denn diese Technologien entwickeln sich immer schneller und werden schon bald günstiger sein als jede Form fossiler Kraftwerke. Warum also einen fossilen Weg staatlich fördern, der schon heute ökonomisch schlechter abschneidet und morgen politisch bereut werden dürfte?
Deutschland braucht kein neues Gaszeitalter
Unter dem Strich sind neue Gaskraftwerke ein energiepolitischer Fehler. Sie schaffen geopolitische Abhängigkeiten, die wir abbauen sollten. Sie widersprechen den selbst gesteckten Klimazielen. Und sie sind mittelfristig teurer als die Alternativen.
Wenn die Bundesregierung ihren Anspruch ernst nimmt, den Klimaschutzpfad einzuhalten und die Energiewende resilient zu gestalten, muss sie die Subventionierung fossiler Infrastrukturen beenden. Acht Gigawatt sind nicht weniger schlimm als die angekündigten zwanzig, denn jedes einzelne Gigawatt ist eines zu viel.
Deutschland hat die Chance, ein erneuerbares, flexibles und sicheres Energiesystem aufzubauen. Aber dazu muss die Bundesregierung endlich den Mut aufbringen, das fossile Kapitel konsequent zu schließen. Statt dem Abwehrkampf der fossilen Lobby gegen die Energiewende reflexartig nachzugeben, sollte sie ihn mit energiepolitischer Weitsicht zurückweisen. Dafür brauchen wir eine staatliche Priorisierung sauberer, flexibler Kapazitäten und ein fossil-freies Stromsystem bis 2035.
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