Negative Emissionen : CO2-Zertifikate aus dem Ausland? Ja, aber richtig
Sollen Emissionszertifikate aus nicht europäischen Staaten in die europäische Klimapolitik integriert werden? Diese Frage wird derzeit kontrovers diskutiert. Während Kritiker einen gefährlichen Türöffner für Greenwashing und Marktverzerrungen sehen, könnte ein gezielter Einsatz solcher Zertifikate auch eine Chance bieten und sowohl Klimaschutzmaßnahmen als auch ökonomische Potenziale erheblich fördern, schreibt Stefan Schlosser, Geschäftsführer des DVNE.
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Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche in Deutschland stellen viele die Frage, wie viel Klimaschutz wir uns noch leisten können. Gleichzeitig wurde vor wenigen Wochen das Netto-Null-Ziel 2045 durch seine Verankerung im Grundgesetz geradezu zementiert.
In dieser Ausgangslage hat die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag festgehalten, dass sie ihre Klimaziele „vorrangig durch Reduktion, […] zweitens […] durch permanente und nachhaltige negative Emissionen sowie drittens [durch] glaubwürdige CO2-Reduzierung […] in außereuropäischen Partnerländern“ erreichen will.
Insbesondere der Kauf von Zertifikaten im Ausland wird heiß diskutiert. Öffnet das skizzierte Vorgehen Tür und Tor für einen billigen „Ablasshandel“ oder handelt es sich um eine sinnvolle Ergänzung zur Erreichung der Klimaziele?
Die Antwort auf diese Frage hängt sehr von der konkreten Ausgestaltung ab. Aber lassen Sie mich zunächst drei Gründe nennen, warum es gut ist, dass die Diskussion über den Handel von Zertifikaten zwischen Staaten in Gang kommt:
1. Die Wirtschaftlichkeit negativer Emissionen ist standortabhängig
Nicht alle Methoden zur Erzeugung negativer Emissionen sind überall gleichermaßen sinnvoll. Während energieintensive Verfahren wie Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS) oder Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS) vor allem dort sinnvoll sind, wo ausreichend erneuerbare Energien verfügbar sind, können Länder mit ausgeprägter Land- und Forstwirtschaft insbesondere auf naturbasierte Methoden wie Agroforst oder den Einsatz von Pflanzenkohle zurückgreifen.
Daneben gibt es zahlreiche weitere Faktoren, wie beispielsweise die Verfügbarkeit von Transport- und Speicherinfrastruktur oder schlicht der öffentliche Rückhalt, die bestimmte Methoden zur CO2-Entnahme hierzulande wettbewerbs(un-)fähig machen. Da wir dem Steuerzahler aber wirtschaftliche Wege zur Erreichung der Klimaziele schulden, macht es Sinn, Teile unseres nationalen Carbon-Removal-Portfolios im Ausland zuzukaufen.
2. Internationaler Handel ist Treiber für Technologieexport
Wir verfügen in Deutschland über ein extrem gutes Startup-Ökosystem und einen starken Maschinen- und Anlagenbau. Das sind beste Voraussetzungen, um im Markt der Carbon Dioxide Removal (CDR)-Technologien vorne mitzuspielen: Einer Studie der Boston Consulting Group zufolge kann sich dieser Markt hierzulande bis 2050 zu einer Branche mit 70 Milliarden Euro ökonomischem Potenzial entwickeln. Ihr Beitrag zum BIP wäre damit fast halb so hoch wie der, den die Automobilindustrie heute leistet.
Allein hierzulande können bis zu 190.000 zukunftssichere Arbeitsplätze entstehen, mehr als derzeit in der Windenergie-Branche. Eine aktive Rolle Deutschlands im internationalen Handel mit Zertifikaten erhöht die Chancen für deutsche Unternehmen, sich in internationale CDR-Lieferketten einzubringen und in der weltweiten CDR-Landschaft eine führende Position zu übernehmen.
3. Internationaler Handel hilft uns, die Spielregeln mitzusetzen
Das Pariser Klimaabkommen sieht in Artikel 6 internationalen Zertifikatehandel explizit vor. Länder wie die Schweiz und Schweden haben bereits bilaterale Kooperationsabkommen abgeschlossen. Auch Deutschland sollte jetzt Schritte unternehmen, um Erfahrungen mit diesem Instrument zu sammeln, früh internationale Partnerschaften aufzubauen, Verfahrenssicherheit zu gewinnen und die Robustheit der Artikel-6-Mechanismen mitzugestalten. Das bedeutet jede Menge Arbeit – aber auch viel Gestaltungsraum.
