Wasserstoff-Markthochlauf : Nur wenige Normungslücken beim Wasserstoff
Damit Wasserstoff sein Potenzial für Klimaschutz und Versorgungssicherheit ausschöpfen kann, braucht es verlässliche Regeln – Normen und Standards. Lydia Vogt vom Deutschen Institut für Normung (DIN) zeigt, wo das technische Regelwerk bereits trägt – und wo noch Lücken bestehen.
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Klimaneutral erzeugter Wasserstoff ist ein zentraler Baustein der deutschen Energiewende – vor allem dort, wo Elektrifizierung an ihre Grenzen stößt. Klar ist: Ohne ein solides Fundament an Normen wird der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft nicht gelingen. Sie legen Anforderungen an Produkte wie Pumpen, Kompressoren und Leitungen sowie an Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette fest.
Für neue Technologien und Anwendungen rund um Wasserstoff können nicht von Anfang an alle erforderlichen Normen vorliegen. Gerade deshalb ist die Normungsroadmap Wasserstofftechnologien ein zentrales Instrument, um Orientierung zu geben und den Markthochlauf gezielt zu unterstützen. Sie wurde 2023 als Verbundprojekt von DIN, DKE, DVGW, NWB e. V., VDA, VDI und VDMA unter Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) gestartet. Die Roadmap bietet einen Überblick über bestehende Normen und Standards und benennt gezielt die Lücken, die für den Hochlauf noch geschlossen werden müssen. Über 700 Expertinnen und Experten haben den Status quo des technischen Regelwerks analysiert und ein öffentlich zugängliches Verzeichnis erstellt, das eine Übersicht über mehr als 1.000 relevante Normen und Standards gibt.
Mehr als 300 Handlungsempfehlungen
Seit dem 6. November ist die zweite Ausgabe des Dokuments öffentlich verfügbar. Um Lücken bei den Standards zu schließen, haben die Verfasser*innen rund 300 Empfehlungen für Normungsprojekte formuliert. 64 Prozent davon sind bereits in Umsetzung oder Vorbereitung. Die Branche ist also in Bewegung – jetzt gilt es, das Tempo zu halten, damit Deutschland beim Wasserstoff vorne bleibt.
Die Roadmap ist in fünf Bereiche gegliedert: Erzeugung, Infrastruktur, Anwendung, Qualitätsinfrastruktur sowie Weiterbildung, Zertifizierung und Sicherheit. Insgesamt zeigt sich: Die Normung zu Wasserstofftechnologien ist weit fortgeschritten, auch wenn in einzelnen Feldern noch Standards fehlen. Im Folgenden ein Überblick zum aktuellen Stand:
Erzeugung: Standards für Elektrolyse vorhanden, andere Verfahren mit Nachholbedarf
Für die Erzeugung von Wasserstoff durch Elektrolyse existiert ein ausgereiftes Regelwerk. Andere Herstellungsverfahren, die nicht auf konventionellen Methoden wie der Dampfreformierung basieren, sind hingegen noch nicht ausreichend standardisiert. Gerade hier besteht die Notwendigkeit, Forschung und Normung noch enger zu verzahnen, damit innovative Verfahren schneller marktreif werden. In angrenzenden Bereichen wie Gesamtsystemintegration, Wasserstoffbeschaffenheit, Nachhaltigkeitsaspekte und Nachweisführung sind relevante Normen vorhanden und werden in den kommenden Jahren weiter ergänzt.
Infrastruktur: Lücken bei Untertage-Gasspeichern und Verflüssigung
Für die leitungsgebundene Infrastruktur – etwa beim Bau des Wasserstoff-Kernnetzes – gibt es ein umfassendes und bewährtes Regelwerk. Es deckt die Bereiche Rohrleitungen, Transport- und Verteilnetze sowie die Anlagentechnik für den Betrieb ab. Auch im Bereich der stationären und beweglichen Druckbehälter existiert bereits ein ausgereiftes Regelwerk, das kontinuierlich weiterentwickelt wird.
Deutliche Lücken bestehen jedoch bei Untertage-Gasspeichern: Hier müssen bestehende Standards aus dem Erdgasbereich grundlegend an die Anforderungen von Wasserstoff angepasst werden. Ähnlich sieht es bei der Verflüssigung, bei Trägern und Derivaten aus: Das vorhandene Regelwerk ist noch rudimentär und muss auf Basis neuer Forschungsergebnisse weiterentwickelt werden. Wann dies abgeschlossen sein wird, ist derzeit offen.
