Dezentralisierung : Keine Energiewende ohne Digitalwende
Deutschland debattiert leidenschaftlich über Heizungsgesetze und Verbrenner, übersieht aber das eigentliche Nadelöhr: die veraltete Energieinfrastruktur. Die Zahl dezentraler Anlagen wächst exponentiell. Dennoch wird versucht, dieses neue komplexe System mit Verwaltungsmethoden der Vergangenheit zu steuern. Björn Waide von Lynqtech analysiert, warum das nicht aufgehen kann. Er empfiehlt, Infrastrukturprobleme als Software-Herausforderung zu begreifen.
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Die Energiewende wird nicht in den Konferenzräumen der Bundesnetzagentur gewonnen. Sie wird auch nicht allein durch bessere Förderungen oder schärfere Gesetze entschieden. Wenn wir ehrlich sind, entscheidet sie sich dort, wo Politik auf Realität trifft: auf dem Smartphone der Endkund:innen.
Und genau das ist gerade das Problem: Wenn eine Hausbesitzerin drei Monate oder länger auf einen Smart Meter wartet und dabei mit vielen verschiedenen Formularen kämpft; wenn eine Familie ihre Solaranlage nicht ans Netz bekommt, weil der Genehmigungsprozess eine Blackbox bleibt; wenn ein E-Auto-Fahrer seinen dynamischen Stromtarif nicht versteht – dann scheitert die Energiewende nicht an der Technologie. Sie scheitert an der „User Experience“.
Für mich als Informatiker und Quereinsteiger in die Energiewirtschaft ist der Befund eindeutig: Wir haben in Deutschland kein Energieproblem. Wir haben ein Software- und Prozessproblem.
Das lineare Dilemma in einer exponentiellen Welt
Wir versuchen derzeit, ein hochkomplexes, dezentrales und sich veränderndes Energiesystem mit den Werkzeugen des letzten Jahrhunderts zu managen. Unsere Prozesse sind linear: Antrag, manuelle Prüfung, Genehmigung, Umsetzung. Das funktionierte vielleicht in einer Welt, die noch von Großkraftwerken dominiert wurde.
Aber die neue Energiewelt ist exponentiell. Wir reden über Millionen von PV-Anlagen, Wärmepumpen und Wallboxen, die ans Netz müssen – und zwar gestern. Das Marktstammdatenregister ist voll von fehlerhaften Einträgen, weil Nutzer:innen an der Komplexität scheitern. Der Anschluss nach § 14a EnWG wird zum Nadelöhr, weil Netzbetreiber in Anträgen ertrinken.
Die mathematische Logik ist hier gnadenlos: Ein exponentielles Wachstum an dezentralen Assets lässt sich nicht mit linearen Verwaltungsprozessen bewältigen. Wer versucht, diese Welle mit mehr Sachbearbeitern oder Formularen zu brechen, wird untergehen.
Komplexität lässt sich nicht wegregulieren – aber automatisieren
86 Prozent der Stadtwerke berichten, dass regulatorische Anforderungen ihre Arbeit behindern. Der Reflex der Politik ist oft: Wir müssen vereinfachen. Das ist richtig, aber es dauert zu lange. Wir können nicht auf das perfekte Gesetz warten.
Die Lösung liegt in der technologischen Abstraktion. In der IT kennen wir das Prinzip: Wir bauen eine einfache Oberfläche („Frontend“), die im Hintergrund („Backend“) die Komplexität managt.
Ein Beispiel aus der Praxis: der Smart-Meter-Rollout. Deutschland leistet sich mehr als 800 grundzuständige Messstellenbetreiber, jeder mit eigenen Prozessen. Für den Kunden ein Labyrinth, aus dem sie oft über Monate nicht hinausfinden. Wir verkürzen diesen Prozess durch eine Plattformlogik mit intelligenter Automatisierung im Hintergrund. Die Bürokratie bleibt bestehen – aber sie wird für den Menschen unsichtbar.
KI als Turbo für Skalierung
Hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie ist das Werkzeug, um die Energiewende zu skalieren.
- Plausibilitätsprüfung: Warum muss ein Mensch prüfen, ob Modulleistung und Wechselrichter einer PV-Anlage zusammenpassen? KI erledigt das in Millisekunden und verhindert Fehler, bevor sie im Marktstammdatenregister landen.
- Prozess-Automatisierung: Intelligente OCR-Systeme können Installationsnachweise und Zählerstände fehlerfrei auslesen, wo heute noch abgetippt wird.
- Predictive Maintenance: Statt auf den Ausfall zu warten, sagt die Datenanalyse dem Versorgungsnetzbetreiber, wann das Netz lokal an seine Grenzen kommt.
Vom Lastenheft zur Co-Creation
Um diese PS auf die Straße zu bringen, müssen wir auch die Art und Weise ändern, wie Energieversorger und Tech-Branche zusammenarbeiten. Das klassische „Wasserfall-Modell“ – Lastenheft schreiben, Ausschreibung, zwei Jahre Entwicklung – ist tot. Bis die Software fertig ist, hat sich die Regulierung dreimal geändert.
Wir brauchen Co-Creation. Stadtwerke bringen ihr tiefes Domänenwissen und das Vertrauen vor Ort mit. Tech-Unternehmen bringen die Geschwindigkeit und die Tools (wie Low-Code und KI-Coding).
Fazit: Mut zur digitalen Pragmatik
Die Energiewende ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir können diesen Wettlauf nicht gewinnen, wenn wir auf den perfekten regulatorischen Rahmen warten.
Der Infrastrukturwandel dauert jetzt schon 20 Jahre und wird noch mindestens 20 weitere Jahre benötigen. Die Regulatorik passt sich auch nur inkrementell dem Zielmodell an. Fünf Millionen Kilometer Kabel zu erneuern – das dauert. Digitalisierung ist viel schneller. Dafür müssen aber Infrastrukturprojekte und IT-Projekte aufeinander abgestimmt werden. Bislang wurde IT treppenförmig dem Wandel in der Infrastruktur und Regulatorik angepasst. Durch ein KI-gestütztes Modell können wir viel kleinere Inkremente machen, die dann einen wirklichen Mehrwert für Kund:innen schaffen.
Das heißt: Wir müssen anfangen, Infrastruktur-Probleme als Software-Probleme zu begreifen. Wenn der Prozess klemmt, brauchen wir kein neues Formular, sondern eine bessere Software-Schnittstelle. Wenn die Kundin verzweifelt, brauchen wir keine Hotline, sondern eine intuitive App.
Technologie ist kein Selbstzweck. Sie ist das beste Werkzeug, das wir haben, um die gewaltige Komplexität der Energiewende so zu orchestrieren, dass sie für den Menschen einfach bleibt. Fangen wir an, sie zu nutzen.
Björn Waide ist Geschäftsführer des Technologieunternehmens Lynqtech. Das aus Enercity ausgegründete Unternehmen entwickelt Software für Energieversorger.
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