Energiewende-Monitoring : „CCS statt Wasserstoff“: Warum Reiches Strategie ein Fehler ist
Die Ankündigung von Bundeswirtschaftsministerin Reiche, CCS für Gaskraftwerke nicht nur zuzulassen, sondern zu fördern und zugleich den Wasserstoffhochlauf zurückzufahren, gefährden die Dekarbonisierung des Stromsystems und die deutschen Klimaziele. CCS schneidet bei Versorgungssicherheit, Dekarbonisierung, System- und Kosteneffizienz schlechter ab als grüner Wasserstoff. Simon Schreck und Simon Wolf von Germanwatch erläutern, wie sich die Chancen der Wasserstoffwirtschaft realisieren lassen.
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Jetzt ist die Katze also aus dem Sack: In ihrem 10-Punkte-Plan zum Energiewende-Monitoring hat die Bundeswirtschaftsministerin erstmals angekündigt, CCS an Gaskraftwerken nicht nur zuzulassen, sondern auch finanziell zu fördern. Damit vergrößert sich massiv das Risiko von Investitionen in eine Technologie, die nicht nur klimapolitisch ein Irrweg wäre, sondern auch verlängerte Importabhängigkeiten und Kostenrisiken für die Allgemeinheit nach sich ziehen würde.
Die klimapolitischen Gefahren sind bekannt: CCS ist immer mit Restemissionen verbunden und deshalb nicht kompatibel mit einer klimaneutralen Stromerzeugung. Zudem trägt die CO2-Abscheidung am Kraftwerk nichts dazu bei, die teils massiven Emissionen aus Förderung und Transport des Erdgases, zu senken. Gaskraftwerke mit CCS bedeuten außerdem eine Verlängerung der fossilen Importabhängigkeit – mit allen Risiken, die damit für Stromkund:innen und Steuerzahler:innen verbunden sind.
In der vermeintlichen Technologieoffenheit lauert zudem das Risiko, dass Investitionen in die Dekarbonisierung der Kraftwerke auf die lange Bank geschoben werden und im Ergebnis deutlich mehr fossiles Gas verbrannt wird.
Ein klarer Fahrplan für die Umstellung von Kraftwerken auf grünen Wasserstoff könnte hingegen die CO2-Emissionen möglichst gering halten und die mit CCS verbundenen Risiken vermeiden. Das könnte auch den stockenden Wasserstoffhochlauf auf Trab bringen und die damit verbundenen Chancen für ein effizientes Energiesystem und die Industrie nutzen. In einem heute veröffentlichten Hintergrundpapier hat Germanwatch die Vor- und Nachteile von Wasserstoff vs. CCS an Gaskraftwerken systematisch aufgearbeitet:
- Während CCS-basierte Technologien die Nutzung fossilen Erdgases und damit geopolitische Risiken und Importabhängigkeiten verstärken und verstetigen kann europäisch produzierter grüner Wasserstoff Resilienz, Systemintegration und Versorgungssicherheit erhöhen.
- Die deutsche Industrie hat eine Führungsrolle in der Produktion grüner Wasserstofftechnologien, aber nicht bei CCS. Ein Wasserstoffpfad hat damit das Potenzial, einen erhöhten Anteil an Wertschöpfung in Deutschland zu halten und den Industriestandort zu stärken.
- CCS-Kraftwerke eignen sich technisch und ökonomisch nicht als Backup für ein flexibles, auf Erneuerbaren basiertes Stromsystem. Ein erfolgreicher Hochlauf grünen Wasserstoffs hingegen kann neben einem effizient integrierten und kostengünstigen emissionsfreien Stromsystem zusätzlich die Wirtschaftlichkeit von auf grünem Wasserstoff beruhenden Industrieprozessen jenseits des Stromsektors verbessern.
10-Punkte-Plan schadet Hochlauf
Auch der Monitoring-Bericht weist auf die Chancen einer systemdienlichen Nutzung von Elektrolyseuren für die Dekarbonisierung des Energiesystems sowie Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz hin. Vor diesem Hintergrund wäre zu erwarten gewesen, dass eine Strategie für einen zügigen Wasserstoffhochlauf ein Kernstück des 10-Punkte-Plans des BMWE ist. Die Ankündigungen der Wirtschaftsministerin haben hingegen das Zeug, den Wasserstoffhochlauf und mit ihm die Wasserstoff-Branche in Deutschland über die Klippe zu stoßen.
