Smart-Meter-Rollout : Den Wettbewerb im Messwesen wirken lassen
Das Bundeswirtschaftsministerium plant, den Smart-Meter-Rollout in die alleinige Verantwortung der Verteilnetzbetreiber zu legen. David Zimmer (Inexogy), Bela Schramm, (Metrify Smart Metering) und Fabian Maleitzke (Energy Metering), Vertreter wettbewerblicher Messanbieter, warnen vor einem schweren energiepolitischen Fehler, der Tempo, Innovation und Geld kosten dürfte.
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Eigentlich könnte es ganz einfach sein, in Deutschland endlich mal wieder eine Erfolgsgeschichte zu schreiben: Wir haben nämlich alles in der Hand, was es braucht, um die Energiekosten sowohl für die Verbraucher zu senken als auch Milliarden an Netzausbaukosten zu vermeiden. Die Wunderwaffe, um die Energiewende zu einem Erfolg werden zu lassen, nennt sich Wettbewerb, Digitalisierung und im Fachjargon Smart Meter. Leider sind davon erst gut zwei Millionen im Feld. Für den erfolgreichen Umbau unseres Energiesystems und das Ernten der Früchte werden wir in den kommenden fünf bis sieben Jahren eine Verzehnfachung benötigen. Aber auch das schaffen wir. Denn so langsam, aber mit exponentieller Dynamik, kommen die Geräte im Feld an.
Und dennoch steht Deutschland gerade kurz davor, einen schweren energiepolitischen Fehler zu begehen. Denn im politischen Raum formiert sich eine Position, wonach der Smart-Meter-Rollout in die alleinige Verantwortung der Verteilnetzbetreiber gelegt und damit der Wettbewerb ausgehebelt werden soll.
Keine 30 Jahre ist es her, dass energiewirtschaftliche Marktrollen entflochten wurden und endlich Wettbewerb Einzug hielt: erst bei der Strom- und Gaslieferung und dann auch beim Messwesen – mithin bei der digitalen Energieinfrastruktur, die wir so dringend benötigen. Ohne Smart Meter keine wirkliche Anbindung an den Energiemarkt, keine dynamischen Stromtarife, keine virtuellen Kraftwerke, keine Flexibilitätsvermarktung, keine Sichtbarkeit über die Zustände im Netz, erst recht keine Steuerungshandlungen zur Vermeidung von kritischen Netzsituationen.
Smart Meter ist Kernstück einer digitalen Mess- und Steuerungsinfrastruktur
Die Aufzählung zeigt: Der Smart Meter ist Kernstück einer digitalen Mess- und Steuerungsinfrastruktur. Er ist eingebunden in ein Energieökosystem des Verbrauchers mit spezifischen Anwendungsfällen und zahlreichen Vorteilen aus der Digitalisierung des Zählers. Aber diese Verbraucherperspektive soll es nun nicht mehr geben. Das Netz soll wieder das alleinige Sagen haben. Dabei ist der Verbraucher aus Netzsicht bis heute ein „Netzanschlusspunkt“, beim Rollout reduziert auf gesetzliche Minimalziele. Er wird damit weder als Kunde noch als eigenständiger Akteur verstanden, der die Energiewende voranbringt.
Die aktuellen Forderungen sind umso irritierender, als wir die wesentlichen Fortschritte primär dieser europäisch initiierten und getriebenen Liberalisierung verdanken: Markt und Wettbewerb sind es, die Tempo, Innovation und niedrige Preise sowie attraktive Produkte und Dienstleistungen zu den Kunden gebracht haben. Damit soll es nun zu Ende sein. Denn nach dem öffentlich artikulierten Willen des Bundeswirtschaftsministeriums und dessen Verteidigung durch einzelne Abgeordnete droht mit der Remonopolisierung die Abschaffung oder Einschränkung des wettbewerblichen Messstellenbetriebs (wMSB).
Viele grundzuständige Messstellenbetreiber verfehlen Ausbauziele
Heute hängt es faktisch von der Postleitzahl ab, ob ein Kunde einen Smart Meter und damit günstige Strompreise erhält. Denn mehr als 180 grundzuständige Messstellenbetreiber haben laut dem letzten Marktmonitoring der Bundesnetzagentur bislang noch kein einziges Smart Meter verbaut. Lebt man in einem dieser Netzgebiete, bleibt den Kunden nur ein wettbewerblicher Messstellenbetreiber – sofern sie denn weiterhin gelassen werden.
