H2-Regulierung : Wasserstoffmärkte brauchen einen lern- und anpassungsfähigen Rechtsrahmen

Michael Kalis
Michael Kalis, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor, Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) Foto: IKEM

Die Gesetzgebung steht vor der schwierigen Aufgabe, die Rechtsgrundlagen für einen Wasserstoffmarkt zu gestalten, den es bisher kaum gibt. Michael Kalis vom IKEM empfiehlt deshalb, die Regulierung von vornherein so anzulegen, dass sie sich mit dem Markt mitentwickeln kann.

von Michael Kalis, Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM)

veröffentlicht am

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden

Kaum eine Technologie wird derzeit mit so hohen Erwartungen überfrachtet wie Wasserstoff. Er soll Industrieprozesse dekarbonisieren, neue Wertschöpfung schaffen, Europas Energieversorgung resilienter machen und einen entscheidenden Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten. Diese ambitionierten politischen Zielvorgaben bilden die Grundlage für ein neu entstandenen Rechtsrahmen auf europäischer Ebene und in den EU-Mitgliedstaaten.

Das Besondere dabei: Der Markt, den dieses Wasserstoffrecht gestalten soll, befindet sich vielerorts noch im Aufbau oder existiert in seiner angestrebten Form noch gar nicht. Recht und Markt entstehen derzeit gleichzeitig und in wechselseitiger Abhängigkeit. Der europäische Wasserstoffsektor ist damit ein seltenes Beispiel für einen genuin emergenten Markt, dessen wirtschaftliche, technische und rechtliche Grundlagen parallel entwickelt werden müssen.

Zentrale Fragen sind zu beantworten

Diese Ausgangslage erklärt auch, warum das Wasserstoffrecht heute von einer erheblichen Fragmentierung geprägt ist. Zahlreiche Regelungswerke auf europäischer und nationaler Ebene greifen ineinander, vielfach flankiert durch Förderprogramme und komplexe Beihilfenregelungen.

Dabei sind zentrale Fragen weiterhin Gegenstand fachlicher und rechtlicher Debatten. Dies gilt insbesondere für die Nachhaltigkeitsanforderungen an erneuerbaren Wasserstoff, für Herkunftsnachweise oder für die Bedingungen, unter denen Wasserstoff zur Erfüllung klimapolitischer Ziele angerechnet werden kann. Der rechtliche Rückhalt vieler politischer Zielsetzungen ist noch nicht abschließend geklärt und wird die Fachdebatte auch in den kommenden Jahren prägen.

Diese Situation ist keineswegs ungewöhnlich. Schließlich versucht die Regulierung nicht, einen bestehenden Markt zu ordnen, sondern dessen Entstehung aktiv zu begleiten. Gerade deshalb sollte auch die Erwartung an das Recht eine andere sein als in etablierten Märkten.

Lenkwirkung und Offenheit zugleich

Von einem Rechtsrahmen für einen noch jungen und dynamischen Markt kann nicht verlangt werden, jede Entwicklung im Voraus festzulegen. Seine wichtigste Aufgabe besteht vielmehr darin, Orientierung zu bieten und zugleich Anpassungsfähigkeit zu bewahren.

Für einen solchen Transformationsprozess sind vor allem vier Eigenschaften entscheidend: Adaptibilität, Lernfähigkeit, Prinzipienorientierung und Verlässlichkeit. Das Recht muss Leitplanken setzen und Investitionssicherheit schaffen, gleichzeitig aber offen bleiben für verschiedene Entwicklungspfade. Es geht um die richtige Weichenstellung, nicht um die Illusion vollständiger Planungssicherheit.

Diese Herausforderung wird durch die aktuelle geopolitische Lage zusätzlich verschärft. Klimaschutz, Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und strategische Resilienz müssen zunehmend gemeinsam gedacht werden. Die Erwartungen an den Wasserstoffmarkt steigen dadurch weiter, ebenso die Anforderungen an seinen rechtlichen Rahmen.

In diesem Kontext muss das europäische Wasserstoffrecht als ein sich entwickelnder, experimenteller Rahmen verstanden werden – ein Rahmen, der durch Praxis lernt, sich kontinuierlich anpasst und ambitionierte Klimaziele mit technologischen, wirtschaftlichen und politischen Realitäten in Einklang bringt.

Bewährungsprobe in den Regionen

Und gerade deshalb hängt das Gelingen dieses europäischen Transformationsprojekts derzeit auch von einer kleinen Zahl an konkreten Projekten in den sogenannten Hydrogen Valleys und Hydrogen Clustern ab. Dort sollen die ersten funktionierenden Wertschöpfungsketten entstehen. Dort treffen Produktion, Infrastruktur, Industrie und Nachfrage aufeinander. Und dort werden die praktischen Auswirkungen regulatorischer Vorgaben erstmals sichtbar.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei transnationale Kooperationsräume wie das Hydrogen Valley BalticSeaH2 rund um die Ostsee. Sie verbinden lokale Innovationskraft mit grenzüberschreitenden Marktstrukturen und schaffen zugleich die Möglichkeit, neue regulatorische Ansätze unter realen Bedingungen zu erproben.

Gerade diese Offenheit für regionale Konzepte könnte sich als entscheidender Erfolgsfaktor für die nächste Entwicklungsphase des europäischen Wasserstoffmarktes erweisen. Wenn Markt- und Rechtsentwicklung bereits auf lokaler Ebene scheitern, werden auch großskalige Vorhaben kaum erfolgreich sein können. Umgekehrt können funktionierende regionale Ökosysteme als Blaupause für die weitere europäische Integration dienen.

Klimaschutz entscheidet sich auch am Wasserstoffmarkt

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Europäische Union den Übergang in die nächste Phase ihrer Wasserstoffstrategie erfolgreich gestalten kann und im Zuge eines regulatorischen Lernprozesses stabile, ausgereifte Märkte entstehen.

Gleichzeitig entscheidet sich am Erfolg oder Misserfolg des Wasserstoffhochlaufs mehr als nur die Zukunft einer einzelnen Technologie. Wasserstoff und seine Derivate gelten als eine der wenigen realistischen Optionen zur Dekarbonisierung zahlreicher Industrieprozesse und schwer elektrifizierbarer Anwendungsbereiche.

Gelingt es nicht, hierfür tragfähige Markt- und Rechtsstrukturen zu schaffen, gerät ein wichtiger Baustein der europäischen Klimastrategie unter Druck. Gelingt es hingegen, kann der Wasserstoffmarkt zu einem Motor für die klimaneutrale Transformation Europas werden.

Der Jurist Dr. Michael Kalis ist stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) und Mitglied des Forschungsclusters „Energiewende im Ostseeraum“ am Interdisziplinären Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) der Universität Greifswald. Er ist Mitherausgeber des im Juli 2026 erschienenen Fachbuchs „Hydrogen Law in the European Union and Europe“.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen

Mit bestehendem Konto anmelden