Klimawandel : Fünf Jahre nach der Ahrtalflut: Von der Gefahrenabwehr zur vorsorgenden Sicherheit
Am 14. Juli jährt sich die verheerende Hochwasserkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal. Die Ereignisse haben nicht nur zahlreiche Menschenleben gefordert und enorme materielle Schäden verursacht, sondern auch eine strukturelle Schwäche im Umgang mit Klimarisiken offengelegt. Fünf Jahre später darf der Blick nicht allein auf den Stand des Wiederaufbaus oder auf Maßnahmen gerichtet sein, die erst nach einer Katastrophe greifen, fordern Constanze Schmidt und Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut.
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Zwar wurden wichtige Fortschritte im Hochwasserschutz erzielt, dennoch bleibt der Umgang mit Klimarisiken vielfach reaktiv statt präventiv. Klimaanpassung und Klimaschutz werden noch zu sehr als zwei getrennte Baustellen behandelt: Während die einen Rückhaltebecken und Deiche planen, blicken die anderen auf Emissionspfade und CO2-Bilanzen.
Daher stellen sich die Fragen, welche strukturellen Defizite im Zusammenspiel von Klimaschutz und Klimaanpassung bestehen, wo Zielkonflikte mit gesellschaftlichen Nutzungsansprüchen auftreten und wie eine langfristig tragfähige Integration beider Handlungsfelder gemeinsam mit der Gesellschaft gelingen kann. Angesichts knapper planetarer Ressourcen, des fortschreitenden Klimawandels und eines sich schließenden Zeitfensters zur Erreichung der Klimaneutralität braucht es mehr als tragfähige Reaktionsmuster gegenüber Extremwetterereignissen wie im Ahrtal. In einer Zeit zunehmender (Klima-)Krisen sind Vorausschau, Vorsorge und eine klimasichere Entwicklung in der Breite gefragt.
Hochwasserschutz allein genügt nicht – die Flutkatastrophe im Ahrtal zeigte deutlich, dass es künftig weit über technische Schutzmaßnahmen hinausgehen muss. Optimierte Warnsysteme oder verbesserte Bevölkerungsschutzmaßnahmen sind unverzichtbar, greifen aber überwiegend erst im oder nach dem Katastrophenfall.
Mit einem sich beschleunigenden Klimawandel stößt dieses Verständnis von Sicherheit zunehmend an seine Grenzen. Der aktuelle Teilbericht des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) „Umwelt prägt Sicherheit“ verdeutlicht, dass Sicherheit nicht länger ausschließlich als Schutz vor akuten Gefahren verstanden werden solle, sondern als Fähigkeit von Gesellschaft, eine klimastabile Umwelt zu erhalten, Extremereignisse abzuschwächen und damit verbundene gesellschaftliche Risiken bereits im Vorfeld zu reduzieren.
Prävention wird so zu einem zentralen Element einer klimasicheren Entwicklung. Hierunter verstehen wir am Wuppertal Institut nicht nur, Emissionen zu senken und Schäden des Klimawandels zu begrenzen. Vielmehr geht es darum, Synergien zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung gezielt zu nutzen und dadurch vielfältige Mehrwerte für Gesellschaft und (Lebens-)Umwelt zu schaffen. Damit sollte die entscheidende Frage im Ahrtal nicht mehr nur lauten, wie wir auf Hochwasser reagieren, sondern wie wir Landschaften, Infrastrukturen und Siedlungen in ihren komplexen, auch gesellschaftlichen, Wechselwirkungen klimastabil für die Zukunft gestalten.
Zielkonflikte zwischen Klimapolitik und gesellschaftlichen Nutzungsansprüchen
Ein wesentliches strukturelles Defizit besteht im bislang unzureichenden Zusammenspiel von Klimaschutz und Klimaanpassung. Die oftmals institutionelle Trennung auf unterschiedlichen Ebenen führt häufig zu gesellschaftlich, ökologisch und ökonomisch ineffizienten Maßnahmen, Zielkonflikten und ungenutzten Synergien. Eine stärkere Verzahnung bedeutet zugleich, bestehende Nutzungssysteme neu auszubalancieren.
