Erneuerbare Energien : Energiewende oder Rolle rückwärts?
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hält den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland für „völlig überzogen“. Solche Aussagen sind nicht nur kontraproduktiv, sondern ignorieren auch die Vorteile des Ausbaus regenerativer Energiequellen, schreibt Jörg Steinbach, bis 2024 Wirtschaftsminister in Brandenburg. Aus seiner Sicht muss die Bundesregierung zudem mehr für den Wasserstoffhochlauf tun.
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Die Energiewende in Deutschland und Europa ist ein zukunftsweisendes Projekt, das sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll ist. Der Ausbau erneuerbarer Energien (EE) ist dabei entscheidend, um den Übergang zu einer nachhaltigen Energieversorgung zu schaffen.
Deutschland hingegen hat bereits in den letzten Jahren wertvolle Zeit verloren und verpasst, die ambitionierten Klimaziele zu erreichen. Reduzierte Industrieproduktion kaschiert die wahre Situation. Angesichts einer prognostizierten Stromversorgungslücke von 25 Gigawatt (GW) im Jahr 2035 ist eine schnelle und umfassende Umsetzung unerlässlich.
Die Tendenz zur Rolle rückwärts kommt in den Äußerungen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zum Ausdruck, die auf dem „Tag der Industrie“ des BDI am 24. Juni den Ausbau der erneuerbaren Energien als „völlig überzogen“ bezeichnete. Reiche argumentierte, dass die Energiepreise zu hoch seien, weil der Fokus zu stark auf dem Ausbau erneuerbarer Energien gelegen habe und andere wichtige Bausteine des energiepolitischen Dreiecks aus dem Blickfeld geraten seien. Sie fügte hinzu, dass sie den Satz „Die Sonne schickt keine Rechnung“ als „bekloppt wie simpel“ empfinde.
Erneuerbaren senken den Strompreis
Solche Aussagen sind nicht nur kontraproduktiv, sondern ignorieren auch die langfristigen Vorteile erneuerbarer Energien und die Notwendigkeit, von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Hinzu kommt, dass die hier zitierten Kausalzusammenhänge leider falsch sind. Mehr EE führen zu einer Senkung des Strompreises. Leider kommt dieser Effekt durch die Netzentgeltpolitik nur begrenzt beim Verbraucher an. Dabei gilt es sehr wohl anzuerkennen, dass die Änderungen in der Berechnung der Netzentgelte durch die Bundesnetzagentur anfang dieses Jahres in die richtige Richtung gegangen sind.
Werden EE nicht in dem Maße weiter ausgebaut, wie von Bundesministerin Reiche vorgeschlagen, und müssen in der Stromlücke von 2035 Gaskraftwerke mehr leisten als nur die Lücken zu schließen, sondern werden kontinuierlicher Bestandteil der Versorgung, müssen die Strompreise zwangsläufig wieder steigen. Ich umgehe so allerdings die Herausforderung der Gestaltung eines Kapazitätsstrommarktes zum Ausgleich nur weniger Betriebsstunden von Gaskraftwerken, wenn sie quasi ausschließlich Stabilisierungsaufgaben in Zeiten haben, wenn die Leistung der EE eingeschränkt ist.
Wasserstoff-Hochlauf ist essenziell
Ein weiteres zentrales Element der Energiewende ist der Wasserstoffausbau. Die EU hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden, und Wasserstoff spielt eine zentrale Rolle in dieser Strategie. In Europa gibt es bereits zahlreiche Initiativen, wie die „H2-Strategie“, die die Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft vorantreiben. Deutschland hat hier zwar Fortschritte gemacht, bleibt jedoch hinter den Möglichkeiten zurück. Und auch auf diesem Gebiet möchte Bundesministerin Reiche die Aktivitäten reduzieren.
Der Wasserstoff-Hochlauf ist essenziell für das Erreichen der EU-Klimaziele, wird jedoch durch den Entwurf des Delegierten Rechtsaktes zu Low Carbon Fuels gefährdet. Diese Regulierung könnte den Hochlauf stoppen und die Wasserstoff-Industrie sowie den gerade beginnenden Infrastrukturaufbau ernsthaft gefährden. Anstatt dass die neue Bundesregierung hier Einfluss nimmt, indem sie klare Rahmenbedingungen schafft, die Investitionen anziehen und Innovationen fördern, verursacht sie Unsicherheiten und untergräbt das Vertrauen in diese zukunftsweisende Technologie. Die schlimmste akute Folge ist das Ausbleiben von finalen Investitionsentscheidungen in der Stahlindustrie, wie jüngst bei Arcelor Mittal in Brandenburg.
Grüner Wasserstoff bleibt das langfristige Ziel auf dem Weg zur Klimaneutralität. Doch ohne blauen Wasserstoff (CCU) und türkisen Wasserstoff (Pyrolyse) wird der Hochlauf scheitern, da die notwendigen Mengen nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit produziert werden können. Diese Technologien sind entscheidend, um die Produktionskapazitäten schnell zu erhöhen und die Wasserstoffversorgung sicherzustellen.
Eine Schlüsselstrategie ist die Entwicklung, wie auf einer Tagung des Port of Antwerp-Bruges zusammen mit Pflüger International durchgeführten Tagung formuliert wurde, eines „farbenblinden“ Wasserstoff-Marktes, der alle Formen von Wasserstoff – grün, blau und türkis – integriert. Dies würde die notwendigen Investitionen in Infrastruktur fördern, die Produktionskosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit von grünem Wasserstoff verbessern. Nur so kann die Wasserstoffwirtschaft auf einem soliden Fundament stehen.
Heißere Tage und extreme Wetterereignisse sollten uns als Motivation dienen, die Energiewende voranzutreiben und die damit verbundenen Herausforderungen proaktiv anzugehen. Diese klimatischen Veränderungen verdeutlichen die Dringlichkeit des Ausbaus erneuerbarer Energien und die Notwendigkeit, innovative Wasserstofflösungen rasch zu implementieren. Deutschland muss seine Vorreiterrolle ernst nehmen, die Weichen für eine nachhaltige Zukunft stellen und letztlich eine resiliente und grüne Energiezukunft gestalten. Nur durch eine integrierte und flexible Wasserstoffstrategie kann der Hochlauf gelingen und ein Beitrag zur globalen Klimaneutralität geleistet werden.
Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach war von 2018 bis 2024 brandenburgischer Wirtschaftsminister.
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