Bleiben wir bei den Spielregeln. Hier ein paar zentrale Bedingungen, unter denen wir die Beschaffung von Zertifikaten im Ausland organisieren sollten:
Der Fokus muss weiterhin auf Maßnahmen im Inland liegen. Im Jahr 2045 benötigt Deutschland aktuellen Schätzungen zufolge 37 bis 127 Megatonnen an jährlicher CO2-Entnahme zur Kompensation schwer vermeidbarer Restemissionen. Um diese Volumina zu erreichen, sollten primär Entnahmekapazitäten im Inland aufgebaut werden. Nur so kann Deutschland glaubhaft vermitteln, sich vom Umgang mit schwer vermeidbaren Restemissionen nicht freikaufen zu wollen.
Negative Emissionen in Deutschland haben zudem den Vorteil, dass wir (exportierbare) Technologien besser verstehen und Wertschöpfung im Land generieren. Andererseits unterstützt der Ankauf von hochwertigen Entnahmezertifikaten aus dem Ausland den gezielten Ausbau von CO2-Technologien, die in Deutschland weniger sinnvoll sind. Das würde den globalen Markthochlauf beschleunigen und den Wettbewerb stärken.
Ausländische Aktivitäten müssen sich auf Entnahmezertifikate beschränken. Reduktions- oder Vermeidungszertifikate erzielen auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt derzeit umgerechnet durchschnittlich unter 4 Euro pro Tonne CO2 und liegen damit deutlich unter dem durchschnittlichen EU-ETS-Preis von etwa 65 Euro im Jahr 2024. Eine Zulassung solcher Zertifikate im EU-ETS könnte dessen Funktionsfähigkeit deutlich beeinträchtigen. Zudem besteht das Risiko erheblicher Greenwashing-Effekte, die die Integrität der europäischen Klimapolitik und die Erreichung der Klimaziele gefährden würden. Die Beschaffung im Ausland sollte sich daher ausschließlich auf hochwertige Entnahmezertifikate beschränken.
Wir benötigen strenge Anforderungen an Messung, Berichterstattung und Verifizierung. Mit der Aufstellung des Carbon Removal und Carbon Farming Framework (CRCF) schafft die EU einen wichtigen Standard zum Handel negativer Emissionen. Es sollten nur Zertifikate zugelassen werden, die den Anforderungen dieses EU-weit einheitlichen Rahmens oder vergleichbar strengen Standards entsprechen. So wird die Integrität des Gesamtsystems gewahrt und sichergestellt, dass die ausgewiesenen CO2-Entnahmen tatsächlich erbracht werden.
Getrennte Ziele für Reduktion und negative Emissionen helfen, Zielkonflikte zu vermeiden. Vielerorts bestehen Bedenken, dass CO2-Entnahme dazu einladen kann, es mit der Reduktion von Emissionen nicht ganz so ernst zu nehmen. Dem lässt sich am besten vorbeugen, wenn Reduktion und CO2-Entnahme in getrennten Systemen mit getrennten Zielvorgaben gemessen werden. Deutschland ist hier mit seinen bereits verankerten separaten Zielen im Land- und Forst-Sektor (LULUCF, §3a KSG) sowie der Langfriststrategie für Negativemissionen (LNe) und ihren Zielvorgaben für technische Senken auf einem guten Weg.
Wichtig sind nun zwei Dinge: Auf nationaler Ebene sollte die neue Bundesregierung die LNe rasch verabschieden. Zudem sollte sie sich auch in Europa im Rahmen des laufenden Prozesses der 2040-Klimaziele für separate Negativziele einsetzen. Hiervon ginge nicht zuletzt ein klares Signal für Investoren aus, dass negative Emissionen ihren Platz im Rahmen einer europäischen Klimastrategie finden.
Mein Fazit: Deutschland sollte ein breites Portfolio an Maßnahmen zur Erreichung seiner Klimaziele aufbauen. Dabei sollten wir Qualität an oberste Stelle setzen und zugleich die Lösungen, die unserem Qualitätsanspruch genügen, in begrenztem Umfang auch international beschaffen. Die Einbettung in ein internationales System zum Zertifikatehandel wird uns sowohl helfen, international hohe Standards für mehr Klimaschutz zu etablieren als auch unsere Wirtschaftsinteressen beim Export von Klimalösungen zu vertreten.
Stefan Schlosser ist Geschäftsführer des Deutschen Verbands für negative Emissionen (DVNE). Ziel des von Unternehmen getragenen Verbandes ist es, die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre voranzubringen.
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