Man fragt sich also, warum ausgerechnet eine CDU-geführte Bundesregierung ernsthaft glauben kann, man befördere Tempo und Digitalisierung, indem man Wettbewerb abwürgt und stattdessen per Gesetz Verantwortlichkeiten dort bündelt, wo bereits jetzt die gesetzten Ziele nicht flächendeckend erreicht werden.
Der Wettbewerb im Messstellenbetrieb wurde politisch geschaffen, um Tempo, Innovation und Kosteneffizienz in den Rollout zu bringen. Er funktioniert – sichtbar, messbar, belegbar. Die Forderung, den gesamten Pflichtrollout wieder ins Netz zu integrieren, schürt schon heute Unsicherheit, bremst Investitionen und würde die über Jahrzehnte entwickelte und etablierte Prozesslandschaft des Energiemarktes auf den Kopf stellen. Allein die Konzeption und Implementierung neuer, massenmarktfähiger Prozesse würde in einem ohnehin schon überregulierten Markt den Smart-Meter-Rollout um Jahre zurückwerfen. Ganz zu schweigen davon, dass einem derart weitreichenden Eingriff in einen wettbewerblichen Markt die europa- und verfassungsrechtliche Basis fehlt und dieser deshalb wohl eine Klagewelle auslösen würde.
Branche lehnt Änderungen ab
Darüber ist sich übrigens die Branche einig: BDEW, VKU, die beiden größten Branchenverbände, die ihre Mitglieder – vom großen Marktplayer bis zum kommunalen Stadtwerk – und in allen Marktrollen vertreten, fordern zusammen mit dem ZVEI (dem Verband der Elektro- und Digitalisierungsindustrie) „Kontinuität und Klarheit für eine stabile Fortsetzung des eingeschlagenen Wegs“ und heben hervor, dass „neue Anbieter auf dem Markt im Wettbewerb Verteilnetzbetreiber bzw. grundzuständige Messstellenbetreiber unterstützen“.
Die eigentliche Frage, die sich die Politik stellen muss, lautet daher: Wie wollen wir ein innovatives, wettbewerbliches, schnelles, kosteneffizientes und kundenorientiertes System ausgestalten?
Unsere Vorschläge dafür, wie ein funktionierendes und bezahlbares System aussehen kann:
- Klare Absage an eine Verlagerung des Pflichtrollouts in die Verantwortung des Verteilnetzbetreibers
- Stärkung des wettbewerblichen Messstellenbetriebs als Treiber der Digitalisierung und Innovation
- Sicherstellung eines Level Playing Fields zwischen grundzuständigen und wettbewerblichen Messstellenbetreibern
- Kräfte bündeln durch erweiterte Kooperationsmodelle zwischen gMSB und wMSB
- Standardisierung, Interoperabilität, bundesweite Prozesse und Qualitätsstandards konsequent vorantreiben
Alle Akteure des Energiemarktes, aber auch Kunden (vom Einfamilienhausbesitzer bis hin zur Wohnungswirtschaft), Handwerk und Industrie brauchen verlässliche, bundesweit agierende Partner in der Umsetzung mit klaren, einheitlichen und massenmarkttauglichen Prozessen. Das können VNB und gMSB per definitionem nicht, denn sie dürfen nur regional operieren. Der wettbewerbliche Messstellenbetrieb ist daher eine entscheidende Stellschraube für Netzentlastung, Flexibilität, Strompreisstabilität und damit die gesamte Energiewende. Wer ihn abschafft oder einschränkt, verhindert nicht nur Innovation – er gefährdet die Energiewende und die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland.
Eine verlässliche, klare und auf Kontinuität setzende Regulierung ist für alle Marktakteure das Wichtigste, um den eingeschlagenen Weg fortführen zu können. Ein Weg, der nach einer langen und viel diskutierten Anlaufphase endlich an Fahrt aufnimmt und derzeit ein exponentielles Wachstum aufweist. Nur unter stabilen Rahmenbedingungen kann der Markt seine Dynamik am besten entfalten.
David Zimmer ist CEO bei Inexogy, Bela Schramm ist Geschäftsführer bei Metrify Smart Metering, Fabian Maleitzke ist Director Smart Metering bei Energy Metering.
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