Windenergie : Mehr Onshore wagen – warum Deutschlands Energiewende jetzt Mut zur Umverteilung braucht
Genehmigte Onshore-Windprojekte stehen bereit, doch politische Zögerlichkeit droht den Windenergie-Ausbau auszubremsen, warnt Johannes Thon. Der Geschäftsführer von European Energy Deutschland plädiert für eine Verschiebung ungenutzter Offshore-Kapazitäten zur Windenergie an Land.
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Die deutsche Energiewende hat kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Onshore-Windenergie und Photovoltaik sind heute die kostengünstigsten und effizientesten Formen der Stromerzeugung. Trotzdem werden auf europäischer Ebene Offshore-Kapazitäten von rund 450 Gigawatt geplant, während an Land ein beträchtlicher Teil des kurzfristig realisierbaren Potenzials ungenutzt bleibt.
Die aktuellen EEG-Ziele werden mit den bestehenden Ausschreibungsmengen schlicht nicht erreicht. Aktuell sind 66,6 Gigawatt Onshore-Leistung installiert, bis 2030 sollen es 115 Gigawatt sein, um den zu erwartenden Strombedarf zu decken. Daraus ergibt sich eine Ausbaulücke von knapp 50 Gigawatt – zuzüglich weiterer etwa 12 Gigawatt, die durch den Rückbau von Altanlagen vom Netz gehen. Letztere werden in den Berechnungen der Bundesnetzagentur sowie den Ausschreibungsmengen bislang nicht ausreichend berücksichtigt.
Mehr Onshore zulassen, EEG konsequent anpassen
Dabei sind die Projekte vorhanden: In Deutschland warten bereits jetzt rund 15 Gigawatt genehmigte Onshore-Windprojekte lediglich auf einen EEG-Zuschlag. Diese Größenordnung macht deutlich, welcher Kraftakt vor uns liegt. Umso naheliegender wäre es daher, zumindest einen Teil der bislang für Offshore vorgesehenen Kapazitäten kurzfristig dem Onshore-Ausbau zuzuschlagen.
Kurzfristig könnte die Bundesnetzagentur im Rahmen ihres Entscheidungsspielraums die Ausschreibungsmengen moderat nach oben anpassen. Selbst eine Anhebung um die möglichen 20 Prozent hätte spürbare Wirkung. Mittelfristig muss sich diese Korrektur in der kommenden EEG-Novelle widerspiegeln.
Der Vorteil einer solchen Umverteilung liegt auf der Hand: Onshore-Projekte sind schneller realisierbar, günstiger, brauchen einen geringeren Netzausbau und sind unmittelbar wirksam für Klimaziele und Strompreise. Schon heute ist absehbar, dass auch im Jahr 2026 weitere zehn Gigawatt an genehmigten Projekten hinzukommen könnten. Die Pipeline ist also nicht das Problem – die politische Rahmensetzung ist es.
Politik, Industrie und Netze müssen mitziehen
Gleichzeitig darf man die strukturellen Schwierigkeiten nicht ausblenden. Für Projektentwickler wird es eng: Genehmigungsverfahren sind durch ein Dickicht an Behördenkosten teuer geworden und belasten die Projektkalkulationen. Parallel sinkt die Profitabilität vieler Projekte durch Redispatch-Problematiken, niedrige Ausschreibungspreise und steigende Nebenkosten. Teilweise unverhältnismäßige Beteiligungsgesetze, vor allem in einigen östlichen Bundesländern, schlagen zusätzlich auf die Profitabilität von Projekten für erneuerbare Energien.
Die andauernde Unsicherheit rund um die EEG-Novelle lähmt zusätzlich die Investitionsbereitschaft. Kaum ein Unternehmen kann aktuell seine Kapazitäten erweitern – zu präsent ist die Erinnerung an den Markteinbruch in der vorletzten Legislaturperiode.
Die Windbranche stellt sich diesem Druck. Kostenstrukturen werden über die Nutzung von Skaleneffekten vor allem bei den Herstellern weiter optimiert. Bei der Verhandlung von Pachten kehrt auf Seiten der Grundstückseigentümer (auch der staatlichen) langsam Realismus ein. Gewinnmargen in der gesamten Wertschöpfungskette von Bauleistungen bis hin zu den Wartungsarbeiten werden reduziert. Trotz dieses schwierigen Umfeldes können Projekte noch wirtschaftlich umgesetzt werden.
Politisches Warnsignal
Es ist ein Warnsignal, wenn politisch jetzt nicht die Weichen für einen weiter stabilen Zubau gestellt werden. Die Zuschlagszahlen müssen auf dem Niveau von 2025, wo knapp 15 Gigawatt erreicht worden sind, gehalten werden. Das Nadelöhr Netzausbau beziehungsweise die optimierte Netznutzung muss ernsthaft angegangen werden. Die Flexibilisierung sowohl der Erzeugung als auch des Verbrauchs können hier kurzfristig Abhilfe schaffen.
Der strategische Nutzen eines starken Onshore-Ausbaus ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland unerlässlich. In den vergangenen Jahren haben öffentliche Verwaltungen, Hersteller, Netzbetreiber wie auch Projektentwickler enorme Vorarbeit geleistet, was sich in den hohen Genehmigungszahlen widerspiegelt. Die investierten Ressourcen jetzt nicht zu nutzen, wäre fahrlässig. Deutschland könnte davon unmittelbar profitieren – durch weiter sinkende Stromkosten, eine höhere Resilienz des Energiesystems und einen beschleunigten Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.
Verlässlichkeit statt Schlingerkurs
Was es jetzt braucht, ist politische Verlässlichkeit. Ein klares Signal, dass Ausbauziele nicht nur formuliert werden. Sondern, dass Ziele auch mit realistischen Ausschreibungsmengen und stabilen Rahmenbedingungen für Betreiber und Hersteller hinterlegt werden.
Die Branche ist bereit, die Projekte sind vorhanden, die Klimaziele drängen. Eine partielle Umschichtung von Offshore- zu Onshore-Kapazitäten wäre kein Rückschritt, sondern ein pragmatischer Schritt nach vorn.
Wer Tempo will, muss dort ansetzen, wo Projekte schon genehmigt sind. Mehr Onshore zu wagen, heißt nicht, weniger Offshore zu wollen. Es heißt, Chancen nicht länger ungenutzt zu lassen.
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