Anwendung: Wärmebereich abgedeckt
Für industrielle Anwendungen, Kraftwerke und Brennstoffzellen liegen umfassende Normen und Standards vor. Auch im Wärmebereich ist das Regelwerk zur Nutzung von Wasserstoff weitgehend vollständig. Mit dem Leitfaden für H2-Ready-Gasanwendungen (G 655) wurden zentrale Lücken geschlossen. Damit gibt es klare Vorgaben für Planung, Bau und Betrieb von Wasserstoffanlagen sowie für die Umstellung auf H2-Gemische und reinen Wasserstoff.
Heizkessel werden durch Zertifizierungsprogramme unter anderem auf Dichtheit, Emissionen und Effizienz geprüft. Entsprechend zertifizierte Geräte dürfen bis zu 20 Prozent Wasserstoff nutzen und können nach EU-Vorgaben zugelassen werden. Die Normreihe DIN EN 15502 für Brennwertkessel wurde bereits auf 20 Prozent Wasserstoff angepasst und soll bis Ende 2026 auf 100 Prozent erweitert werden. Welcher Wärmeerzeuger welchen Wasserstoffanteil verträgt, hängt vom jeweiligen Gerät ab. Weitere Normen für Heiztechnologien werden nach 2025 überarbeitet. Gerade im Wärmemarkt zeigt sich, wie wichtig es ist, Normung und Zertifizierung eng zu verzahnen. Nur so können Verbraucher und Hersteller auf Sicherheit und Verlässlichkeit bauen – und die Energiewende im Gebäudebereich gelingt.
Anwendung: Nachholbedarf im Luftverkehr
Auch im Bereich Mobilität ist die Normung unterschiedlich weit fortgeschritten. Für den Straßenverkehr liegt ein nahezu vollständiges Regelwerk vor. Im Schienen- und Schiffsverkehr werden bestehende Normen weiterentwickelt, mit besonderem Fokus auf sicherheitsrelevante Aspekte wie Dichtheitsprüfungen und Berstschutz. Im Luftverkehr hingegen besteht noch erheblicher Nachholbedarf: Die Anwendung von Wasserstoff und darauf basierenden Kraftstoffen steckt in den Anfängen. Es fehlen grundlegende Normen, Umsetzung und Zeitplan für Pilotprojekte sind offen. Wenn wir hier international wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir Pilotprojekte vorantreiben.
Qualitätsinfrastruktur: Gut aufgestellt
In der Messtechnik liegen viele anwendbare technische Regelwerke vor. Noch offene Normen für Analyse-, Messgeräte- und Zähler werden derzeit erarbeitet oder überarbeitet. Auch für metallische Werkstoffe, Komposite und Kunststoffe ist das Regelwerk grundsätzlich arbeitsfähig. Für Bauteile der Wasserstoffinfrastruktur, -versorgung und -anwendung liegt ein nahezu vollständiges Regelwerk vor. Wichtige Lücken wurden durch die Projekte der Normungsroadmap geschlossen und erste überarbeitete Standards Anfang 2025 veröffentlicht – ein gelungener Fortschritt.
Weiterbildung, Sicherheit, Zertifizierung: Künftige Anwendungen noch abzudecken
Die Sicherheit von Wasserstoffanwendungen ist durch ein ausgereiftes technisches Regelwerk gewährleistet. Lücken bestehen noch für neue Anwendungen wie kryogenen Wasserstoff oder sehr hohe Drücke – hier werden Ergänzungen folgen müssen. Für die Qualifikation von Fachkräften sind rechtliche Vorgaben und Regeln auf nationaler Ebene definiert. Gerade bei der Aus- und Weiterbildung ist entscheidend, die Qualifikationsanforderungen regelmäßig zu überprüfen und anzupassen. Nur so bleibt die Branche zukunftsfähig und sicher. Auch auf Produktebene ist Verlässlichkeit gefragt: Produkte, die Wasserstoff nutzen, können bereits auf Basis bestehender Normen zertifiziert werden.
Fazit: Normung als Schlüssel für den Markthochlauf
Die zweite Ausgabe der Normungsroadmap zeigt: Deutschland ist bei der Normung von Wasserstofftechnologien gut aufgestellt. Einzelne Lücken bleiben – sie zu schließen, ist Aufgabe der kommenden Jahre. Wer die Zukunft der Wasserstoffwirtschaft mitgestalten will, sollte sich aktiv in die Normung einbringen. Nur gemeinsam schaffen wir die Basis für Innovation und Klimaschutz.
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