So soll der Hochlauf auf die Märkte beschränkt werden, die jetzt schon die notwendige Zahlungsbereitschaft aufweisen, sprich: Fördermaßnahmen, um der Wasserstoff-Nachfrage auf die Sprünge zu helfen, sind weitgehend ausgeschlossen. Umgekehrt sollen die Elektrolyse-Ausbauziele an die bestehende Nachfrage angepasst werden. Das bedeutet nichts anders, als die Henne-Ei-Problematik, die den Wasserstoffhochlauf seit Jahren hemmt, zu zementieren.
Dabei zeigt auch eine Analyse der neuen Chefberaterin Reiches, Veronika Grimm, dass die derzeitige Förderlandschaft nicht ausreicht, um den Wasserstoffhochlauf in Gang zu bringen. Sie schlägt stattdessen einen ambitionierten, EU-weiten Beschaffungsmechanismus mit langfristigen Abnahmeverträgen auf der Beschaffungsseite vor. Dieser und andere Vorschläge, um den Wasserstoff-Hochlauf in Gang zu bringen, haben es auch in den Monitoring-Bericht geschafft.
Nicht überraschend, aber deshalb nicht weniger falsch, ist der endgültige Abschied von der Priorisierung grünen Wasserstoffs indem fossiler Wasserstoff gleichberechtigt behandelt werden soll. Grundlage dafür ist die Annahme, dass grüner Wasserstoff zumindest kurz- und mittelfristig nicht in ausreichendem Maß – und ausreichend günstig – zur Verfügung stehen wird, und es deshalb für eine Übergangsphase auch fossilen blauen Wasserstoff brauchen wird.
Drei Dinge sind dazu anzumerken: Erstens sind die Kosten-Aussichten für grünen Wasserstoff bei weitem nicht so schlecht, wie sie in der Debatte oft gemacht werden. Das zeigen beispielsweise die Ausschreibungs-Ergebnisse der Europäischen Wasserstoffbank genauso wie neuere Studien.
Zweitens zeigt der Blick auf angekündigte Projekte, dass es den vermeintlich so günstigen blauen Wasserstoff kurz- und mittelfristig in Deutschland und Europa de facto nicht geben wird. Bezeichnend dafür ist die gescheiterte Kooperation mit Norwegen und die Absage entsprechender blauer Wasserstoffprojekte.
Nicht zuletzt: Es deutet alles darauf hin, dass der Bedarf an flexibler Kraftwerksleistung auch langfristig deutlich geringer ausfallen dürfte, als es auch Reiches Vorgänger noch angenommen hat: weil Batteriespeicher und Flexibilität eine deutlich größere Rolle spielen werden. Daher muss die klare Prämisse gelten, nur so viele neue Kraftwerke wie unbedingt gebraucht ans Netz zu bringen. Und umso weniger Strom von flexiblen Kraftwerken produziert werden muss, umso einfacher wird es, diese Mengen mit grünem Wasserstoff zu decken.
Klarer Fahrplan für Kraftwerksumstellung
Deshalb, und angesichts der in diesem Beitrag beschriebenen Chancen einer grünen Wasserstoffwirtschaft, ist es schwer nachzuvollziehen, warum die Wirtschafts- und Energieministerin nicht einmal den Versuch macht, den Hochlauf grüner Wasserstoffproduktion in Deutschland anzukurbeln. Der Monitoring-Bericht listet dafür eine ganze Reihe von Handlungs-Optionen auf. Aus unserer Sicht bieten sich vor allem die folgenden Maßnahmen an:
- Einen verpflichtenden Fahrplan zur Umstellung neuer Gaskraftwerke auf grünen Wasserstoff. Mit einer sektorspezifischen Quotenregelung ließe sich das flexibel gestalten, so dass nicht alle Kraftwerke im gleichen Tempo tatsächlich grünen Wasserstoff nutzen müssen und auch Sprinterkraftwerke ihren Platz finden.
- Eine klare Prioritätensetzung für strombasierten Wasserstoff, um CO2-Emissionen zu minimieren und die damit verbundenen systemischen Chancen zu nutzen. Vorübergehend könnte dafür strombasierter kohlenstoffarmer Wasserstoff eine stärkere Rolle spielen.
- Ein solides zentrales Finanzierungs- und Beschaffungsinstrument für grünen Wasserstoff, welches Sicherheit für Produzenten und Abnehmer liefert, indem Differenzkosten und Vertragsrisiken vom Staat bzw. der EU abgefedert werden. Dafür lassen sich die Erfahrungswerte von H2Global und der europäischen Wasserstoffbank nutzen.
Simon Wolf ist Bereichsleiter Deutsche und Europäische Klimapolitik, Simon Schreck ist Referent für Wasserstoff und Klimaneutralität bei Germanwatch.
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