Finanzierung der Energiewende : Der Deutschlandfonds braucht mehr Orientierung
Eine Billion Euro – so groß ist der Investitionsbedarf für den Umbau des Energiesystems bis 2045. Der Deutschlandfonds soll das privates Geld für Investitionen mobilisieren, doch für viele Stadtwerke und Energieversorger fehlen noch klare Regeln und konkrete Ansprechpartner. Die Energieministerkonferenz auf Norderney ist die Chance, für mehr Klarheit zu sorgen, schreibt Corinna Enders, 2023 Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energieagentur.
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Der Deutschlandfonds, zentrales Thema auf der Energieministerkonferenz vom 20. bis 22. Mai, ist ein wichtiger Baustein der aktuellen Wirtschafts- und Energiepolitik: Er soll öffentliche Mittel bündeln, privates Kapital mobilisieren und große Investitionen ermöglichen – insbesondere in den Ausbau und die Modernisierung von Energieinfrastruktur. Bis 2045 rechnen BDEW und VKU mit einem Investitionsbedarf von bis zu einer Billion Euro für den Umbau des Energiesystems. Für die rund 900 kommunalen Energieversorger bedeutet das: Viele müssen das Dreifache ihres normalen jährlichen Investitionsvolumens stemmen, während größere Erträge häufig erst nach einem Jahrzehnt zu erwarten sind.
„Der Kompass“: Ein starkes Signal für Investitionen
Politisch und strategisch setzt der Deutschlandfonds ein klares Zeichen. Die öffentliche Hand wird tätig, um Länder und Kommunen in einer entscheidenden Investitionsphase zu unterstützen. Der Instrumentenkasten ist grundsätzlich sinnvoll aufgebaut – von staatlichen Garantien zur Hebelung von Fremdkapital bis hin zum Ausbau eigenkapitalähnlicher Lösungen – und richtet sich direkt an die 900 Energieversorgungsunternehmen.
Doch die tatsächliche Wirkung des Deutschlandfonds wird sich nicht an der Konzeption, sondern an der praktischen Umsetzung messen. Kann es dem Deutschlandfonds gelingen, neue Finanzierungsinstrumente in die Breite zu tragen und privates Kapital zielgenau zu hebeln?
„Die Landschaft“: Eine komplexe Ausgangslage
Die rund 900 Stadtwerke und Energieversorger in Deutschland unterscheiden sich erheblich in Größe, finanzieller Ausstattung, Eigentümerstrukturen und personellen Ressourcen: vom kleinen, hochverschuldeten Versorger über mittelgroße Stadtwerke bis hin zu privaten Energiekonzernen. Hier gibt es also keine Standardlösung, es braucht unterschiedliche Ansätze.
Positive Entwicklungen gibt es bereits: Die Stadt Hannover hat einen Konzernkredit aufgenommen und mit einem marktüblichen Zinsaufschlag als Gesellschafterdarlehen an den Energieversorger enercity AG weitergegeben. Grundlage ist eine Änderung des niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzes vom Januar 2025, welche die Nutzung von Konzernkrediten haushaltsneutral und ohne viele Genehmigungsschleifen ermöglicht.
Andere Optionen finden sich in eigenkapitalähnlichen Finanzierungsformen wie Nachrangdarlehen oder Genussrechten. Zu den Nachrangdarlehen zählt etwa der privat strukturierte „Energiewende-Fonds Stadtwerke Pro“ der Norddeutschen Landesbank und der Provinzial Asset Management GmbH, der von institutionellen Investoren (z.B. Versicherungen) getragen wird. Demgegenüber stellt der EnergieFonds der hessischen Landesförderbank ein öffentlich gesteuertes Modell dar, bei dem das Land Hessen kommunale Energieversorger unmittelbar über landesverbürgtes Nachrangkapital unterstützt.
Zudem kommen Projektfinanzierungen als weitere Finanzierungsoption in Betracht. Dabei wird z.B. ein Wärmenetz in eine Projektgesellschaft ausgegliedert, an der sich externe Investoren beteiligen. Für dieses Instrument hat sich unter anderem die Stadt Konstanz entschieden.
Mehrfach haben die Initiatoren des Deutschlandfonds - KfW, BMF und BMWE – den Wunsch geäußert, dass erfolgreiche Modelle anderswo kopiert werden.
In der Praxis zeigt sich jedoch: Die Wirkung des Deutschlandfonds hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, die Investitionslandschaft für Länder, Kommunen und Investoren verständlich, anschlussfähig und praktikabel zu strukturieren.