Beispielsweise verschärft der Klimawandel die Konkurrenz um Fläche. Es wird immer sichtbarer, dass dieselben Räume künftig deutlich mehr Funktionen gleichzeitig erfüllen müssen. Flächen für Wohnungsbau, Gewerbe und Verkehr konkurrieren mit dem Bedarf an Flächen für Entsiegelung, den Ausbau grüner Infrastrukturen und die Schaffung von Retentionsräumen. So wurde das geplante Konzept „Dem Fluss mehr Raum geben“ mit der Debatte um die Flächen im Ahrtal gegenüber der Ursprungsversion deutlich eingeschränkt. Die Flächenkonkurrenz wird damit zu einem zentralen Strukturproblem einer integrierten Klimapolitik und verdeutlicht, dass Anpassung und Klimaschutz nur im Zusammenspiel mit Raumplanung und Flächenmanagement wirksam werden können.
Bei Zielkonflikten dieser Art ist es daher maßgeblich, dass eine transparente, politische Prioritätensetzung auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene stattfindet und Lösungen an langfristigen Klima-, Umwelt- und Gemeinwohlzielen ausgerichtet werden und mehrere Zwecke abdecken. Beispielsweise können bei mangelnden Potenzialflächen zum Wiederaufbau mehrstöckige Gemeinschaftswohnkonzepte dazu beitragen, den Flächenverbrauch zu reduzieren und Raum für Grünflächen, Entsiegelung und Retentionsflächen zu erhalten.
Klimasichere Entwicklung mit Mehrwert
Naturbasierte Lösungen tragen laut WBGU im besonderen Maße zu einer klimasicheren Entwicklung mit Mehrwerten für die Gesellschaft bei. Der Wiederaufbau im Ahrtal verdeutlicht, dass eine klimastabile Entwicklung in einer solch vulnerablen Region nicht allein auf den Ersatz zerstörter Infrastruktur abzielen kann. Renaturierte Flussauen und naturnahe Retentionsräume können Hochwasserspitzen mindern, Wasser in der Landschaft speichern und gleichzeitig Kohlenstoff binden.
Der Mehrwert solcher Maßnahmen reicht damit weit über den Klimaschutz und die Klimaanpassung hinaus. Intakte Ökosysteme sichern neben dem Grundwasserhaushalt, Gesundheit, wirtschaftliche Stabilität und nicht zuletzt gesellschaftliche Sicherheit. Ein Wiederaufbau ermöglicht auch rein integrierte Maßnahmen wie die Umstellung auf ein klimafreundliches Mobilitätssystem anstelle autozentrierter Verkehrsstrukturen, zirkuläre und energieeffiziente Gebäude oder eine dezentrale Energieversorgung, die die Ausfallsicherheit gegenüber Extremereignissen erhöht.
Transformationsbedarfe
Während die Vorteile einer klimasicheren Entwicklung wie geringere Schadenskosten, höhere Widerstandsfähigkeit oder eine bessere Lebensqualität langfristig allen zugutekommen, entstehen die Belastungen oft kurzfristig und konzentrieren sich auf einzelne Regionen und Akteursgruppen.
Damit diese Transformation gesellschaftlich tragfähig gelingt, sind die sozialen Implikationen sorgsam zu betrachten und zielorientierte Förderinstrumente, faire Ausgleichs- und Kompensationsmechanismen sowie eine frühzeitige Beteiligung Betroffener erforderlich. Ebenso braucht es eine gute Kommunikation darüber, wie präventive Investitionen in eine klimasichere Entwicklung nicht nur zukünftige Schäden vermeiden, sondern Sicherheit, Lebensqualität und wirtschaftliche Stabilität langfristig sichern.
Die Lehre aus der Flutkatastrophe im Ahrtal zeigt, dass Risiken, insbesondere in historisch prädestinierten Lagen, bereits im Vorfeld systematisch zu reduzieren sind. Gesellschaftliche Sicherheit entsteht nicht erst durch die Bewältigung von Krisen, sondern durch den Erhalt einer klimastabilen Umwelt und die vorsorgende Gestaltung resilienter Landschaften und Siedlungsräume, bei der Klimaschutz und Klimaanpassung integriert in der Praxis umgesetzt und dadurch langfristige Mehrwerte geschaffen werden.
Constanze Schmidt ist Wissenschaftliche Referentin für strategische Themenfeldentwicklung Klimaanpassung am Wuppertal Institut, Anja Bierwirth ist Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel am Wuppertal Institut.
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