Europäische Gebäuderichtlinie : Die Verschiebung der EPBD-Umsetzung käme einer Enteignung gleich
Einige Bundesländer wollen die Umsetzung der Europäischen Gebäuderichtlinie EPBD verschieben, nun stimmt darüber auch die CDU auf ihrem Parteitag ab. Die EPBD wird jedoch dringend gebraucht, um den Sanierungsstau in Deutschland aufzulösen und die Klimaziele zu erreichen, schreibt der Geschäftsführer des Bundesverbandes energieeffiziente Gebäudehülle, Jan Peter Hinrichs.
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Jedes Jahr, wenn es kalt wird, erhalten viele Menschen in Deutschland Briefe, die alles andere als (herz-)erwärmend sind: Mieter bekommen Nachzahlungen für die zurückliegende Heizkostenperiode, Eigentümer Mitteilungen über Erhöhungen der Preise künftiger Energielieferungen. Die Preise für Heizwärme haben in den vergangenen Jahren bekanntermaßen massiv zugenommen.
Trotzdem bleibt der deutsche Gebäudebestand ein Wärmefresser. Mangelnde Energieeffizienz bedeutet für viele Menschen – ob Mieter oder Eigenheimbesitzer – in diesem Umfeld immer höhere Kosten oder sogar die Notwendigkeit, die Heizung gar nicht erst aufzudrehen. Großbritannien ist ein warnendes Beispiel. Dort wird der Winter für viele Menschen seit Jahren prekärer; oft heißt es schon: „Heat or eat“.
Die Sanierungsquote befindet sich unterdessen in Deutschland auf einem historischen Tiefstand. Deshalb muss die Bundesregierung alles dafür tun, schnell den Sanierungs-Turbo anzuwerfen. Ohne Maßnahmen wie die Europäische Gebäuderichtlinie drohen ähnliche Verhältnisse auch bei uns.
EPBD soll Treibhausgasemissionen im Gebäudebestand senken
Die deutsche Politik zeigt sich dieser Tage aber kaltherzig: Die eigentlich bereits beschlossene EU-Gebäuderichtlinie (Energy Performance of Buildings Directive - EPBD) soll verschoben werden. Durch die EPBD sollen die Treibhausgasemissionen im Gebäudebestand bis 2050 durch energetische Sanierungen nahezu auf null sinken. Die Bundesregierung muss sie schrittweise bis 2030 in nationales Recht überführen, die erste Frist zur Umsetzung endet im Mai 2026.
Die Ministerpräsidenten von Bayern und Hamburg wünschen sich, dass die Bundesregierung sich bei der EU-Kommission für eine Verschiebung der Umsetzung einsetzt. Sie argumentieren, die Sanierungsstrategie aus Brüssel sei „unrealistisch“, „teuer“ und nicht „umsetzbar“. Ein kurzatmiges und wenig fachlich begründetes Urteil für einen lange ausgearbeiteten Plan.
Eine Verschiebung oder schrittweise Aufkündigung der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) würde die Bürger nicht entlasten, das Gegenteil wäre der Fall. Denn wer in einem energetischen schlechten Gebäude wohnt, muss absehbar viel Geld für die Energie aufbringen, egal wie die Heizung betrieben wird. Egal, ob man Mieter oder Eigentümer ist. Dies kommt einer Enteignung über die Wärme gleich.
Das Gros der Wissenschaftler und Energieberater ist sich über den Weg der Wärmewende einig: Ohne energieeffiziente Gebäudehülle kann auch die Elektrifizierung der Wärmeversorgung nicht gelingen. Die Umsetzung der EPBD würde die Sanierung der Gebäudehüllen massiv beschleunigen – und so die Wärmewende bezahlbar halten.
Ohne Sanierung drohen hohe Energiekosten nach Heizungstausch
Konkret bedeutet eine ineffiziente Gebäudehülle: In energetisch schlechten Gebäuden sind Wärmepumpen aufgrund des hohen Heizbedarfs gezwungen, mit hoher Vorlauftemperatur zu arbeiten. 30 Prozent der deutschen Häuser liegen in den schlechtesten Energieeffizienzklassen. Sie verbrauchen dadurch unverhältnismäßig viel Energie, um den Wohnraum ausreichend zu beheizen. Das ernüchternde Ergebnis nach dem Heizungstausch können dann höhere Energiekosten als zuvor sein.
Doch nicht nur die laufenden Energiekosten einer energetisch schlechten Immobilie drücken immer stärker auf die Gesamtrechnung der Eigentümer. Auch bei den Marktpreisen macht sich der Zustand bemerkbar. Seit Jahren wächst die Preisschere zwischen energetisch schlechten und guten Gebäuden; derzeit liegt sie bei rund 30 Prozent Wertunterschied – mit steigender Tendenz. Das bedeutet: Wer nicht saniert, gerät in den Abwertungsstrudel seiner Immobilie.
Gleiche Fördersätze für alle Lösungen
Damit Eigentümer bei einer energetischen Sanierung nicht überfordert werden, stellt der Staat Förderprogramme, etwa die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) bereit. Angesichts des heterogenen Zustands des Gebäudebestands sowie steigender Bau- und Handwerkskosten wäre es sinnvoll, die vielen verschiedenen Förderprogramme zielgerichteter zu gestalten. Konkret hieße das: Gleiche Fördersätze für alle Lösungen – sei dies der Heizungstausch, oder die energetische Sanierung der Gebäudehülle.
Denn nicht jedes Haus braucht als nächstes eine neue Heizung, sondern vielleicht zunächst neue Fenster. Wenn Heizung, Gebäudehülle und Technik gleichberechtigt wären, würde dies aus Sicht der Eigentümer wirklich „technologieoffener, flexibler und einfacher“ (Bundesregierung) sein.
Die konkreten Entscheidungen für jede Immobilie werden ohnehin vor Ort von unabhängigen und zertifizierten Energieberatern gemeinsam mit den Eigentümern getroffen. Dabei müssen sie bestmöglich unterstützt werden. Im Zuge der Umsetzung der EPBD könnten diese Maßnahmen auf den neuen, in der EPBD vorgeschriebenen Standard des Nullemissionshauses hin ausgerichtet werden – die Umsetzung der Richtlinie könnte hier richtig gemacht den wahren Bau- und Sanierungs-Turbo bringen.
EPBD könnte Gebäudebestand zukunftsfähig machen
Letztendlich bleibt es aus Sicht aller zu hoffen, dass sich die Politik auf unideologische, fachbezogene Leitlinien bei der Gebäudeenergie einigen wird, um die Gemengelage insgesamt zu entschärfen. Leitmotiv dieser Bundesregierung sollten Planungssicherheit, der Erhalt des erarbeiteten Wohlstands und bezahlbare Lebenshaltungskosten sein. Sprechen wir über Wohlstand, meinen wir hierzulande weniger Luxus, sondern vor allem ein gutes und lebenswertes Auskommen. Dazu gehört ein sorgenfrei warmes Zuhause in der kalten Jahreszeit. Für nichts anderes steht die EPBD.
Sie weist den dringend notwendigen Weg, um den Gebäudebestand insgesamt zukunftsfähig zu machen. Nicht nur im Sinne des Klimaschutzes, sondern auch für die Bezahlbarkeit des Wohnens in Deutschland. Tritt die Politik nun auf die Bremse, droht Eigentümern und Mietern eine schrittweise Enteignung ihrer vier Wände – über die Gebäudewärme.
Jan Peter Hinrichs ist Geschäftsführer des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG), der die an einer energieeffizienten Gebäudehülle beteiligte Industrie vertritt.
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