Wie unübersichtlich die aktuelle Investitionslandschaft ist, zeigt das Beispiel Hessen. Das dortige Modell für Nachrangkapital gilt zwar als interessanter Ansatz, der auch für andere Bundesländer diskutiert wird. Jedoch berichten Stadtwerke und Investoren von komplexen Förderbedingungen, langen Abstimmungsprozessen und fehlender regulatorischer Klarheit. In der Folge könnte das ein vom Deutschlandfonds intendiertes crowding-in privater Kapitalgeber erschweren. Das Beispiel steht stellvertretend für die derzeit insgesamt noch schwer überschaubare Finanzierungslandschaft. Viele Kommunen wissen noch nicht, welche Instrumente für sie geeignet sind, welche Risiken abgesichert werden und an wen sie sich konkret wenden können.
Ohne „Landkarte“ bleibt der Weg unklar
Der Deutschlandfonds zeigt die Richtung. Doch der Weg dorthin ist vielerorts nicht ausreichend beschrieben. Das Beispiel aus Hessen zeigt: Es geht nicht nur darum, Investitionen zu ermöglichen, sondern auch darum, die Investitionslandschaft für alle Akteure verständlich und navigierbar zu machen.
Dazu gehört zunächst mehr Orientierung: Welche Instrumente sind wann sinnvoll? Wie funktioniert der Zugang konkret? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Instrumente in der Praxis praktikabel sind und flächendeckend genutzt werden? Bisher bieten das einzelne, kleinere Akteure an, z.B. die private Equity-Plattform “eKommunity” oder die Plattform „Zukunft finanzieren“ der Landesbank Baden-Württemberg.
Für den Erfolg des Deutschlandfonds ist entscheidend, dass Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen und ihre Rollen klar aufeinander abstimmen. Derzeit gibt es jedoch auf Seiten der Länder und Kommunen noch viele offene Fragen. Viele Akteure warten auf konkrete Vorgaben und mehr Orientierung durch den Bund. Gleichzeitig setzt der Bund auf zusätzliche Impulse und Klarheit aus den Beratungen der Energieministerkonferenz. Wer am Ende die Koordination übernimmt, ist dabei zweitrangig – entscheidend ist, dass jemand die Führung übernimmt und den Prozess verbindlich steuert.
Was jetzt gebraucht wird
Begleitende Maßnahmen sind für eine erfolgreiche Umsetzung des Deutschlandfonds unverzichtbar.
Erstens braucht es den Ausbau von Informations- und Beratungsstrukturen – etwa durch spezialisierte Beratungsstellen, Plattformen und Austauschformate zwischen Finanz- und Energiewirtschaft. Sinnvoll scheint eine klare Anlaufstelle auf Landes- und/oder Bundesebene. Sie sollte Orientierung geben, an kleinere Beratungsstellen verweisen, Good-Practice-Beispiele bündeln und den Zugang zu Instrumenten erleichtern.
Zweitens ist eine stärkere Vernetzung notwendig. Energieversorgungsunternehmen, Hausbanken und Förderinstitutionen müssen enger zusammenarbeiten, um Verständnis für Instrumente zu schaffen und deren Anwendung zu erleichtern.
Drittens wird die Frage der Umsetzungskapazitäten entscheidend sein. Die Skalierung von Investitionen erfordert qualifiziertes Personal und professionelle Strukturen. Insbesondere kleinere Kommunen stoßen hier an ihre Grenzen und müssen frühzeitig durch geeignete Maßnahmen eingebunden werden.
Die Energieministerkonferenz vom 20.-22. Mai auf Norderney kann hier wichtige Impulse setzen. Sie kann helfen, die offenen Fragen der Länder zu bündeln und Verantwortlichkeiten klarer zu definieren. Im Anschluss wird entscheidend sein, dass der Bund zügig auf diese Fragen reagiert und für Klarheit bei Regulatorik, Zuständigkeiten und Risikostrukturen sorgt. Zudem ist es zentral, dass der Bund Rahmenbedingungen schafft, die eine sinnvolle Verzahnung der verschiedenen Zeithorizonte und Infrastrukturen ermöglichen. Auch wenn der Deutschlandfonds vor allem auf Energieversorger ausgerichtet ist, muss gewährleistet sein, dass regionale und überregionale Strukturen – etwa bei der Einspeisung erneuerbarer Energien, beim Ausbau von Großspeichern und bei den Netzen – gut aufeinander abgestimmt weiterentwickelt werden.
Insgesamt ist der Deutschlandfonds ein wichtiger Vorstoß der Bundesregierung, der das Potenzial hat, als Rahmengeber Risiken zuzuordnen und durch Standardisierung effizientere Bankenprüfungen zu ermöglichen. Dafür braucht es klare Rahmenbedingungen, funktionierende Strukturen und gezielte Unterstützung in der Umsetzung. Nur wenn es gelingt, die bestehende Heterogenität zu überbrücken und die Akteure vor Ort mitzunehmen, kann der Deutschlandfonds seine volle Wirkung entfalten. Der Kompass ist da – jetzt braucht es noch die Landkarte.
Corinna Enders ist seit 2023 Vorsitzende der Geschäftsführung der dena – Deutsche Energie-Agentur.
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